Teppiche waren immer schon politisch. Dem römischen Dichter Ovid zufolge brachte die lydische Weberin Arachne im Webwettstreit mit der Göttin Athene alle Verfehlungen und Verbrechen von deren göttlicher Verwandtschaft auf ihrem Teppich zur Sprache, Athenes Vaters Zeus Vergewaltigungen, Onkel Poseidons Raub diverser Frauen. Die vorgeführte Göttin rächt sich fürchterlich und verwandelt Arachne in eine Spinne, die fortan wie die von einem anderen Gott der Verführung der Stammmutter Eva überführte Schlange auf dem Bauch kriechen und Staub fressen muss.
Kaum ein politischeres Stück Stoff lässt sich im Mittelalter denken als der mehr als hundert Meter lange Teppich von Bayeux, der die Geschichte der Eroberung Englands durch die Normannen schildert. Viele Gobelins der Renaissance und des Barock propagieren ähnlich nahe an der Macht die absolutistischen Beutezüge in Europa und der Neuen Welt. Teppiche aus Arabien, Indien und Persien wiesen immer schon eine verschlüsselte Symbolsprache auf und präsentierten etwa den aperspektivisch aufgeklappten Garten Eden aus der himmlischen Vogelschau, wo die irdischen Verhältnisse der Weber alles andere als paradiesisch waren. Doch standen über das rein Dekorative hinausgehend bestimmte Sujets auch für verborgenen Widerstand gegen die europäischen Kolonialherren. Selbst als 1979 die Sowjetunion Afghanistan überfiel, tauchten als neue Motive auf traditionellen afghanischen Webteppichen plötzlich russische Panzer und MiG-Düsenjäger auf.
Seit dreißig Jahren gibt es eine Renaissance der Bildteppiche
Wenig verwunderlich, wenn zeitgenössische Künstler seit etwa dreißig Jahren verstärkt (die Norwegerin Hannah Ryggen webte ja schon in den Dreißigern gegen Hitler und Mussolini an) diese lange Tradition politisch aufgeladener Webteppiche aufgreifen. Das Frankfurter Museum Angewandte Kunst (MAK) zeigt seit dem Wochenende in seiner Ausstellung „Wolle – Seide – Widerstand“ nun einige der eindrücklichsten Exemplare dieses die Frage „Freie Kunst oder Objektstil?“ mühelos überspielenden textilen Protests der vergangenen zwei Jahrzehnte.
Nach dem noch vermeintlich harmlos im Raum schwebenden pastelligen Teppich mit den Silhouetten zweier Weißer und einem durch deren erhobene Arme springenden Pferd („Horse Hoop“) des schwarzen Südstaaten-Künstlers Diedrick Brackens in symbolträchtiger Baumwolle wird es gleich mit Jeroen van den Bogaerts Teppich-Triptychon „A Foolish Pleasure in Wicked Schemes“ von 2022 ernst. Im Mittelteil der dreiteiligen pseudosakralen Altaranlage (tatsächlich waren die Antependiums-Vorderseiten der Altäre im Mittelalter oft textil bedeckt) überschneidet der Oberkörper eines Schwarzen, der mit einem weiteren Helfer einen leblosen Körper birgt, die weltberühmte Kreuzabnahme Rogier van der Weydens aus dem Madrider Prado. Eine weitere, diesmal barocke Pietà darüber wird kontrastiert von zahlreichen augenscheinlich von Fotografien als Vorlagen inspirierten Abgeführten, ver- und weggeschleppten Menschen und abtransportierten Leichen. Van den Bogaerts moderner Altar verwebt somit als Geschichtsstoff alte und neue Pathosformeln von Martyrien und hemmungslos ausgeübter Gewalt von Mächtigen.
Im Meer treibende Prothesen: Otobong Nkangas „Unearthed - Twilight“ von 2021MAKUnd auch wenn es auf den ersten Blick verspielt und kindisch erscheint: der mehr als zwölf Meter lange begehbare Teppich „Paraná de las Palmas River“ von Alexandra Kehayoglou aus dem Jahr 2021 ist ein tiefgründiges Werk, nicht nur in seinen Dimensionen. Jeder Museumsbesucher darf in die als Vogelschau in getuftete Wolle übersetzte und massiv vom Klimawandel und der Brandrodung bedrohte nordostargentinische Landschaft als immersiven Erfahrungsraum hineingehen, sich gar wie Gulliver bei den Liliputanern in das Mündungsdelta oder den herrlich moosweichen Palmwald dahinter (der Fluss ist nach den charakteristischen Palmen benannt) legen.
