Uwe Wirths Kulturtheorie: Liegt hier der Schlüssel zur Kultur?

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Der Gießener Literatur- und Kulturwissenschaftler Uwe Wirth unternimmt den Versuch, eine bildliche Kulturtheorie zu formulieren. Als Modell dient ihm die landwirtschaftliche Technik der „Pfropfung“, die er mutatis mutandis im Kern kultureller Tätigkeiten erkennt. Sein Anspruch ist nichts Geringeres als eine „allgemeine Greffologie“.

Der Grundgedanke von Wirths Entwurf ist naheliegend, ist er doch im Begriff „Kultur“ selbst angelegt: im landwirtschaftlichen Ursprung von cultura als Bebauung von Land, von Kultivierung als Urbarmachung von Natur. Bei dieser Abgrenzung zur Natur wird dem Begriff Kultur ein metaphorisches Übertragungs- und modellhaftes Erweiterungspotential von der physischen auf die ideelle und symbolische Gestaltung von Lebenswelt zugedacht. Bildung, Sprache, Künste und Wissenschaft lassen sich analog als fortgesetzte Formung und Optimierung verstehen.

Mit welcher Metapher die Kulturgeschichte fassen?

In der Geschichte soziokultureller Theoriebildung wurden immer wieder, teils auch mit problematischen Implikationen, biologische Prinzipien modellhaft herangezogen wie etwa das der „Metamorphose“ (von Ovid bis Goethe), Anpassungskonzepte wie „Assimilation“ und „Imitation“ (etwa bei Gabriel Tarde) oder vitalistische Konzepte wie „Entwicklung“ und „Lebenskraft“ (so bei Franz Anton Mesmer oder Henri Bergson). Die „Pfropfung“ unterscheidet sich von diesen in ihrem technischen Zugriff auf Natur. Als Agrotechnik, die durch verletzende und wiederverheilende Verschneidung zweier Pflanzenteile aus wilder Natur eine nützliche macht, setzt sie das Prinzip Kultivierung beispielhaft um. Doch welches Licht vermag uns das Bild der Kultur als Pfropfung aufzustecken? Was ist sein Potential für das theoretische Verständnis von Kultur überhaupt?

 „Pfropfung“. Eine Theorie der Kultur.Uwe Wirth: „Pfropfung“. Eine Theorie der Kultur.S. Fischer

So einfach Wirths These zunächst erscheinen mag, so kompliziert (und nicht gerade leicht lesbar) ist ihre Begründung. Schon deshalb, weil sich die Modellfunktion der Pfropfung auf teils recht disparate Formen von Kultur zwischen Sprache, Literatur, Medien, Wissenschaft, Technik, Architektur und Medizin in immer neuen Variationen übertragen lässt. Folglich ist auch kaum mit einer einheitlichen Theorie zu rechnen, sondern eher mit variablen und rekombinierbaren Modellierungen in unterschiedlichen theoriegeschichtlichen Kontexten.

Die Frage ist daher nicht nur, was das Modell Pfropfung für das Verständnis von Kultur im Allgemeinen beisteuern kann, sondern auch, welche spezifischen Vorstellungen von Kultur es zu modellieren vermag. Es liegt auf der Hand, dass es kaum für Vorstellungen von Kultur relevant werden kann, die diese als homogen, geschlossen, original und singulär verstehen. Vielmehr wird Pfropfung bevorzugt für Vorstellungen von Kultur modellhaft, die diese als heterogen, offen, abgeleitet und plural ansehen.

Migration, Intermedialität, Cyborg

Entscheidend ist für eine solche Konzeption von Kultur, auf welche Weise das Zusammenspiel des Heterogenen genau gedacht wird. Exakt an dieser Stelle der Beschreibung und Erklärung der Vorgänge im Zwischenraum des „Inter“, „Trans“ und „Hyper“ kann der Pfropfung eine privilegierte Modellfunktion zugesprochen werden. So ist es nur konsequent, dass sich Wirth vorzüglich auf dem Feld von Poststrukturalismus und Postkolonialismus und ihren Ausfächerungen in Literatur-, Medien- und Wissenschaftstheorie bewegt. Das bestätigen auch die von ihm bevorzugten Phänomene, als da sind: Intertextualität, Intermedialität, Interkulturalität, Übersetzung, Migration, Differenz, Polyphonie, Bricolage, Rhizom, Hybridität, Third Space, Kreolisierung, Zitation, Parodie, Inskription, Transplantation, Reproduktion, Impfung, Cyborg, Roboter, Cut-and-Paste und so fort. Alle werden sie bei Wirth als Ausprägungen des Prinzips Pfropfung behandelt.

