Text über Gottfried Benn: Der erste Auftritt von Habermas in der F.A.Z.

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19. Juni 1952. Im Feuilleton dieser Zeitung erscheint der Text eines dreiundzwanzigjährigen Philosophiestudenten mit Namen Jürgen Habermas. Der Text geht kritisch mit einem Hörspiel von Gottfried Benn ins Gericht. „Die Stimme hinter dem Vorhang“ heißt das Hörspiel, und so lautet auch die Überschrift  des Textes, der sofort das Interesse des damaligen Feuilletonleiters Karl Korn erregt. Habermas beginnt mit Leopold von Rankes berühmtem historistischen Leitsatz, nach dem „jede Epoche unmittelbar zu Gott“ sei, und bezichtigt den 43 Jahre älteren Lyriker davon ausgehend der Geschichtslosigkeit. Oder besser gesagt: des Geschichtszynismus.

Er hält sich fast die Nase zu

Bei Benn, so Habermas, rücke die Geschichte „auf die Seite des ergebnislosen Lebens“. Nur im Traum, in der Trance, im „ungeschichtlichen Augenblick“ halte dieser Dichter sich auf, er habe ein statisches Weltbild, verteile überall Stimmungsnoten, habe aber kein Gefühl für die Gestimmtheit einer Epoche. Der vorfreudige Vorwurf lautet: Benn sei kein historisch-kritischer Denker und deshalb fehle ihm der Sinn für die Moral. „Gibt es denn nichts, vor dem sein Formrausch haltmacht?“ So ruft der dreiundzwanzigjährige Habermas entrüstet und hält sich beim Lesen von Benns Lyrik förmlich die Nase zu.

Den Untergang poetisieren?

Menschen würden bei Benn „verbraucht wie Dinge vor dem Kiosk“, so eine weitere scharfe Wendung, die auf das Menschenbild eines Dichters abzielt, der in seinen frühen Gedichten tatsächlich kühl und teilnahmslos vom Gang durch die „Krebsbaracken“ und den dort vor sich hin eiternden Kranken berichtete. Habermas unterstellt Benn, er fordere von Menschen, „zu zerbrechen“, er poetisiere mithin den Zerfall, den Untergang, die Vernichtung und schätze das menschliche Leben gering. Die Anklage lautet „artifizieller Platonismus“ und das Urteil liefert der junge Kritiker gleich mit, wenn er Benns Werk als „antisozialen und antihumanitären Katechismus der absoluten Form“ kategorisiert.

Nicht ohne Grund seiner Frau gewidmet

Der junge Habermas als Benn-Leser zeigt sich als aufsässige, als angriffslustige, als anklagende, auch als unverschämte Natur. Der bösartigste Satz des Textes lautet: „Das Leben besteht eben nicht nur aus Orgasmen und Handlungen, die sie vorbereiten.“ Das trifft den erotischen Dichter und Organisator Benn an seiner verwundbarsten Stelle: bei seinem Vertrauen auf die Prägnanz des Augenblicks, seiner momentanistischen Grundhaltung. Und kurz wird der junge Habermas sogar richtiggehend kokett, wenn er süffisant anführt, dass Benn seine neueste, die Treue als Mythos behandelnde Schrift – eben das Hörspiel mit dem Titel „Die Stimme hinter dem Vorhang – „nicht ohne Grund“ seiner Frau gewidmet habe.

Kein Ruf aus ferner Welt

Aber dann wendet sich die Stimmung des Textes, dann erkennt der junge Kritiker „die Frage nach dem Heiligen“ als neue Vokabel des von ihm zuvor geschmähten Dichters an. Das Heilige sieht er hier stellvertretend für die pantheistische Vorstellung einer großen Verwobenheit aller Dinge, das Heilige ist „kein großes Gebot und kein Ruf aus fernen Welten“, so bejaht der junge Habermas jetzt den alternden Benn, das Heilige sei im Gegenteil etwas sehr Nüchternes, im Grunde nichts anderes als ein kategorischer Imperativ: „das Dasein recht zu führen, sein Schicksal zu tragen“ – darin erkennt der Kritiker einen verbindenden Punkt.

Und er endet somit versöhnlich und durchaus eigenständig poetisch: „Wenn es so ist, dass die Stimme hinter dem Vorhang das Existieren fordert, dann scheint auch der Weg Gottfried Benns auf jenen ersten zuzulaufen, der den Pol des Seins nicht im Gebilde unmittelbar sucht, sondern in dem Schicksal, auf das der Mensch, zu jeder Zeit anders, seine Antworten findet – und nicht findet. Das Kunstwerk ist eine solche Antwort.“

Mit diesem Text über Gottfried Benn beginnt Jürgen Habermas seine Karriere als Intellektueller. Als jener „verlässlich Öffentliche“, als der er fortan für sieben Jahrzehnte in Erscheinung treten und das Bewusstsein dieses Landes prägen sollte. Es ist eine Pointe der biographischen Vorsehung, dass er, der große Garant des linksliberalen Aufklärer-Fortschritts, am Ende seines Lebens und Denkens in seiner zweibändigen Religions-Studie wieder zum Heiligen zurückkehrte.

Und somit auch zu seinem ersten Text in der F.A.Z. Und zu Gottfried Benn. Und vielleicht liest ja doch jemand eines von dessen Gedichten bei der Beerdigung. Es gibt keinen besseren Begleiter für den Übergang ins unaufgeklärte Reich. Und wer weiß – der alte Kindertraum –, ob sie sich nicht dort oben treffen: Benn und Habermas, am Wolkentisch miteinander ringend und einig allein in dem einen Dogma: „Es gibt nur zwei Dinge: die Leere und das gezeichnete Ich“.

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