Die verwobene Dialektik bald zerstörter Schönheit
Kehayoglou will dialektisch durch das Aufzeigen der ungeheuren Schönheit auf die hässliche Seite brutaler Umweltzerstörung aufmerksam machen: Allein im Entstehungsjahr des Teppichs fiel der Flusspegel auf den niedrigsten Stand seit einem halben Jahrhundert, mit unabsehbaren Folgen für die dortige Bevölkerung. Dieser Waldbildteppich öffnet somit nicht nur das abgesehen von der grundsätzlich reliefhaften Wirkung von Weberzeugnissen zweidimensionale Medium ins begehbare Dreidimensionale, sondern zugleich das Bewusstsein für die Bedrohung der einzigartigen Landschaft, ähnlich den Beschreibungen der Astronauten über die gespürte Fragilität der „Blue Marble“ Erde aus dem Weltall. Die Natur freilich wird sich all das zurückholen und den Menschen überleben.
Dieser Perspektivwechsel gelingt auch Johannah Herr mit ihren vier fesselnden „American War Rugs“ in der Schau, insbesondere deren Nummer XV („Operation Paper“) und XVII („Hawaii 1893“). Es ist geopolitische Aufklärung in Wolle par excellence, die Teppiche tragen symbolisch wie in einem guten Geographieunterricht alle Komponenten der Krisenzonen zusammen, die jeder Betrachter zu entschlüsseln vermag. So werden etwa zeichenhaft in der Bordüre die Signets der CIA und anderer staatlicher Verbrechersyndikate eingewoben, die seit ihrer Gründung in alle schmutzige Händel dieser Erde involviert waren. Im Rahmen des grellrosafarbenen Afghanistan-Rug sind dies Dollarscheine, Drogenbesteck, Herointütchen, Panzerfäuste und diverse Waffen als Entlohnung für den Rauschmittelanbau, die aber sinistrerweise als Ornament erst einmal harmlos daherkommen. Im Teppichinneren schwebt wie ein Gottessymbol ein Goldenes Dreieck über den von Bombern überflogenen Länderkonturen der Hauptproduzenten von Opium, das wiederum als dekorativ leuchtend rot blühende Mohnblume den Fond des Gewebes überzieht. Unauflöslich verwoben wird hier die Gewaltgeschichte mit dem Kreislauf von als Farce wiederholter Historie: Die mit Drogen finanzierten US-Waffen, von den afghanischen Mudschahedin gegen die Russen eingesetzt, wurden nach dem Abzug der Sowjetunion von den Taliban gegen die Vereinigten Staaten eingesetzt, während das Heroin die dortige Gesellschaft immer weiter zerstört.
Spannender Geschichtsunterricht in Wolle: Johannah Herrs „American War Rug XVII (Hawaii 1893)“, 2022Mareike TochaDer südafrikanische Politkunst-Altmeister William Kentridge wiederum ist mit dem wie seit menschheitsalten Zeiten handgewebten, inhaltlich jedoch leider tagesaktuellen Mohair-Wandteppich „Carte Hypsométrique de l’Empire Russe“ von 2022 vertreten. Auf ihm offenbart sich die ebenso unausgesetzte wie unaufhaltsam wirkende Expansionsdynamik Russlands abermals aus der Himmelsschau. Kentridge wäre allerdings nicht der hypergenaue Rechercheur, wenn er mit der Wahl des edlen Materials nicht gleichzeitig noch auf die Geschichte seines Heimatlandes anspielen würde, dessen englische Kolonialherren im 19. Jahrhundert aus der Türkei Mohairschafe nach Südafrika importierten, nur um die Wolle und die daraus in Sklavenarbeit fabrizierten Produkte danach für teures Geld in die Herkunftsregionen der Schafe zu exportieren.
Ob das MAK indes gut daran tat, derart distanzlos die häufig überpolitisierte Sprache „des Widerstands“ zu übernehmen, wenn es im Booklet vor Buzzwords wie „kollektive Resilienz“ und „Resistenz“ nur so brummt, ist fraglich, gerade angesichts des inzwischen auf zahlreichen Ausstellungen herumgereichten und parteiisch als Palästinenser gelesenen „Steinewerfers“ vor orientalischem Mustergrund von Rose Stach. Zudem bleibt der klaffende performative Widerspruch, dass die im MAK gezeigten Teppiche überwiegend von eher schlecht bezahlter Menschenhand und nicht von Maschinen gefertigt wurden. Das in den Räumen nicht thematisiert zu haben, kostet die ansonsten anregende Schau doch einiges an Glaubwürdigkeit.
Wolle. Seide. Widerstand. MAK Frankfurt, bis zum 24. Mai. Katalog folgt.

vor 2 Stunden
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