Als der Biennale-Präsident Pietrangelo Buttafuoco einmal von einem Reporter gefragt wurde, ob er Muslim sei, antwortete der 2015 zum Islam konvertierte Schriftsteller und Journalist: „Ich bin Sarazene.“ Als er ein anderes Mal gefragt wurde, ob er Faschist sei, antwortete der für seine rechtsgerichtete Prägung bekannte Intellektuelle: „Ich bin etwas anderes.“
Buttafuoco zeigt sich gern als Nonkonformist, der sich nicht um übergeordnete Interessen schert - und hat die 61. Kunstbiennale in ein riesiges ethisches und organisatorisches Chaos gestürzt. Obwohl noch nicht einmal eröffnet, ist sie Schauplatz eines diplomatischen Streits und einer rechten Fehde. Am Donnerstag trat die Jury zurück. Die Eröffnungsfeierlichkeiten wurden abgesagt, die traditionellen Löwen abgeschafft. Die Preise werden am Ende der Schau vom Publikum vergeben.
Mit Buttafuocos Stimme beginnen viele Italiener den Tag. Man hört sie von Montag bis Freitag, wenn er im öffentlich-rechtlichen Radiosender Rai Uno ab 6.50 Uhr durch seine zehnminütige Kultursendung „Lupus in Fabula“ führt. In jeder Episode stellt er ein literarisches Werk vor, das den Hörern Interpretationsansätze für persönliche oder politische Erfahrungen geben soll – „Der Graf von Monte Christo“, „Krieg und Frieden“, „Reise ans Ende der Nacht“. In den vergangenen Tagen hat Buttafuoco vor allem Titel präsentiert, in denen es um Freundschaft, Treue oder den schmerzhaften Wandel persönlicher Beziehungen ging; Goethes „Wahlverwandtschaften“ waren darunter und Andersens „Die Schneekönigin“. Man kam nicht umhin, in der Auswahl einen Bezug zu seiner persönlichen Situation zu sehen. Er hatte zuletzt so gut wie jeden gegen sich aufgebracht – abgesehen von Putin und Italiens Russlandversteher Matteo Salvini natürlich.
Er schreibt Romane, aber ohne Esoterik oder Hobbits
Im März 2024 ernannte Italiens rechtsgerichtete Regierung Buttafuoco zum Leiter der ältesten und größten Kulturausstellung der Welt. Meloni holte den ehemaligen Funktionär der Fronte della Gioventù, der Jugendorganisation der rechtsextremistischen Partei Movimento Sociale Italiano (MSI), der sie auch selbst angehörte, als ideologische Wunderwaffe in die Lagune. Die Biennale ist immer das Herzstück von Italiens angeblich von Linken dominierten Kunstestablishments gewesen.
Mit Buttafuoco als Biennale-Direktor und Beatrice Venezi als Musikdirektorin des Opernhauses La Fenice sollte Venedig die Hauptstadt des kulturellen Melonismus werden, von der Impulse für einen kulturellen Rechtsruck ausgehen. Doch Buttafuoco ist kein Rechter, der über Tolkien oder Hobbits oder Sonnenwellen und esoterische Riten redet, wie etwa Italiens Kulturminister. Er hat beachtete Romane geschrieben, war 2006 Finalist beim bedeutenden Literaturpreis Campiello und stand mehreren Theatern als Direktor vor. Und er hat schon immer gern für Überraschungen gesorgt.
Der Biennale-Präsident Pietrangelo Buttafuoco bei der Eröffnung des neuen ZentralpavillonsPicture AllianceKulturschaffende, die ihn als Intellektuellen und Menschen schätzen, aber seine politischen Überzeugungen nicht teilen, sehen in ihm eine Art rechtsdrehenden Anarchisten, der sich weder der Geschichte noch einer Partei verpflichtet fühlt. „Für mich ist er Italiens Céline“, sagt ein Angehöriger der Verlagswelt, der nicht namentlich zitiert werden möchte: „Buttafuoco ist das Gegenteil eines Technokraten und viel zu lebendig im Kopf, um eine Biennale zu leiten.“
Erste Irritationen gab es bald. Anders als Meloni wohl erwartet hatte, tat Buttafuoco nichts, was nur der Pflege ihres oder seines Gartens der Macht diente. Er nahm Ernennungen vor, die auf Kompetenz und nicht auf Parteizugehörigkeit oder Vetternwirtschaft beruhen. Buttafuoco sei „ein kluger Faschist“, urteilte deshalb „La Stampa“. Genauso wenig hatte Italiens Kulturministerium sich offenbar ausgerechnet, wie ernst der Zweiundsechzigjährige die per Satzung festgelegte Autonomie der Biennale-Stiftung nehmen würde und wie er ihre Rolle als Instrument der Freiheit interpretiert.
