War Jorge Luis Borges, der sich selbst einen „bloßen Literaten aus der bloßen argentinischen Republik“ nannte, der wichtigste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts? Das ist natürlich nicht zu beantworten. Denn was soll „wichtigster Schriftsteller“ heißen? Der meistgelesene? Der innovativste? Der meistverkaufte? Bedenkt man die imponierende Anzahl von Autoren und Intellektuellen, die Borges’ Bedeutung für ihr eigenes Werk ausdrücklich anerkannt haben – von Auster bis Bolaño, von Calvino bis Chiang, von Cărtărescu bis Chabon, von Eco bis Ende, von Foucault bis García Márquez, von Han Kang bis Keret, von Kiš bis Knausgård, von Le Guin bis Mbougar Sarr, von Joyce Carol Oates bis Pamuk, von Perec bis Rushdie, von Sacks bis Sebald, von Saramago bis Samanta Schweblin, von Steiner bis Vargas Llosa: Dann scheint jedenfalls unbestreitbar, dass Borges ziemlich einflussreich war.
Jorge Luis Borges, geboren 1899 in Buenos Aires und gestorben vor vierzig Jahren, am 14. Juni 1986, in Genf, schrieb keine Romane – er hielt sich selbst für „unverbesserlich faul“ und den Roman für eine „meist übertriebene Form, die auf vielen Seiten sagt, was auf wenigen genauer ausgedrückt werden könnte“. Dafür schrieb er Gedichte, die zu den schönsten der spanischen Sprache zählen, gelehrte und erstaunlich unterhaltsame Essays – die sich mit den englischen Übersetzungen der „Odyssee“ oder den christlichen Ketzern des zweiten Jahrhunderts, mit der zyklischen Natur der Zeit oder den Metaphern der altisländischen Eddas befassen – und viele Kurzgeschichten.
Spiegel, Labyrinthe, Bücher in Büchern und magische Gegenstände
Die bekanntesten unter ihnen – „Die Bibliothek von Babel“, „Der Unsterbliche“, „Der Garten der Pfade, die sich verzweigen“ – sind wegweisende Beispiele jener „literatura fantástica“, die in Argentinien und weiten Teilen Lateinamerikas seit jeher einen festen Platz im literarischen Mainstream einnimmt. Sie sind voll von Symbolen wie Spiegeln, Labyrinthen, Büchern in Büchern oder magischen und verfluchten Gegenständen, von Verweisen auf reale oder erfundene Autoren, antike Länder und Kulturen – aber auch auf alltägliche Ecken von Buenos Aires.
Ihre Themen sind die persönliche Identität und der freie Wille, das Wesen der Zeit oder der Fluch eines – wie im Fall von Borges selbst, einem radikal aufmerksamen und klugen Leser – übermäßig scharfen Gedächtnisses. Wie Borges’ Leser wissen, werden seine Geschichten – die längsten überschreiten kaum fünfzehn Seiten – mit den Jahren reicher: Jede neue Begegnung legt neue Lesarten offen.
Detaillierte Anmerkungen helfen auch denen, die Borges kennen
Gerade hat der Kampa Verlag Borges’ sämtliche Erzählungen unter dem Titel „Die unendliche Bibliothek“ auf Deutsch neu aufgelegt. Dazu ist „Atlas“ erschienen, ein schmales Reisebuch mit Texten von Borges und Bildern von María Kodama, einer japanisch-argentinischen Studentin des Autors, die ihn, seit Jahrzehnten blind, in den letzten Jahren seines Lebens durch die Welt begleitete – und die Borges kurz vor seinem Tod heiratete. „Die unendliche Bibliothek“ enthält überarbeitete Fassungen der alten Übersetzungen von Karl August Horst, Wolfgang Luchting und Gisbert Haefs – die heute nur antiquarisch zu finden sind. Hinzu kommen zahlreiche und detaillierte Anmerkungen zu den Erzählungen. Sie sind nicht nur für diejenigen hilfreich, die Borges bisher nicht kannten.
