Wir waren nachlässig, erklärte Valeria Chomsky dieser Tage in einem schriftlichen Statement. Sie und ihr Ehemann Noam Chomsky hätten seine, Jeffrey Epsteins Vergangenheit nicht gründlich recherchiert. „Das war ein schwerer Fehler, und für dieses Fehlurteil entschuldige ich mich in unser beider Namen. Noam hat mir vor seinem Schlaganfall 2023 gesagt, dass er es genauso sieht.“ Die Klarstellung trägt den hermeneutischen Makel, nicht genau zu wissen, was sie wert ist. Wird hier eine Ausrede fabriziert, weil man auch ohne gewaltigen Recherche-Aufwand hätte wissen können, bei wem man dran ist? Aus den Epstein-Akten spricht ein salopp-einvernehmliches Verhältnis zwischen Noam Chomsky und Jeffrey Epstein.
Wenn nicht alles täuscht, was man diesbezüglich dem Wust von Mails, Fotos und E-Mails entnimmt, so stimmte jedenfalls die Chemie zwischen den beiden, sie scheinen, in weichen, nicht rechtsfähigen Termini gesprochen, auf einer Wellenlänge: Chomsky, der weltberühmte MIT-Professor, brillanter Linguist und politisch-moralischer Aktivist seit Jahrzehnten, eine linke Ikone der Kapitalismuskritik, im munteren, immer auch männerwitzelnden Austausch mit dem damals schon verurteilten Sexualstraftäter Epstein auf der anderen Seite.
2019 bat Epstein Chomsky um Rat, wie auf den öffentlichen Druck über ein Jahrzehnt nach seiner Verurteilung und Strafabbüßung zu reagieren sei. Chomsky riet, gar nicht erst in Kommunikation mit den Vorhaltungen zu treten, die mediale Kritik zu ignorieren, vorderhand um die Angriffsfläche nicht zu vergrößern, womöglich aber auch aus tieferliegenden Gründen eines opaken Sprachverständnisses, wie es aus Chomskys Beschwörung des „Geheimnis“-Charakters von Sprache spricht, die zuallerletzt ein Mittel der Kommunikation sei, zunächst jedoch ein Werkzeug des immer schon begrenzten Denkens, „verstreute Fragmente“ eines inneren Dialogs, nicht kommunikabel im Sinne einer Verständigung über eine im Ganzen stets obskur bleibende Wirklichkeit, von der sich im letzten nur sagen lasse, dass „was für mich unvorstellbar“ ist, kein Kriterium abgibt für das, „was existieren kann“.
Eine Lizenz zum Unaussprechlichen
Ist das, was sich in Chomskys vergangenes Jahr noch einmal bei Suhrkamp erschienenem Buch „Was für Lebewesen sind wir?“ nachlesen lässt, etwa eine Anleitung zur Lektüre der Epstein-Akten? Also man lese im Sinne von: „verstreute Fragmente“, die das ganze Ausmaß der Frauen entwürdigenden Realität eher verschleiern als enthüllen? Weil dort entweder geschwärzt agiert wird, oder tatsächlich derart fragmentarisch, dass den obszönen Dokumenten rechtlich nicht beizukommen ist, linguistisch gesprochen: ihre Bedeutung lautlos gehalten wird?
Noam Chomsky bei einem Vortrag im Jahr 2006AFPWerk und Autor lassen sich nicht aufeinander reduzieren, aber wenn man schon nach Anhaltspunkten im professionellen Sprachverständnis des Sprachmagiers Chomsky fragt (bei Philosophen rangiert er als „realistischer Metaphysiker“), dann liest sich die Hintanstellung der kommunikativen Funktion von Sprache wie eine Lizenz zum Unaussprechlichen, das man sich genehmigt, wenn es die Umstände von elitären Netzwerken erlauben, ohne darüber öffentlich zu reden, ohne rechtlich belangbar oder auch nur politisch-moralisch rechenschaftspflichtig zu sein.
