Als bekanntgegeben worden war, dass auch der Philosoph Omri Boehm am kommenden Sonntag in Weimar beim Festakt zum achtzigsten Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald sprechen sollte, meldete sich via X aus Berlin die Botschaft seines Heimatlandes Israel zu Wort und nannte diese Einladung eine „eklatante Beleidigung des Gedenkens an die Opfer“, weil Boehm die Schoa mit der Vertreibung der Palästinenser im Zuge der israelischen Staatsgründung im Jahr 1948 verglichen habe. Nun wird die Rede „verschoben“, wie die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora mitteilt – also weg aus der öffentlichen Aufmerksamkeit des offiziellen Erinnerns.
Vor elf Monaten hatte es ähnliche Vorabaufregung um Boehms „Rede an Europa“ zur Eröffnung der Wiener Festwochen gegeben, aber die fand statt wie angekündigt, und nachher durfte man sich fragen, wieso ein derart um Ausgleich bemühter Denker Hassobjekt radikaler Zionisten ist. Weimar entgeht am Sonntag etwas.
Vor einem Jahr wurde Boehm in Leipzig den Buchpreis zur Europäischen Verständigung verliehen, und in einem Gespräch im dortigen Begegnungszentrum Ariowitsch-Haus erinnerte er daran, dass es ausgerechnet Israels erster konservativer Premierminister, Menachem Begin, war, der 1978 für alle Palästinenser in den besetzten Gebieten das israelische Bürgerrecht vorgesehen hatte – kein zionistischer, sondern ein im Sinne Boehms universalistischer Ansatz. Der Enkel einer deutschen Großmutter und eines iranischen Großvaters versteht sich sowohl als Israeli als auch als Weltbürger.
Hat sich jemand in der Berliner Botschaft (oder der israelischen Regierung) überhaupt die Mühe gemacht, Boehms Bücher zu lesen oder einen seiner Aufsätze, etwa zuletzt den in der F.A.Z. mit dem Titel „,Nie wieder‘ gilt längst“? Darin hatte Boehm die in Israel geführte Debatte analysiert, inwieweit man im Kontext des Gazakriegs von Völkermord sprechen könne, und für vorsichtigsten Gebrauch dieses „moralisch aufgeladenen“ Begriffs plädiert, weil er ablenken könne von der entscheidenden Frage: ob ein Krieg legal oder illegal geführt wird. Dem Philosophen deshalb zu unterstellen, er zweifele das Existenzrecht Israels an, wie vielfach seitens seiner Kritiker geschehen, lässt vermuten, dass sie nicht mehr als den deutschen Buchtitel von Boehms 2020 erschienener Programmschrift „Israel – Eine Utopie“ kennen, der im englischen Original genau gegenteilig lautet: „A Future for Israel – Beyond the Two State Solution“, also gerade keinen Nicht-Ort propagiert, sondern den bestehenden Staat an dessen humanistische Werte erinnert und damit anerkennt.
Theodor Herzls Losung „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“ setzt Omri Boehm fort, unter universalistischen Vorzeichen. Die Märchenerzähler ohne Sinn für Realität sind diejenigen, die ihm keinen Ort dafür gewähren wollen.