ZDF-Korrespondentin in Teheran: Live vom Blackout

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Frau Gaa, wie ist die aktuelle Lage in Teheran?

Angespannt, aber ruhig. Die Menschen sorgen sich um ihre Zukunft. Sie haben Angst, dass die Sicherheitskräfte noch brutaler gegen Regimekritiker vorgehen könnten. Aber sie haben auch große Sorgen vor möglichen militärischen Interventionen und der Eskalation, die dann drohen würde.

Der amerikanische Präsident Donald Trump hat dem iranischen Regime gedroht, zu intervenieren. Wie haben die Menschen darauf reagiert?

Auf den Protesten habe ich einige Menschen gesehen, die sich Trumps Hilfe herbeigewünscht haben – in Form von Plakaten oder Rufen. Ähnlich wie sie auch nach dem Sohn des letzten Schahs, Reza Pahlavi, gerufen haben. Was das militärische Eingreifen angeht, ergibt sich aus dem, was ich höre und erfahre, ein geteiltes Bild. Einerseits sind da diejenigen, die meinen, dass eine grundlegende Veränderung in diesem Land nur möglich ist, wenn Hilfe von außen kommt. Dabei muss es sich nicht zwingend um einen Militärschlag handeln. Ein anderer Teil der Bevölkerung hat große Angst vor einem möglichen Militärschlag. Ich habe gestern wieder lange Schlangen an Tankstellen gesehen. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Menschen sich vorbereiten auf eine mögliche militärische Eskalation. Sie kaufen Vorräte.

Finden derzeit noch Proteste statt?

Seit Samstag oder Sonntag habe ich keine Proteste mehr in Teheran gesehen. Und selbst zu diesem Zeitpunkt haben wir nur noch eine sehr kleine Gruppe beobachtet, die sich formiert hat. Als die Rufe anfingen, kamen sofort bewaffnete Polizisten auf Motorrädern, die sie auseinandergetrieben haben. Seitdem höre ich vor allem davon, dass Verhaftungen weitergehen. Ich habe von einer Person gehört, die verhaftet wurde, einfach nur, weil sie auf ihrem Handy etwas gespeichert hatte, das Rückschlüsse darauf zulässt, dass sie Regimekritikerin ist.

Wie kommt es, dass Sie aus Teheran berichten können – im Gegensatz zu anderen Korrespondenten?

Das ZDF hat schon seit vielen Jahren ein Büro hier und damit eine dauerhafte Arbeitsgenehmigung. Als Leiterin des ZDF-Studios in Istanbul bin ich auch für Teheran zuständig. Ich habe eine Aufenthaltsgenehmigung, die mal sechs Monate, mal ein Jahr lang andauert. Innerhalb dieser Zeit kann ich einreisen. Zusätzlich habe ich auch eine Presseakkreditierung, die ungefähr ein Jahr lang gültig ist. Mit diesen Papieren konnte ich dann am Donnerstagmorgen einreisen und war hier, als es losging.

Wie können Sie sich angesichts des anhaltenden Blackouts überhaupt ein Bild davon machen, was passiert – auch außerhalb Teherans?

Das ist tatsächlich wahnsinnig schwierig. In Teheran können wir durch die Stadt fahren und mit Iranerinnen und Iranern reden. Donnerstag und Freitag etwa fanden die Proteste direkt vor unserer Haustür statt. Hier im zehnten Stock, wo sich unser Büro befindet, haben wir das Tränengas gerochen und Schüsse gehört. Danach konnten wir sehr schnell mit vielen Menschen sprechen. Informationen aus anderen Teilen des Landes zu bekommen, ist deutlich schwieriger. Die einzige Möglichkeit, wie wir im Moment im Land kommunizieren können, läuft über iranische Telefonnummern. Und da müssen die Personen, mit denen ich spreche, sehr vorsichtig sein, was sie mir erzählen. Weil man davon ausgehen muss, dass Telefone abgehört werden.

