Ziviler Widerstand: Was Danger Dan richtig sieht und warum es trotzdem nicht reicht

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Seit einer Woche wird über einen Song diskutiert, ein Widerstandslied im alten Stil, das an eine verborgene Welt aus kleinen Einheiten erinnert, die vor 20, 30, 40 Jahren ein loses Netz über Deutschland spannte, an eine Linke, die sich solidarisch organisierte.

Das Netz hatte einige Knotenpunkte, Naben aus Gewerkschaften, Stadtteilzentren, aus Hausprojekten, innerhalb derer man sich abseits der Institutionen verständigte und den Widerstand gegen rechtsextreme Schläger, Polizeigewalt und den Kapitalismus erprobte.

Das Lied, um das es geht, „Keine Angst“ von Danger Dan, warnt wiederum vor der nahenden Zukunft („Wir können darauf warten, dass sie in den Parlamenten / Und auf der Straße erstarken, bevor wir sie bekämpfen“), es ruft nach der Energie von damals, nach einem kollektiven Gefühl als Ausweg für die Probleme von morgen. Aber die Linke von heute muss ohne diese Struktur auskommen. Von den Knotenpunkten sind nur noch Ruinen übrig.

2026 wurde bislang nur gegen einen AfD-Parteitag

Zur Erinnerung: Das letzte Mal, dass sich Millionen Menschen kollektiv und abseits der Institutionen organisierten und zum Demonstrieren auf die Straße gingen, war im Frühjahr 2024 nach den Veröffentlichungen der Rechercheplattform Correctiv über das Potsdamer Treffen von Rechtsextremen, Politikern der AfD und der CDU. Damals liefen politisch noch ganz unbeleckte Familienmütter und -väter neben Antifa-Demonstranten her und zeigten, was sie von Menschenverachtung und Herrenmenschendenken hielten. In jenen Wochen sanken die Umfragewerte der Rechtspopulisten so deutlich, wie es in den Jahren vorher nicht passiert war. Die Leute sahen, wer sich da alles zu wehren begann. So, und auf keinem anderen Weg, entstand der Wählerstimmenumschwung.

Im Jahr 2026 wurde bislang nur gegen einen AfD-Parteitag rebelliert, bei dem über politischen Wandel gesprochen und berichtet wurde, als wäre er schon ausgemacht. Widerstand gibt es wenig, dafür jetzt viel Diskussion über den Aufruf zum Widerstand. Danger Dans Song, den das ZDF nicht senden wollte, ist ja, neben dem Appell an Mut und Solidarität, eine recht konkrete Anleitung zum aktiven, wenn nötig am Ende auch gewaltsamen Widerstand gegen Rechtsradikale.

Nicht gesprochen wurde über die ernüchternde Bilanz, die sich ziehen lässt, wenn die Diskussion über den viel beschworenen Rechtsruck seit den riesigen Demos im Frühjahr 2024 im Sommer 2026 bei einem Song über geheime Zellen ohne Namen und ohne Verein angelangt ist. Weil damit ja eigentlich niemandem geholfen ist.

Ein ambitioniertes Spiel mit der Schuldfrage

In der Musikkultur hat es das alles schon gegeben, in „Ein Song namens Schunder“ sangen Die Ärzte 1995: „Gewalt erzeugt Gegengewalt, hat man dir das nicht erzählt?“ In der Subkultur der Punkszene wird seit den 1980er-Jahren über die Grenze zwischen pazifistischem Protest („Schrei nach Liebe“, Die Ärzte) und militanter Selbstverteidigung („Kein Gerede“, Wizo) diskutiert. Auch der Musiker Danger Dan ist mit seiner Antilopen Gang jahrelang in diesen Grenzgebieten unterwegs gewesen. Zuletzt beschrieb er in seinem Solo-Pianoprojekt „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ die Strategie von Rechtsradikalen und Verschwörungstheoretikern, die Grenzen des Legalen so weit auszureizen, wie es rechtlich nur möglich ist, und verwandelte dieses eigentlich recht unästhetische Thema in ein ambitioniertes Spiel mit der Schuldfrage: „Zeig mich an, und ich öffne einen Sekt, das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt.“

Neben der Frage, ob „Keine Angst“ ein Aufruf zur Gewalt ist, stellt sich die grundsätzlichere Frage, was überhaupt als Gewaltaufruf zu verstehen ist. Gilt die Aufforderung „Tut euch zusammen und wehrt euch“ schon als Gewaltaufruf? Oder erst ein Gruß an die verurteilten Straftäter einer Gruppierung aus Ostdeutschland, die Neonazis mit Hämmern und Schlagstöcken überfiel? Und gelten andere Maßstäbe für den Einsatz von „Gegengewalt“, je nachdem, ob jemand linksalternativer Großstadtbewohner ist oder Musiker, der mit kaum hörbarer, knarziger Stimme Tausende zum Schweigen bringen kann, oder eben Jugendlicher in der ostdeutschen Provinz, der aus überlebensstrategischen Gründen Kampfsportkurse besucht, weil in seinen Bus nach Hause immer Neonazis einsteigen?