Trotzdem ist man versucht zu fragen, inwieweit die vielen Erläuterungen Borges’ wesentlicher Einladung an seine Leser zuwiderlaufen: nämlich eine detektivische Rolle bei der Lektüre einzunehmen. Also zu verstehen, wie ein Motto oder die flüchtige Erwähnung eines obskuren Autors zum Schlüssel einer Geschichte werden kann; wie sich unter einer scheinbar einfachen Handlung leidenschaftliche philosophische Spiele verbergen. Das geduldige Hadern mit Borges ist zu einem großen Teil das, was ihn so ungemein faszinierend und ergiebig macht.
Fünf Geschichtensammlungen in einem Band
Diese deutsche Neuauflage ist – jedenfalls für Borges’ Liebhaber – eine kleine Sensation. Sie umfasst die fünf Kurzgeschichtensammlungen, die Borges ab 1937 – im Alter von 36 Jahren, bis dahin nur in argentinischen Intellektuellenkreisen als Dichter und Kritiker bekannt – zu veröffentlichen begann und die seinen internationalen Ruhm begründeten: „Universalgeschichte der Niedertracht“, „Fiktionen“, „Das Aleph“, „David Brodies Bericht“, „Das Sandbuch“ und „Shakespeares Gedächtnis“.
Jorge Luis Borges: „Die unendliche Bibliothek. Sämtliche Erzählungen“.KampaFür neue Leser sind die letzten zwei Sammlungen womöglich der beste Einstieg in Borges’ Welt: Sie zeigen viele seiner thematischen Obsessionen, gelten aber als zugänglicher als „Fiktionen“ (1944) und „Das Aleph“ (1949), Borges’ berühmteste Bücher. „Shakespeares Gedächtnis“ von 1983 enthält schlichte, schöne Geschichten, die dennoch sofort als „typisch Borges“ erkennbar sind. In der Titelgeschichte bekommt der Erzähler das unheimliche Geschenk, alle Erinnerungen des englischen Dramatikers zu besitzen – sie treiben ihn beinahe in den Wahnsinn. „Die Rose des Paracelsus“ wiederum ist eine bewegende Allegorie über die Unvermittelbarkeit von Wissen und die Einsamkeit eines alten Meisters.
Die Bände aber chronologisch nach ihrem Erscheinen zu lesen, ermöglicht, Entwicklungslinien in Borges’ Schreiben zu verfolgen. Die Geschichten in „Universalgeschichte der Niedertracht“ sind noch drehbuchartige Skizzen fiktiver Biographien – sie handeln von Betrügern und Mördern: einem falschen Mystiker aus dem Mississippi, einer brutalen chinesischen Piratin. Dann folgen „Fiktionen“ und „Das Aleph“ mit ihren phantastischen Erzählungen, die die Literatur des 20. Jahrhunderts revolutionierten, indem sie philosophische und mathematische Fragen mit prägnanter Prosa verbanden.
Jorge Luis Borges, im Jahr 1943 fotografiert von Gisèle FreundInterfotoDie großartige Geschichte „Tlön, Uqbar, Orbis Tertius“ erzählt von der fortschreitenden Auflösung der realen Welt durch eine fiktive Enzyklopädie, verfasst von einer Sekte von Fanatikern – und ist zugleich eine hochaktuelle Reflexion über die Macht von Verschwörungstheorien und nationalistischer Rhetorik. „Der Unsterbliche“ folgt einem römischen Soldaten, der das ewige Leben sucht. Er findet es in einer zerstörten, monströsen Stadt. Danach verbringt er Jahrhunderte auf der Suche nach einem Weg, wieder sterblich zu werden.
