Crime-Serie „Das Gold“: Wie man drei Tonnen Gold flüssig macht

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Der „Brink’s-Mat-Raub“, benannt nach den Betreibern eines Lagerhauses beim Londoner Flughafen Heathrow, zählt zu den legendärsten Fällen der britischen Verbrechensgeschichte: Vermummte Gestalten stahlen in den Morgenstunden des 26. Novembers 1983 drei Tonnen Gold, und ein Großteil dieser Beute ist bis heute verschwunden. Das Gold wurde wohl eingeschmolzen und ging in viele legal verkaufte Schmuckstücke ein. Fasziniert glaubt man auf der Insel sogar: Jeder, der seit 1983 ein Schmuckstück erstand, könnte einen Teil der Beute am Körper tragen.

Auch „Das Gold“, ein von BBC und Paramount gemeinsam produziertes True-Crime-Drama, ist ein im Glühen des Schmelztiegels dieser Geschichte entstandenes Schmuckstück: ausgeruhte Serienkunst mit starker Besetzung. Besonders in Form ist Hugh Bonneville, berühmt als Familienoberhaupt Robert Crawley, Earl of Grantham, in „Downton Abbey“. Er spielt den Leiter der mit dem Raub befassten Sondereinheit, einen legendär erfahrenen Detective Chief Superintendent, der auch zu den Beratern des Drehbuchautors Neil Forsyth gehörte. Bonneville verleiht diesem Mann namens Brian Boyce Klugheit und Würde, die zum verlässlichen Ruheanker der Serie werden. Ein aufrechter und hoffentlich auch am Ende noch unbestechlicher Vertreter der alten Schule.

Auch die übrige Besetzung schlüpft virtuos in ihre Rollen. Emun Elliott aus Forsyths Thriller „Guilt“ gibt den schnauzbärtigen Polizisten Tony Brightwell, als habe er nie in einem anderen Jahrzehnt als den Achtzigerjahren gelebt. Charlotte Spencer mimt dessen handfeste Kollegin Nicki Jennings, eine fiktive Gestalt mit kriminellem Vater, in der Forsyth ebenso (mehrere) echte Vorbilder zusammengepackt haben soll wie im Falle des windigen Anwalts Edwyn Cooper (Dominic Cooper).

Jack Lowden wiederum, der grundsympathische, aber tollpatschige Jungspund des Agenten-Straßenfegers „Slow Horses“, ist als Hehler Kenneth Noye zu sehen – eine wunderbar verschmitzte Robert-Redford-Erscheinung. Sie stieß manchen Zuschauern nach der Veröffentlichung in Großbritannien als zu liebevoll gezeichnet auf. Aber man will ja auch unterhalten werden, gerade in einer Story, die so komplex erzählt wird und mit einem Dutzend Hauptpersonen jongliert. Als Nächstes wird Lowden in der Historienserie „Berlin Noir“ als Ermittler Bernie Gunther zu sehen sein.

Verweise auf die englische Klassengesellschaft

Etwas lästig, weil penetrant, sind die fortwährenden Bemerkungen zur britischen Klassengesellschaft, die Forsyth in seine Version der Dinge einstreut und beinahe so tut, als könne man nur auf illegalem Wege nach oben gelangen. Bei einem Serienschöpfer, den die „Times“ einmal als einen der besten „Plot-Weber“ Großbritanniens bezeichnet hat, fällt das aber kaum ins Gewicht. Auch nicht bei dieser atmosphärischen Dichte. Die Kameramänner Stuart Bentley und Simon Tindall setzen gekonnt auf die immersive Wirkung von Wackelbildern und heruntergedrosselten Farben, der Filmmusiker Simon Goff verlängert die Schockwirkung des Überfalls, mit dem die Serie einsetzt, mit kongenialen Synthesizer-Landschaften.

Und auch für Stille hat diese Serie den zugehörigen Mut. Die Regisseure Aneil Karia (der 2022 einen Kurzfilm-Oscar erhielt) und Lawrence Gough wollten eine Erzählung, bei der man als Zuschauer mitdenken darf. Wie oft hat man das Gefühl, dass Filme auf der Suche nach Breitenwirkung immer flacher und allgemeinverständlicher zurechtgefeilt werden. Komplexe Serien wie „Das Gold“ oder „The Hack“, ein zurzeit auf Arte laufender True-Crime-Thriller, der von der britischen Presse erzählt, sind demgegenüber eine einzige Wohltat.

Wo sind die Goldbarren, wer sind die Täter? Detective Chief Superintendent Brian Boyce (Hugh Bonneville, Mitte) und seine Ermittler stehen vor einer großen Aufgabe.Wo sind die Goldbarren, wer sind die Täter? Detective Chief Superintendent Brian Boyce (Hugh Bonneville, Mitte) und seine Ermittler stehen vor einer großen Aufgabe.WDR/All3Media International

Ins Knobeln geraten bei „Das Gold“ auch die sechs Räuber um Micky McAvoy (Adam Nagaitis). Beim Überfall auf die Lagerhalle in Heathrow am 26. November 1983 sind sie noch nicht auf Gold aus. Die vermummten Täter wollen sich mit Waffen, Feuerzeug und Benzin Zugang zu Türcodes und einer gehörigen Menge Bargeld in fremder Währung verschaffen. Überraschend finden sie 6800 Goldbarren. Sie wurden nur zufälligerweise in der Halle verwahrt und wollen nun irgendwie clever auf den Markt gebracht werden. Leisten soll das der spontan kontaktierte Schönling Noye, der sich mit solchen Fällen auskennen soll, und der überredet den Goldschmied John Palmer (Tom Cullen) zu Nachtschichten: Er soll das Gold in der Werkstatthütte seines abgelegenen Hauses in eine neue und weniger reine Form ohne Kennzeichnung gießen.

Parallel wendet sich Noye, der Freimaurer ist, an den Anwalt Ed Cooper. Cooper ist zwar schon reich – aber nicht reich genug, um es den Leuten vom „alten Geld“ wie seinem arroganten Schwiegervater mal so richtig zu zeigen, und die Entwicklung der Docklands könnte eine willkommene Gelegenheit zur Goldwäsche sein. Nach und nach werden so zahlreiche Helfer in den Fall involviert. Während die Polizisten die ersten Verdächtigen aufs Revier bringen und auf Fehltritte der übrigen hoffen.

„Das Gold“ ist ein klassisches Katz-und-Maus-Rennen zwischen Räubern und Polizei. Aber es geht natürlich auch um die Gier, die jeden erfasst, der das Gold in die Hände bekommt. Und um den Verbleib des verschwundenen Goldes. Staffel zwei, die bei der Free-TV-Premiere in der ARD dankenswerterweise gleich mitläuft, führt unter anderem nach Spanien und auf die Karibikinsel Tortola. Die kennen wir nicht, und erst recht können wir nicht die Stichhaltigkeit der Spekulationen von Forsyth bewerten. Aber auch sie soll sich außerordentlich lohnen.

Das Gold startet am Samstag in der ARD-Mediathek und um 20.15 Uhr im Spartenkanal One.

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