Aus der an Pathos reichen Geschichte der Revolutionserzählungen ist bekannt, wie aus Demütigungen und Repression erfolgreiche Protestbewegungen wurden. Da spielte Gewalt als Antwort auf Gewalt fast immer eine Rolle. Als Rechtfertigung kann historisches Beweismittel natürlich hier nicht herhalten, auf der einen wie auf der anderen Seite. Außerdem gibt es Ausnahmefälle wie die friedliche Revolution in Portugal, nach dem Tod António Salazars.

Eine neue Bewegung entsteht daraus nicht

Hinter all dem steckt ohnehin eine aktuell relevantere Frage, die nach einem spezifisch linken Rezept gegen den sogenannten Rechtsruck. Dass ein Song eine Antwort darauf hat, kann nicht erwartet werden. Aber vielleicht schon, dass der Urheber den Anspruch hat, etwas in Gang zu setzen, und sei es nur ein Umschwung des Bewusstseins. Siehe Demos 2024.

Um in das Funktionieren einiger demokratische Institutionen den Glauben zu verlieren, muss man ja noch nicht einmal Danger Dan hören. Der verweist in diesem Kontext zum Beispiel auf das Schicksal Oury Jallohs, der 2005 in der Zelle eines Polizeireviers in Sachsen-Anhalt verbrannte. Oder auf den Beitrag der Antifa bei der Aufklärung des Mordes an Walter Lübcke. Es reicht auch einfach, das neue Buch von Eva von Redecker „Dieser Drang nach Härte“ zu lesen, in dem einige verstörende Fälle institutioneller Eingriffe beschrieben werden, für die am Ende keiner Verantwortung übernehmen will. Wer also an diesen Institutionen verzweifelt, kann natürlich Hoffnung in die Wiederbelebung linker Zellen setzen. Eine neue Bewegung entsteht daraus nicht.

Dass jetzt ein „radical chic“ selbst ernannter Widerständler beklagt wird, ist daher irgendwie verständlich. Wo die Massen nicht mehr auf die Straßen zu bringen sind, fühlt es sich wahrscheinlich besser an, sich wenigstens in einer konspirativen Zelle gegenseitig warm zu halten. Da stehen sich also Widerstandsgestus und politischer Einfluss unversöhnlich gegenüber. Der eine setzt voraus, dass man sich seiner Verbündeten sicher sein kann. Der andere, dass es möglich ist, jene zu überzeugen, die es noch nicht sind.

Vielleicht kann der Postliberalismus weiterhelfen. Unter diesem Begriff haben sich zuletzt verschiedene Positionen versammelt, die der politischen Linke ein nur durch die Abkehr vom Liberalismus lösbares Problem attestieren. Durch die Preisgabe kollektiver Kräfte für individuelle Rechte, heißt es, durch Institutionen statt Volkssouveränität, habe die Linke ihre eigene Basis verloren. Die individuelle Autonomie sei zum Streitpunkt schlechthin geworden, der die solidarische Bindung von Menschen untergräbt. George Hoare vom britischen Podcast „Bungacast“ hat dafür das Bild der Zombie-Linken geprägt. Untot, fähig zum Widerstand, aber unfähig zur Macht.

Tobias Korenke, Großneffe von Dietrich Bonhoeffer, versucht, am Nationalen Gedenktag an den Widerstand gegen die Nationalsozialisten einen AfD-Kranz zu entfernenTobias Korenke, Großneffe von Dietrich Bonhoeffer, versucht, am Nationalen Gedenktag an den Widerstand gegen die Nationalsozialisten einen AfD-Kranz zu entfernendpa

Der Postliberalismus ist eigentlich keine Idee von Linken, auch wenn er jetzt von Linken diskutiert wird. Die verschiedenen Strömungen sind sich aber relativ einig über einen Befund: Schon lange gehöre es nicht mehr zu den großen Zielen der Linken, eine Mehrheit von einem neuen politischen Projekt zu überzeugen. Der Glaube an eine solche Systemveränderung ist dafür an anderer Stelle gewachsen: bei den Rechten.

So betrachtet ist Danger Dans Impuls ein Beispiel für die beschriebene Schwäche der Linken: Seine Antifa-Zelle („eine Handvoll Leute reichen meistens aus“) ist das Sinnbild für eine Strategie der Minderheit, die unter sich bleibt, im Glauben, dass die großen Fragen dem demokratischen Prozess entzogen und in die Hände von Institutionen gegeben wurden.