Die späteren Sammlungen sind nicht weniger anregend, sind aber – wie Borges selbst sagte – „direkter“, intimer und stehen dem literarischen Realismus näher: Mit einsetzender Erblindung Mitte des 20. Jahrhunderts konnte Borges weder die vielen Bücher minutiös lesen, auf denen seine komplexesten Handlungen basierten, noch das Selbstgeschriebene überarbeiten; er war auf Vorleser und Schreiber angewiesen – zuerst auf seine Mutter, dann auf eine lange Reihe von Menschen: platonische Lieben aus der argentinischen Oberschicht, Studenten, Übersetzer, künftige Schriftsteller.
Borges selbst hielt sein Werk für grundsätzlich irrelevant
Eine sorgfältige Lektüre von Borges’ Erzählungen könnte außerdem noch etwas anderes ermöglichen: das Ausräumen zweier hartnäckiger Gemeinplätze. Der erste: Borges sei ein intellektueller Autor, ein Mathematiker, unfähig zu jedem Gefühlsausdruck. Dabei sind die meisten seiner Geschichten verschlüsselte Texte über ihn selbst: über die Einsamkeit seiner Blindheit, die Frustration über seine vielen unerwiderten Lieben und das, was er – aus heutiger Sicht skandalös – als die grundsätzliche Irrelevanz seines eigenen Werkes betrachtete.
„Das geheime Wunder“ etwa, über einen jüdischen Schriftsteller in Prag, der kurz vor seiner Hinrichtung durch deutsche Soldaten von Gott ein Jahr Zeit erhält, sein Werk zu vollenden, ist eine melancholische Betrachtung der Vergänglichkeit von Kunst. „Ulrica“, der isländischen Mythologie entlehnt, erzählt von einer Liebesnacht, die womöglich nur ein Traum war. „Das unerbittliche Gedächtnis“ handelt von einem uruguayischen Bauern, der nichts vergessen kann, was er je wahrgenommen hat – und ist, wie Borges selbst erklärte, „eine Metapher der Schlaflosigkeit“, die den Schriftsteller sein Leben lang quälte.
Der „europäische Borges“ ist ein Klischee
Der zweite Gemeinplatz ist der „europäische Borges“, der sich wenig mit argentinischen Themen befasste, dessen literarischer Bezugspunkt hauptsächlich der „alte Kontinent“ war. Die Realität ist etwas komplexer. Das europäische Element ist unbestreitbar. Doch Klassiker wie „Der Tod und der Kompass“, die meisten Erzählungen in „Doktor Brodies Bericht“ sowie etliche seiner Gedichte spielen, explizit oder symbolisch, in Buenos Aires.
Und Borges begeisterte sich für lateinamerikanische Lyrik, die jüdische Kabbala, indische, japanische und chinesische Mythologien und arabische Literatur. Er war es, der Autoren wie García Márquez die Bedeutung der „Tausendundeinen Nacht“ zeigte – Autoren, die ihrerseits, in einem perfekten Borges’schen Kreis, zur Inspiration für neuere arabische Schriftsteller wurden.
Jorge Luis Borges war ein apolitischer Konservativer, er erkannte und verurteilte die Verbrechen der argentinischen Militärdiktatur erst am Ende seines Lebens. Doch er verstand sich stets als Kosmopolit. Das bedeute, sagte er einmal, nicht „Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Land“, sondern „den großzügigen Anspruch, für alle Länder und alle Zeiten sensibel zu sein“. Er war der Meinung, dass diese neugierige und leidenschaftliche Haltung für jeden Lateinamerikaner eine Pflicht sei. Und, möchte man hinzufügen, nicht nur für sie.
Jorge Luis Borges, „Die unendliche Bibliothek. Erzählungen“. Aus dem Spanischen von Karl August Horst, Wolfgang Luchting und Gisbert Haefs, neu durchgesehen von Gisbert Haefs, 672 Seiten, 42 Euro. Jorge Luis Borges und Maria Kodama, „Atlas“. Aus dem Spanischen von Gisbert Haefs, 128 Seiten, 22 Euro. Beide Titel erscheinen im Verlag Kampa.

vor 2 Stunden
1











English (US) ·