 Dichter Smog hängt über der iranischen Hauptstadt.Teheran: Dichter Smog hängt über der iranischen Hauptstadt.dpa

Das Raumfahrtunternehmen SpaceX von Elon Musk hat seinen Satelliten-Internetdienst Starlink in Iran kostenlos freigeschaltet – für viele Demonstranten die einzige Möglichkeit, Verbindung zur Außenwelt aufzunehmen . . .

Die Verwendung von Starlink ist in Iran schon lange verboten. Sie gilt als Spionagetechnik, darauf stehen Strafen. Man wird hier schnell als Spion verurteilt. Ich weiß, dass Menschen Starlink nutzen, aber dabei gehen sie ein hohes Risiko ein. Meine Vermutung ist, dass sie damit nur schnell Nachrichten oder kurze Videos senden und dann den Ort, von dem aus sie Starlink genutzt haben, wieder verlassen.

Sie sagten, dass in Teheran momentan keine Proteste mehr zu sehen sind. Gleichzeitig dringen noch immer sehr viele Videos nach Deutschland, etwa in den sozialen Medien, die das Ausmaß der Gewalt zeigen. Wie lassen sich die Videos verifizieren?

Es geht auch darum, einen Überblick zu bekommen, aus welchen Regionen die Videos stammen und wann sie aufgenommen wurden. Ob es sich etwa um Videos handelt, die immer wieder auf der gleichen Straße aufgenommen wurden, oder ob sie wirklich flächendeckende Proteste zeigen. Wir haben im Haus zum Glück Spezialisten, die das prüfen.

Welche Rolle spielen technische Hilfsmittel wie VPNs oder Tor bei der Überwindung der Internetblockade?

Die Internetblockade, die wir gerade erleben, ist sehr viel umfassender als frühere Blackouts. Während des Zwölf-Tage-Krieges etwa war das Internet zwar abgeschaltet, aber da gab es noch IT-Spezialisten hier vor Ort, die einem dabei helfen konnten, in irgendeiner Form noch Zugang zum Netz zu bekommen. Doch selbst diese Spezialisten sind angesichts der jetzigen Situation ratlos.

Welche Wege der Kommunikation stehen Ihnen als Korrespondentin überhaupt noch zur Verfügung, um Informationen nach außen zu geben?

Im Moment kann ich von iranischen Telefonen ins Ausland telefonieren und so Interviews geben. Ich kann aber andersherum nicht angerufen werden. Hier im Land kommunizieren die Menschen über das iranische Mobilfunknetz. Auch das iranische Internet ist teilweise freigeschaltet. Das heißt, man kann iranische Websites aufrufen und sich dann etwa darüber informieren, was die Staatsmedien verbreiten. Die Iraner können zum Beispiel auch Banküberweisungen tätigen. Aber man kann über das iranische Internet keine Daten wie Videos oder Sprachnachrichten verschicken. Bei den iranischen Messengerdiensten muss man davon ausgehen, dass sie vom System überwacht und gefiltert werden. Wenn ich mit Menschen rede, muss ich immer im Hinterkopf behalten, dass Informationen, die sie an mich weitergeben, zu Problemen für sie führen können.

Wie können Sie sich als Journalistin in Teheran bewegen – werden Sie selbst vom Regime bedroht?

Wir haben eine generelle Arbeitserlaubnis mit Drehgenehmigung, die für Teheran gilt. Wenn wir die Kamera herausholen, merken wir jedoch, dass momentan sehr viel schneller die Polizei oder Mitarbeiter von anderen Sicherheitsbehörden auf uns zukommen und die Papiere sehen wollen. Diese werden dann auch sehr genau geprüft. Immer mal wieder wird uns gesagt, dass wir an diesem Ort nicht drehen können. Wir haben etwa über den offiziellen Weg angefragt, am Großen Basar zu drehen, wo die Proteste ihren Ursprung hatten. In dem Fall wurde uns gesagt, das sei derzeit nicht möglich. Und uns wurde klar kommuniziert, dass wir auf den Protesten selbst nicht drehen können. Trotzdem habe ich den Eindruck, mir – auch unter den derzeitigen Umständen – ein Bild machen zu können.

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