Im Juni sollte der Aktivist Arne Semsrott in Magdeburg aus seinem Buch „Gegenmacht“ lesen. Das handelt von den Aufgaben, die eine Gesellschaft und damit auch jeder Einzelne hat, wenn sie sich einer wachsenden autoritären Ordnung widersetzen will. Akribisch beschreibt er, wie Klagen und politische Wirkung im Rechtsstaat die „Gegenmacht“ erzeugen. Die Stadtverwaltung Magdeburg lud ihn trotzdem wieder aus, mit der Begründung, das Buch sei kurz vor der Landtagswahl zu polemisch. Nach großen Protesten durfte Semsrott lesen, die Veranstaltung war ausverkauft. Hätte man die Magdeburger abstimmen lassen, es wäre wahrscheinlich gleich so gelaufen.

Arne Semsrott vor einer Lesung seines Buches „Gegenmacht - Die Zivilgesellschaft schlägt zurück“ in MagdeburgArne Semsrott vor einer Lesung seines Buches „Gegenmacht - Die Zivilgesellschaft schlägt zurück“ in Magdeburgdpa

Das Argument der politischen Neutralitätspflicht war in den vergangenen Jahren oft von der AfD zu hören. Wenn man als Journalist in Ostdeutschland unterwegs war, schallte es einem nur so entgegen. Es traf staatlich geförderte Initiativen für Demokratie und Jugendzentren, die gegen die Montagsdemos mobilisierten. Die Partei hatte angefangen, die Projekte, die über die Grenzen zur Verfassungsfeindlichkeit aufklärten, als parteipolitisch zu denunzieren, sie ins Abseits zu drängen.

Irgendwann fingen auch andere an, von „einseitig parteipolitischen Signalen“ zu sprechen, auch dort, wo es eigentlich um die Basis friedlichen Zusammenlebens ging. Aus Angst verboten Kommunen die kritische Auseinandersetzung. Man ging Konflikten aus dem Weg.

Auch beim ZDF entschieden Juristen, nicht etwa eine Mehrheit, über die Ausladung von Danger Dan und seinem Begleiter am Klavier, Igor Levit, aus der Sendung „Die Anstalt“. In der Sendung wurde dann noch einmal ganz im Sinne eines linken Postliberalismus daran erinnert, dass der Rechtsstaat diverse Mittel anbietet, sich zu wehren, keine Notstandsphantasien, sondern Bestandteile der Verfassungsarchitektur der Bundesrepublik, die zu früheren Zeitpunkten bereits Erfolg hatten: Grundrechte entziehen, verfassungsfeindliche Landesregierungen entmachten.

DSGVO Platzhalter

Allein, die Mehrheit dazu fehlt im Parlament. Der Gedanke daran, dass die AfD plant, nach einem Wahlsieg in Sachsen-Anhalt sofort aus dem Rundfunkstaatsvertrag auszusteigen, machte das Bemühen aller Beteiligten der „Anstalt“, die Leerstelle zu füllen, die ein nicht vorgetragenes Lied erzeugt hatte, das vom Misstrauen gegen staatliche Institutionen handelt, nur noch verstörender.

Anfang der Woche, als das ZDF bereits eine aufklärerische „aspekte“-Sendung produziert und Danger Dan einen Konzertabend im Berliner Columbia-Theater angekündigt hatte, gab es wenige Kilometer weiter im Bendlerblock beim Gedenken an den Hitler-Attentäter Stauffenberg einen Vorfall, von dem Ende der Woche schon keiner mehr sprach. Dass die Partei, die bei ihrem Parteitag nach einem neuen Stauffenberg gerufen hatte, der ihnen das Problem mit dem Bundeskanzler vom Hals schaffen könnte, als parlamentarische Kraft beim Gedenken geladen war und einen Kranz niederlegen durfte, war keine Mehrheitsentscheidung, sondern institutionelle Gepflogenheit.

Als der Großneffe des Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer, Tobias Korenke, einen Kranz der AfD vom Ort des Gedenkens entfernen wollte, hielten ihn Sicherheitskräfte davon ab. Korenke tat gewissermaßen das, was Danger Dan empfiehlt: Er handelte, wo die Institutionen nicht handelten, ganz ohne linke Zelle, einfach, weil es sein Gewissen verlangte. Er wehrte sich dagegen, dass Mitglieder einer Partei, die sich wahlweise im Widerstand gegen eine Corona-Diktatur oder ein Regierungsregime inszeniert, bei der Ehrung von Menschen, die hingerichtet wurden, beim Versuch, den Rechtsstaat zu retten, das Gedenken missbrauchen.

Was tun, wenn Institutionen versagen? „Keine Angst“, rät Danger Dan, Korenke hatte keine und hat es mit einer Antwort nach seiner Art versucht. Er wurde aufgehalten.

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