In seinen letzten Wortmeldungen fand er zu den pessimistischen Tönen zurück, die seine ersten Publikationen geprägt hatten. 1929 in eine typisch bürgerliche Familie hineingeboren – der Vater Geschäftsführer der Kölner Industrie- und Handelskammer, der Großvater Theologe -, erlebte Jürgen Habermas die Herrschaft der Nationalsozialisten und die Gräuel des Krieges im Kindesalter. Beinahe wäre er noch selbst zur Wehrmacht eingezogen worden. Von dieser Bundesrepublik, die in gesellschaftlicher Kontinuität zu den Jahren 1933-1945 stand, war zu befürchten, dass sie nicht davor gefeit war, die Verbrechen zu wiederholen, die von den Verantwortlichen nur langsam und zurückhaltend aufgearbeitet wurden.
Noch als Student betrat Habermas zum ersten Mal die Bühne der Öffentlichkeit – in dieser Zeitung. 1953, gerade einmal 24 Jahre alt, rezensierte er Martin Heideggers „Einführung in die Metaphysik“, eine Schrift, die als Vorlesung zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft gehalten wurde. Doch was als Rezension daherkam, hatte die Wucht einer öffentlichen Intervention, die Wellen weit über diese Zeitung und die Frage nach der Verbindung von Politik und Philosophie hinaus schlug. Heidegger hatte das Wort von der „inneren Wahrheit und Größe“ der NS-Bewegung aus der veröffentlichten Version nicht gestrichen. Habermas nutzte diesen Umstand, um gegen die, aus seiner Sicht, „fortgesetzte Rehabilitation“ der NS-Diktatur in der deutschen Öffentlichkeit anzukämpfen.
In dieser frühen Episode kündigte schon einiges von dem an, was den späteren Intellektuellen Habermas auszeichnen sollte: Sein scharfer Blick für das, was sonst ungesagt bleibt und ans Licht geholt werden muss, um politisch ausgetragen werden zu können; sein Sensorium für das politische Unterbewusstsein der deutschen Öffentlichkeit, das der Klärung bedarf, um den politischen Rückfall zu verhindern.
Eine Verfallsdiagnose
Der akademische Weg Habermas’ – eine philosophische Promotion in Bonn, Assistent in Frankfurt bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, nach einem Eklat schließlich die Habilitation in Marburg bei Wolfgang Abendroth – war stets von seiner publizistischen Neigung, dem Interesse an öffentlicher Klärung begleitet, notfalls auch mit den Mitteln der Polemik. Seine Habilitationsschrift begründete schließlich Habermas’ akademischen Rang: „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ ging schnell in den Kanon der deutschen, bald auch internationalen Sozial- und Geisteswissenschaften ein.
Jürgen Habermas mit Adorno, Krahl und K.D. Wolff: Diskussionsrunde anlässlich de Buchmesse 1968.Barbara KlemmPessimistisch blieb der junge Habermas zunächst auch in diesen seinen wissenschaftlichen Arbeiten. Hinter der zum geflügelten Wort gewordenen Formulierung „Strukturwandel“ verbarg sich eigentlich eine Verfallsdiagnose: Aus der zwar exklusiven, aber daher auf Vernunftgründe festgelegten bürgerlichen Öffentlichkeit des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts sei, Stück um Stück, eine vermasste Öffentlichkeit entstanden, in der um allgemeine Popularität und Einnahmen buhlende Presseorgane das Gespräch vorherbestimmen und der Propaganda öffnen. Nicht mehr wirklich Gegenstand der Arbeit, aber doch ihr eigentlicher Endpunkt, war die totalitäre „Öffentlichkeit“ des Faschismus.
