Seine Bibliotheken, Wunder- und Geheimnisgehäuse von ganz eigener Art und unnachahmlicher Quantität wie Qualität, waren legendär – angeblich und einer so hinreißenden wie durchaus glaubhaft kolportierten Sage nach verteilt in diversen Wohnungen über, wenn nicht ganz, so doch wenigstens halb Berlin. Man musste sich den Theatermann Dieter Sturm, dessen Beruf mit dem Begriff „Dramaturg“ nur lächerlich unkomplett umschrieben gewesen wäre, immer mehr als das vorstellen, was als Figur sonst nur in einem Märchen seinen Auftritt gehabt hätte – zu der Zeit, als das Theaterwünschen noch geholfen hat. Sturm also war ein genialer Schatzhauser. Nicht verborgen „im tiefen Tann“ wie bei Wilhelm Hauff, sondern für die offen beglänzten und umgränzten Pracht- und Triumphwege der schönsten Welttheatermomente eines Peter Stein, eines Klaus Michael Grüber, eines Luc Bondy (ein bisschen noch eines Thomas Langhoff) und vor allem eines Botho Strauß.
Als ich ihn einst 1999 darum bat, („dreißig Jahre zurück im Blick“) fürs Feuilleton der F.A.Z. eine kritische Reminiszenz an die Epoche machende und eine ganz neue Theaterära begründende Bremer „Tasso“-Inszenierung Peter Steins von 1969 zu verfassen, die dann mit zu den künstlerischen Gründungsfundamenten der neuen Berliner Schaubühne wurde, deren initiatives Mitglied Dieter Sturm gewesen ist, antwortete der Berühmte, der ein ganzes Theater und dessen wirkungsmächtigste und bedeutendste Produktionen begleitet und befeuert hatte – er sehe sich für Schriftliches völlig außerstande. Er arbeite auch im Theater nur mit mündlicher Weitergabe seiner Kenntnisse und Fähigkeiten, seiner Funde und Gedanken und Assoziationen, Thesen und Analysen. Wer das nicht akzeptiere, müsse auf ihn verzichten. So wurde er zu einem der größten Dozenten und Wissenserzähler des deutschen Theaters. Und so wurden zum Beispiel die Tiefen des Mythos, die er für Klaus Michael Grübers legendäre „Bakchen“-Inszenierung 1974 an der Schaubühne durchstreifte, nun auch wieder zu dem, was sie einmal wohl auch waren: zu Klang und Ton und Erzählung (nicht zu Papier und Pappe).
Abenteuer des Geistes
Bewaffnet und beflügelt und angetrieben von den Leseschätzen, die er seinen Bibliotheken weniger entriss, als sie aus ihnen förmlich gierig herauswuchtete wie in liebend-lesend hellster fiebrig musikalischer Intellektualität, Kontrapunkt auf Kontrapunkt wuchtend, Linien ziehend, wohin niemand sonst als er vorher auch nur zu ahnen vermochte, wohin solche Linien führen könnten, an welchen abgründigen Wundern und Weihen im weitesten Gedankenreich vorbei in Höhen und Tiefen, die staunen machten. Plötzlich tauchten im Programmheft zu Luc Bondys vielleicht schönster, herzbewegendster, musikalischster Inszenierung, des „Triumphs der Liebe“ von Marivaux an der Schaubühne (1985), Jean Starobinskis „Pfeile des Genusses“ auf, die sich auf die „Maske der Leidenschaft“ eines Roland Barthes richteten, und man las alles, was es zu „Leidenschaft und Sprache“ aus Michel Deguys Feder zu lesen gab, von den verlorenen Paradiesen eines Watteau ganz zu schweigen. Oder den Arabesken eines Asyls.
Sturms Programmhefte waren keine dramaturgischen Verlautbarungen und Absichtserklärungen, keine Buch- und Quellenkompilate, es waren Abenteuer des Geistes einer wundersam überraschungsreichen Neugier. Dieter Sturm war so etwas wie die goldene Eminenz der Schaubühne und des Hauptstadtwelttheaters überhaupt. Nie in der Öffentlichkeit. Immer im scheu Verborgenen. Und nur den großen Texten, den gewaltigen Dramen, der genialen Poesie, dem allerreichsten Gedankentheater verpflichtet. Jedem Firlefanz, jeder geistlosen Zeitgeisterei abhold.
Der gebürtige Frankfurter, von Haus aus ein Linker und zuzeiten Mitglied des SDS, war in den Tiefen und Abgründen der weder von links wie von rechts zu erfassenden Stücke und Stoffe und deren Figuren wie ein demütig Suchender, scheu Zugreifender, ehrfurchtsvoll sich Festbeißender unterwegs: was heißt, dass er sie immer hoch über sich sah und begriff. So wurde er den großen mythischen Gesellschaftskomödien eines Botho Strauß, von den „Hypochondern“ bis hin zu „Ithaka“ und der leider nicht mehr gespielten „Lotphantasie“, wie auch dem Megärenduell der Lampe und der Clever in „Die eine und der andere“ (am Berliner Ensemble) zu einer grandiosen Gedankenszenen-Hebamme, die dem Erkennen hinter dem Gesagten zur Theaterwelt kommen half. (Vom gelegentlichen Witz, der dann hübsch zündend einschlug, ganz zu schweigen.) Es gab bei ihm kein Halten, seine Expeditionen in die Sphären des Reicher- und Mehrwissenwollens waren endlos – so weitgespannt oft, dass man das Gefühl hatte, jetzt, da der Vorhang fällt, gehe es eigentlich erst richtig los und immer weiter.
Mit seinem Namen, seinem Wissen, seinen Bücherschätzen, seiner unschätzbaren mündlich genialen Lehrtätigkeit sind epochale Theaterereignisse verknüpft: Hölderlins „Winterreise“, 1977 im Berliner Olympiastadion, dann natürlich auch „Hölderlin lesen“ (1975) an der Schaubühne, Grübers „Hamlet“ (1982) und sein „Lear“ (1985), der hinreißend mit Minetti als greisenhaftem Wildvogel besetzte Grübersche „Phönix“ von Marina Zwetajewa (1990) und Grübers Ehebruch-als-Gottes-Dienst-Komödie „Amphitryon“ (1991) – lauter Ereignisse, die man rückblickend, rückträumend, rücksehnend als große Geschenke im Kopf hat.
Man darf gar nicht daran denken, was damals alles an großem, überwältigendem Theater möglich war. Man möchte Heimito von Doderer in den Zeugenstand rufen: „Viel ist hingesunken uns zur Trauer, und das Schönste hat die kleinste Dauer.“ Mit der dankbaren Erinnerung an den großen Dieter Sturm, diesen Riesen und Schatzhauser im Dramaturgenreich, bleibt das Schönste wenigstens einen kleinen Moment dauerhafter. Dieter Sturm war ein Geschenk für alle, die das Theater lieben, das größer und herrlicher ist als das, was die allfälligen Füllzwerge gerade aus ihm machen. Jetzt ist er im Alter von neunzig Jahren in Berlin gestorben.

vor 11 Stunden
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