Magdalena Schrefels Debütroman: Da zeigt sich eine Hoffnung am Firmament

vor 2 Stunden 1

Dies ist ein erstaunlicher Debüt­roman – ein Buch, mit dem das neue Literaturjahr aufs Erfreulichste eingeleitet wird. Wobei Magdalena Schrefel kein un­beschriebenes Blatt ist; die 1984 geborene Autorin aus Wien ist mit Theatertexten und Hörspielen hervorgetreten, 2022 erschien ein Erzählungsband, damals in der literarisch ambitionierten Reihe „edition suhrkamp“. Nun kommt der erste Roman, und das im Haupt­programm von Suhrkamp. Zu Recht.

Den genauen Zeitpunkt der Handlung hält Magdalena Schrefel unter der Decke. Wir wissen nur soviel, dass sie einige Zeit nach der Weltklimakonferenz von Belém angesiedelt ist, und die ging am 21. November des vergangenen Jahres zu Ende, wie gewohnt ohne konkrete Ergebnisse, aber mit vielen Absichtserklärungen. Danach, so lesen wir im Roman, folgte noch „ein langer Weg zur Entscheidung für die Maßnahme“ – eine, die dem ­Klima­wandel durch Einstreuung von Schwefel- und Kalkpartikeln in die Stratosphäre begegnen will, wodurch die Sonneneinstrahlung und damit auch die Temperatur auf unserem Planeten vermindert werden soll. Alle raumfahrttüchtigen Nationen beteiligen sich daran. Science Fiction? Ja, was diesen Ausgangspunkt des Romans angeht. Keineswegs aber mit Blick auf das, was dann den eigentlichen Gegenstand der Handlung ausmacht: die wechselseitige Befremdung durch das Zerbrechen einer Familie.

Das Cover von Magdalena Schrefels RomanDas Cover von Magdalena Schrefels RomanSuhrkamp

Dieser Bruch ist lange her. Hera und Hannah Awenir (ein hochsymbolischer Name, dessen Gleichklang mit dem französischen Wort für „Zukunft“ der Roman etwas altklug selbst thematisiert) sind längst erwachsen; ihre Mutter Angelika verließ ihren Mann, als die gemeinsamen Töchter noch klein waren. Deren Ver­störung war groß, aber am schlimmsten traf es ihren Vater Jakob: Seit dem Ende der Beziehung schweigt er sich über die Umstände des Scheiterns seiner Ehe aus. Und die Töchter rätseln seitdem, was wohl geschah.

Der Roman beginnt in den Tagen zwischen den Jahren. Auch das ist aufgesetzt symbolisch: als naheliegendste Zeit für Rückblicke und Neuanfänge gleicher­maßen. Beides steht nun an: Vera als die um zwei Jahre ältere Schwester ist Zoo­login und gerade auf dem Absprung auf eine Professur in China; Hannah wiederum hat seit kurzem eine befristete Stelle als Rechercheassistentin bei einem großen Ausstellungsprojekt der Wiener Museen angetreten. Das widmet sich einer markanten Folge der Klima-Maßnahme: Durch die bald beginnende Manipulation der Stratosphäre wird der Himmel sein gewohntes Blau ver­lieren. Über uns dräut in Zukunft nur noch Grau.

Der eine schweigt, die anderen beiden reden

„Das Blaue vom Himmel“ heißt der Roman, und wie Schrefel die sonst pejorativ gebrauchte Redewendung in diesem Roman gegen den Strich bürstet, ist eindrucksvoll. Wer nämlich meinte, unter diesem Titel würde eine entlarvende Geschichte erzählt (ob nun ­wissen­schafts­skeptisch oder politaktivistisch), täuscht sich. Entlarvung ja, aber nicht anklagend, sondern nur dekuvrierend. „Das Blaue vom Himmel“ schildert eine labile Familienkonstellation, die nicht aus Lügen resultiert, sondern aus Jakobs Schweigen.

Vera und Hannah reden umso mehr – nicht nur miteinander, ehe die Ältere gen China verschwinden wird, sondern auch schon bedingt durch ihre Berufe: die eine vom Katheder, die andere als Fragestellerin bei Interviewbegegnungen, die sie für das Ausstellungsprojekt filmt. Hannah lässt darin Menschen über ihre Wahrnehmung des blauen Firmaments berichten. Die Schau selbst, die außerdem zahlreiche thematisch passende Kunstwerke zeigt, wird am Tag vor der durch die Maßnahme einsetzenden Entfärbung des Himmels eröffnet, und von diesem Sommerabend erzählt schließlich der zweite Teil von „Das Blaue vom Himmel“.

Irgendwann schon im ersten stellt Hannah, ihres Zeichens Ich-Erzählerin des Romans, unter dem Eindruck der bereits abgedrehten Gespräche fest, „dass es keine für alle gleich gültigen Begriffe gibt für das, was wir sagen wollen, als gäbe es Sprache nur als Potenzial, als Möglichkeit, als Übereinkunft zwischen ein paar wenigen. Und das manchen sogar die Zeiten durcheinandergerieten im Sprechen, als ob jede Erinnerung auch ein Erleben wäre, oder ein Stoff, der Falten warf, in die sie mich einluden und die wir gemeinsam dehnten, bis sie ein ganzer Raum waren, weil Erinnerung nichts Gegebenes ist.“ Genau diesen Eindruck vermittelt auch der Roman selbst.

Titel, Covergestaltung und Schreibweise verdanken sich einem im Roman imaginierten Film

Denn auch hier werden durch Hannahs einander ablösende Erinnerungen an ihre Kindheit, an die Interviews und vor allem an die mangelnde Gesprächsbereitschaft des Vaters, immer wieder Zeit­ebenen neu mit­einander verzahnt, zumal die Aussicht auf die anstehende Maßnahme auch noch die Zukunft mit ins Spiel bringt. Eines der für die Ausstellung eingeworbenen Werke ist der Abschlussfilm einer Filmstudentin, der denselben Titel trägt wie der Roman und aus lauter Kinoszenen zusammengeschnitten ist, in denen der Himmel zu sehen ist. Einer der vielen Kunstgriffe des Buchs, der nicht Magdalena Schrefel anzurechnen ist, besteht in der diese Filmidee aufnehmenden Covergestaltung, für die der Verlag Judith Schalansky gewinnen konnte. Von der allerdings bekannt ist, dass sie solche Arbeiten für andere Autoren nur übernimmt, wenn ein Buch sie überzeugt; also hat Schrefel daran doch auch Anteil.

In ihrem erzählerischen und psychologischen Mosaik steckt so viel Detailfreude und Menschenkenntnis, wie man es sich in der Literatur nur wünschen kann. Zugleich – dies als Warnung an jene, die auf die plakativ scheinende Klimathematik als Lektüreanreiz setzen – ist „Das Blaue vom Himmel“ ein sowohl sprachlich als auch konzeptionell versiertes Kunststück, das seinen Sog nicht durch den Inhalt, sondern die Form bekommt: ein Spiegelbild der darin porträtierten Ausstellung. Deren Eröffnungsabend dann eine Aussprache zwischen Vater und Tochter bietet, die in der Unbeholfenheit des Ersteren berührt. Grautöne, auch auf der Erde.

Magdalena Schrefel: „Das Blaue vom Himmel“. Roman.
Suhrkamp, Berlin 2026. 268 S., geb., 24,– €.

Gesamten Artikel lesen