Habermas war ein Intellektueller der politischen Linken – das galt auch dann noch, als er sich mit der Studentenbewegung entzweite, der er ein gefährliches Spielen mit dem Ausnahmezustand und politischer Gewalt unterstellte. Der Aufstieg zum Intellektuellen der Bundesrepublik erfolgte erst später und hatte auch mit Habermas’ verändertem Bild der bundesrepublikanischen Gesellschaft und Demokratie zu tun. Der kritische Blick für das Unausgesprochene und Unaufgeklärte paarte sich nun mit einem konstruktiven Blick für das Mögliche und Wünschenswerte, für die demokratischen Chancen, die dem Grundgesetz zugrunde lagen.
Optimistisch blickte er auf die neuen sozialen Bewegungen
Auch der Abstand zu Frankfurt wurde größer: 1971 wechselte er nach Starnberg, um das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt zu leiten. 1981 erfolgte die Veröffentlichung seines vorläufigen Hauptwerks, die „Theorie des kommunikativen Handelns“ – ein zugleich philosophisches und soziologisches Großunternehmen, das bezweckte, Fragen nach Wahrheit und Normativität im Begriff des „kommunikativen Handelns“ der rationellen Begründung zugänglich zu machen. Der „herrschaftsfreie Diskurs“ ermöglichte für Habermas die Erfüllung jener Geltungsansprüche, die der menschlichen Sprache bereits zugrunde liegen.
In seinem dritten Hauptwerk, „Faktizität und Geltung“ (1992), wandte er das von ihm entwickelte Paradigma auf das politische Zusammenleben an: Nicht die Souveränität des Volkes, nicht die kommende Herrschaft des Proletariats, aber auch nicht das gesetzesförmige Funktionieren der staatlichen Institutionen sicherten jetzt in Habermas Augen die Qualität der Demokratie – der Öffentlichkeit selbst kam jetzt die Rolle zu, die Vernunft von Gesetzgebung, Wirtschaft und Verwaltung herzustellen, zur Not auch gegen Widerstände. Optimistisch blickte er auf die aus dem Boden schießenden neuen sozialen Bewegungen, die zu verbürgen schienen, dass die im „Strukturwandel“ noch als vermachtet gescholtene Öffentlichkeit ihrer aufklärerischen und demokratiefördernden Pflicht nachkommt.
Bei alldem blieb Habermas selbst eine Figur, die das Licht der Öffentlichkeit auch in der Rolle des Polemikers suchte. Im sogenannten „Historikerstreit“ wandte er sich mit Verve gegen jene „apologetischen Tendenzen“, die er etwa in der Geschichtsschreibung Ernst Noltes, Michael Stürmers oder Klaus Hildebrand erblickte. Die Singularität der nationalsozialistischen Verbrechen sollte durch keinen Vergleich mit den Untaten des Stalinismus relativiert, gar auf diese kausal bezogen werden.
Immer wieder meldete er sich zu Wort, auch nach seiner Emeritierung in Frankfurt: Als um die Entsendung von NATO-Truppen in den Kosovo gerungen wurde, als nach dem Mauerfall das europäische Integrationsprojekt Fahrt aufnahm, zuletzt wandte er sich dem Aufstieg rechtspopulistischer und -autoritärer Parteien zu. Sein zwischenzeitlich von großem Optimismus geprägtes Geschichtsbild, das einer der Vollendung zuschreitenden, sich rationalisierenden Moderne, verdüsterte sich in seinen letzten Lebensjahren wieder. Der Zerstörung der Öffentlichkeit durch die „wüsten Geräusche“ der sozialen Medien widmete er einen kritischen, auch im hohen Alter überaus erhellenden Aufsatz.
Habermas starb nicht, ohne ein letztes großes Werk zu hinterlassen: Seine zweibändige „Geschichte der Philosophie“ verfolgt eine viele hundert Jahre lange währende Diskussion an dem Leitfaden der Frage nach Glauben und Wissen. Sie und seine bis zuletzt erschienenen Interventionen bewiesen die unglaubliche Kraft und Gelehrtheit dieses großen Geistes, an dessen Namen womöglich eine ganze Epoche hängt. Was jetzt noch kommt, gehört einer anderen Ära an.

vor 4 Stunden
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