Zieht dieser „Mysterianismus“, mit dem Chomsky systematisch die begrenzte Reichweite von Sprache markiert, am Ende also auch die „Nachlässigkeit“ (Valeria Chomsky) im Umgang mit sprachlich kodiertem Missbrauch Minderjähriger nach sich? Wenn Sprache sowieso nicht so recht zur Kommunikation taugt, kann ich ihre Wortgestalten auch ignorieren. Das gelte, so schrieb Chomsky 2019 in der zitierten Beratung Epsteins, „insbesondere jetzt, wo eine Hysterie um den Missbrauch von Frauen entstanden ist, die so weit gegangen ist, dass schon das Infragestellen einer Anschuldigung ein Verbrechen ist, das schlimmer ist als Mord“. Chomsky gehörte nicht zu denen, die auf der Sex-Insel des im selben Jahr abermals in einer Zelle einsitzenden und dort gestorbenen Epstein waren, aber allein das vorstehend zitierte verstreute Fragment macht klar: politisch-moralisch stürzt hier jemand aus großer Fallhöhe.
Wenn sich der Moralist erlaubt, Wasser zu predigen und Wein zu trinken
Zum einen wird deutlich, dass Noam Chomsky auch ohne die ausgebliebene vertiefte Recherche, von welcher seine Frau schuldbewusst-exkulpativ spricht, genug wusste, um sich nicht auf eine manipulative Erzählung seitens Epsteins herausreden zu können, wie Valeria Chomsky es nahelegt. Wer wie ihr Mann verurteilten Missbrauch zum Anlass nimmt, um gegen die Opfer zu polemisieren, sie mit Hysterie-Vorwürfen und unterstellten Mordvergleichen zu diffamieren und damit dem Täter beizupflichten, der hat jedenfalls aufgehört, eine politisch-moralische Instanz zu sein. Chomsky nutzt den Lücken-Charakter von Sprache, um eine mysteriöse Realität aufzuspannen, in der die Missbrauchten ein weiteres Mal Opfer werden.
Hier scheint eine linguistische Raffinesse auf, der gegenüber die üblichen psychologischen Erklärungen von kognitiver Dissonanz flach wirken. Wie das?, hört man auf dieser Ebene fragen: Ein Kapitalismuskritiker von Rang lässt sich auf einen Finanzmogul ein, nimmt dabei auch Gelder von ihm an? Wie das: ein in immer neuen Anläufen über die Verantwortung des Intellektuellen fürs Gemeinwohl dozierender public intellectual suspendiert sich selbst von solcher Verantwortung, wenn sein eigener, Chomskys moralischer Nimbus bereitwillig zur Aufbesserung von Epsteins Image herhält?
Psychologisch spricht man von moralischer Selbstlizenzierung, ein kompensatorischer Vorgang, bei dem es sich der Moralist erlaubt, Wasser zu predigen und Wein zu trinken. Aber das wäre zu billig, die Causa Chomsky auf den Menschen in seinem Widerspruch hinauslaufen zu lassen. Chomsky ist ein Denker, der sein theoretisches und praktisches Sprachvermögen so entschieden normativ auflud wie kaum ein Geisteswissenschaftler sonst. Sich dann in Sachen Epstein derart die Blöße des blinden Flecks zu geben, kann nur mit einer Deformation erklärt werden, die tief in die eigene professionelle Kompetenz hineinragt. Hier geschieht ein Missbrauch der Sprache als angeblich eher verhüllender denn kommunikativer, aussagefähiger Macht. Und es ist nicht geheimnisvoll, sondern himmelschreiend, wenn in der Folge dann der Missbrauch von Personen als quantité négligeable erscheint, als vernachlässigbares Aktenmaterial.
Also doch keine Plattitüde, wenn da in Chomskys vor zehn Jahren erschienenem Buch „Wer beherrscht die Welt?“ der Satz steht: „Es ist von einigem Interesse, dass das Handeln angesehenster Kreise sich nachgerade im Gegensatz zu den Geboten fundamentaler Moral befindet.“ Auch diesem Satz hat Chomsky, der linguistische Skrupulant, nie wirklich getraut. Sonst hätte er ihn ja irgendwie auf sich beziehen können.

vor 2 Stunden
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