Mit Buttafuoco pflegte er ein freundschaftliches Verhältnis: Italiens Kulturminister Alessandro GiuliEPAEntgegen der offiziellen Linie der Regierung, die seit Beginn des russischen Angriffskrieges an der Seite Selenskyjs steht, und entgegen auch der Haltung der EU lud Buttafuoco Moskau ein, sich wieder in Venedig zu präsentieren. Für Meloni muss die Nachricht wie die Ankündigung eines bevorstehenden Kometeneinschlags gewesen sein. Buttafuoco sollte die Biennale für sie zum Strahlen bringen, aber nicht mit Russland als wieder aufgehende Sonne.
Niemandem ist es gelungen, Buttafuoco zu überzeugen, von der russischen Teilnahme abzusehen. Auch die Ankündigung der EU, Mittel in Höhe von 2 Millionen Euro zu streichen, bewirkte nichts. Weder der Protestbrief, der von 22 Außen- und Kulturministern und der Ukraine unterzeichnet wurde, noch der Widerstand aus Rom brachten ihn dazu, auch nur Millimeter von der Wiedereröffnung des Pavillons abzurücken.
Buttafuoco – so berichten diejenigen, die ihn gesprochen haben – sei vielmehr überzeugt, die von ihm geleitete Institution vor politischem Druck schützen zu müssen. Seine Biennale solle ein Raum für Dialog und Austausch sein, der trotz der Nähe der Pavillons zu den Regierungen über politische Konflikte hinausweisen könne: „Alle Länder, die sich derzeit im Krieg befinden, werden hier in Venedig vertreten sein. Alle.“
Buttafuoco, geboren und aufgewachsen in Catania, studierte Philosophie und arbeitete zunächst als Buchhändler, bevor er anfing, bei rechten Zeitschriften und „Il Secolo d’Italia“, der damaligen Zeitung des rechtsextremen MSI, zu arbeiten. Von deren rechtspopulistischer Rhetorik hat er sich seitdem entfernt. Der Rechten warf er vor, in Bezug auf Migranten zu demagogisch zu sein. Ihren traditionellen Ideen blieb er aber treu, wobei seine Heimat Sizilien einen zentralen Platz in seinem Denken einnimmt. Seine Konversion zum Islam hat er als eine Geste der Versöhnung mit der Geschichte der Insel als Knotenpunkt zwischen Orient und Okzident erklärt. „Die Identität Siziliens ist islamisch“, schrieb er und bat darum, fortan Giafar al-Siqilli (Giafar der Sizilianer) genannt zu werden. Der Name ist eine Hommage an Giafar al-Kalbi, Emir von Sizilien zwischen 998 und 1019.
Kuckucksuhren, Russland und Orson Welles
In Italien wird das Beharren Buttafuocos von nicht wenigen als kulturpolitischer Akt bejubelt, der die „Doppelmoral“ der EU bei Kriegsverbrechen anprangere. Eine Bitte der F.A.S. um ein Interview lehnte er ab. Weggefährten erzählen, was er antworte, wenn sie vorsichtig fragten, wieso er an der Präsenz Russlands festhalte: Wenn die auf Moskau angewandten Kriterien für alle Teilnehmer gelten würden, bliebe nur der Schweizer Pavillon übrig, und die Biennale „würde zur Kuckucksuhr-Biennale“ werden.
Dass das Unsinn ist, weiß Buttafuoco garantiert genauso, wie ihm bekannt sein dürfte, dass die Kuckucksuhr keine Schweizer Erfindung ist. Dort, wo Kunst ist, muss auch Dialektik sein, lautet einer seiner Glaubenssätze, und das meint er, wenn er sich auf Orson Welles' Witz in „Der dritte Mann“ bezieht: „In Italien gab es dreißig Jahre lang unter den Borgias Kriege, Terror, Morde und Gemetzel, aber daraus gingen Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance hervor. Was ist in der Schweiz in fünfhundert Jahren ruhigen Lebens und Friedens dabei herausgekommen? Die Kuckucksuhr.“
Italiens Kulturminister Alessandro Giuli, ein Schüler und vormals enger Freund Buttafuocos, hat dessen Haltung scharf kritisiert. Der Einweihung des neuen Zentralpavillons blieb er fern und kündigte an, auch nicht zum Biennale-Auftakt zu kommen. Stattdessen schickte Giuli Inspektoren zur Überprüfung der Bücher der Biennale-Stiftung in die Lagune. Der Rücktritt der Jury scheint in unmittelbaren Zusammenhang mit diesem Besuch zu stehen.
Sollten Unregelmäßigkeiten gefunden werden, könnte die Institution unter Zwangsverwaltung gestellt und Buttafuoco noch vor Beginn der Kunstausstellung entthront werden. Zu Beginn der Woche wurde schon die umstrittene Dirigentin Beatrice Venezi, ebenfalls eine enge Freundin Buttafuocos, von der Regierung fallen gelassen. Gut ein Monat nach dem verlorenen Referendum scheint es bei der Regierung Meloni ums Überleben zu gehen. Was nicht vorzeigbar oder zu umstritten ist, muss damit rechnen, aussortiert zu werden. Und mit Buttafuoco wird die Biennale immer mehr zu einer Blamage.

vor 2 Tage
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