Innerhalb dieses Theoriehorizonts mit seinem Jargon der Pluralisierung nimmt Wirth eine signifikante und auf den ersten Blick überraschende Abgrenzung vor gegenüber der Hybridität. Robert Young folgend, moniert er am Konzept der Letzteren einen problematischen Rückfall in einen biologistischen Essenzialismus, den er in der „sexuellen“ Vermischung und Verschmelzung zu einer neuen Einheit sieht. Pfropfung dagegen ziele ganz grundlegend auf eine „nicht-sexuelle“ „Verbindung verschiedenartiger Organismen, die auch nach der Verbindung ihre individuelle Differenzqualität behalten“.

So stark diese Abgrenzung gemacht wird, bleibt sie dennoch nicht allzu konsistent. Erstens nimmt Wirth Umbenennungen vor, indem er nicht wenige Phänomene, die bisher als Ausprägungen von Hybridität verstanden wurden (etwa Deleuzes und Guattaris ‚Rhizom‘ oder Bachtins ‚Polyphonie‘), der Pfropfung zuschlägt. Das mag zwar in seiner Unterscheidung sachlich begründet sein, erweckt aber den Eindruck von Begriffspolitik.

Die Sympathie gilt Frankensteins Monster

Zweitens führt er eine Mischform von „Pfropf-Hybriden“ ein, die die scheinbar so starke Differenz verwischt. Und drittens unterläuft Wirth seine Unterscheidung ausgerechnet da, wo er sie, wenn auch vielleicht etwas spielerisch, mathematisch formalisieren will, nämlich so: „Während die Hybridisierung der Logik der geschlechtlichen Fortpflanzung folgt, nämlich ‚Aus zwei mach drei‘, lautet die Formel der Pfropfung ‚Aus zwei mach eins‘.“ Wenn aber im Modell Pfropfung die Differenzqualität bestehen bleiben und gerade keine Vermischung gedacht werden soll, müsste ihre Formel anstatt auf eine vereinigende „Eins“ doch eher auf eine redundante „Zwei“ abzielen. Oder noch besser auf eine widersprüchliche Gleichzeitigkeit „Eins-Zwei“ – mithin auf einen mathematischen Cyborg, eine logische Chimäre.

Nichtsdestoweniger ist es die Abgrenzung von der Hybridität, die der Pfropfung ihre entscheidende theoretische Kontur als Kulturmodell verleihen soll. Mit einem Beispiel Wirths gesprochen: Kultur ist in ihren Erscheinungsformen ein frankensteinsches Monstrum gepfropfter Transplantation, keine homogene, glatte und schöne Schaumgeborene. Ob in Sprache, Literatur, Medien, Gebäuden, Wissenschaft oder Technik, überall wird fragmentiertes heterogenes Material zu einem unnatürlichen Dritten kombiniert.

Stellt sich abschließend die Frage, ob nach der Kritik der Hybridität auch eine Kritik der Pfropfung angezeigt wäre. Wirth selbst legt nahe, dass sein Modell auch problematische Implikationen haben kann, selbst wenn diese jenseits seiner poststruktural-postkolonialen Deutung lägen. So wohnt der Pfropfung unweigerlich auch eine biopolitische Beherrschung und Kolonisierung von Natur inne: „Pfropfung wird dergestalt zum Modell eines Transformationsprozesses, in dessen Verlauf sich die Kolonialmacht in eine bereits bestehende Gesellschaftsordnung einschreibt“. Der operative Eingriff zur Naturoptimierung gleicht darin der Hybris, mit der sich beispielhaft der „moderne Prometheus“, Mary Shelleys Frankenstein, gegenüber dem Leben verhält.

Doch stellt Wirth an der Pfropfung nicht diese „traurige Realität“ der Beherrschung in den Vordergrund, sondern vielmehr ihr überraschendes Potential der „Befreiung“. Dieses aber liegt nicht etwa beim Akteur und Subjekt der Pfropfung, also dem mächtigen Gärtner-Wissenschaftler, den Foucaults Machtanalyse interessiert hätte. Befreiung ist vielmehr auf der Seite ihres Objekts nötig, dem zerstückelten und zusammengesetzten Gepfropften. Was folglich zu erzählen ist, ist nicht so sehr die Geschichte des prometheischen Kultivierers Frankenstein. Zu erzählen ist vielmehr die Geschichte des gepfropften und transplantierten Cyborgs, des namenlosen Monsters, das bei Shelley abwechselnd „creature“, „spectre“, „daemon“, „wretch“, „devil“, „thing“, „being“, oder „ogre“ heißt. Ihm gilt die Sympathie dieser engagierten Kulturtheorie. Sie erzählt seine Geschichte.

Uwe Wirth: „Pfropfung“. Eine Theorie der Kultur. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025. 752 S., Abb., 48,– €.

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