Als Ulrich Johannes Schneider vor vier Jahren in den Ruhestand ging, verließ er eine Bücherwelt. Denn die Bibliotheca Albertina in Leipzig, der Schneider seit 2006 als Direktor vorgestanden hatte, ist eine der größten Institutionen ihrer Art in der Bundesrepublik und zugleich neben Heidelberg die traditionsreichste deutsche Universitätsbibliothek, deren sagenhafte Bestände nicht zuletzt auf die Klosterauflösungen in der Reformation zurückgehen. Ein Dorado für einen Universalgelehrten wie Schneider.
Forschung in zwei Staaten, die das Bibliothekswesen revolutionierten
Nun ist er wieder in Berlin, wo er in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre sein Philosophiestudium absolviert hatte, zugleich aber ist er in der ganzen Welt unterwegs. Denn Schneiders aktuelles Forschungsvorhaben gilt nichts Geringerem als einer mehrbändigen Geschichte der Bibliotheksbauten. Dass er selbst in gleich mehreren wirkte, die Geschichte geschrieben haben – erst der Herzog-August-Bibliothek von Wolfenbüttel und dann eben der Leipziger Albertina –, kommt ihm dabei ebenso zupass wie die jüngeren langen Forschungsaufenthalte in jenen beiden Staaten, die zuletzt das Bibliothekswesen revolutioniert haben: den Vereinigten Staaten zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts mit den namentlich von Andrew Carnegie mäzenatisch geförderten public libraries (Schneider hat dazu 2024 eine kleine, aber immens materialreiche Studie veröffentlicht) und China, das nun im 21. Jahrhundert Bibliotheken errichtet, die das etablierte westliche System fürs digitale Zeitalter weiterentwickeln.
Ein Lehrmeister namens Michel Foucault
Die Faszination für den technischen Fortschritt ist Schneider im Gespräch anzumerken, obwohl er zugleich ein fanatischer Buchhistoriker ist, der in Leipzig nicht nur eine ganze Kette von aus den Beständen seines Hauses gearbeiteten kulturwissenschaftlichen Ausstellungen betreut, sondern auch das Buchdiskussionsforum „Thomasius Club“ ins Leben gerufen hat – benannt nach dem Leipziger Frühaufklärer Christian Thomasius. Aber es war ja auch jener Thomasius, der in Halle eine Universität neuen Stils propagierte: weg von der Scholastik, hin zu einer Forschungsstätte und Eigendenkwerkstatt. Schneider, dessen prägendster Lehrmeister wohl Michel Foucault gewesen ist, versteht die Aufgabe von Bibliotheken genauso.
Nach seiner aktiven Zeit als Bibliothekar kann er jetzt endlich die Wissensspeicher der Häuser, in denen er arbeitete, auch für eigene Projekte nutzen. So erschien in den letzten Jahren, beginnend mit der hinreißenden kunsthistorischen Betrachtung „Der Finger im Buch“, ein Buch nach dem anderen, zuletzt „Atmen beim Lesen“ als Vorgeschmack auf das in Arbeit befindliche Opus magnum.
Denn in diesem bibliothekssoziologischen Werk wird der Wandel von der Bücherhöhle in die weite Kathedrale der Gelehrsamkeit nachvollzogen, der im frühen Industriezeitalter stattfand: mit Paradebauten wie der British Library oder der Public Library von Boston. Und mit dem Licht, das plötzlich in die Lesesäle gelassen wurde, kam nicht nur ein metaphorisches Aufklärungsmotiv zum Tragen, sondern auch ein Verständnis von Hygiene, das demjenigen vorausging, das bald den Städtebau und damit unser aller Leben bestimmen sollte.
Am heutigen Montag wird Ulrich Johannes Schneider siebzig Jahre alt. Wir wünschen ihm viele weitere erhellende Momente in den Bibliotheken der Welt (und natürlich der eigenen). Und uns, dass dem Horsd’œuvre „Atmen beim Lesen“, das wir atemlos gelesen haben, bald das Hauptgericht folgt.

vor 2 Stunden
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