USA: Die falsche Zeugin

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Das sind jetzt eigentümliche Veranstaltungen in diesem Performing Arts Center von Chappaqua, USA. In der Kleinstadt nördlich von New York wohnen die Clintons, im örtlichen Kulturzentrum steht zum Beispiel für diesen Samstag eine Neujahrsfeier nach dem Mondkalender auf dem Programm. Aber am Donnerstag musste dort Hillary Clinton in Sachen Jeffrey Epstein aussagen, für Freitag ist Bill Clinton an der Reihe.

Vorgeladen wurden beide vom Aufsichtskomitee des amerikanischen Repräsentantenhauses, das sich auf seine Art über den Skandal um den Sexualverbrecher Epstein informieren möchte. Die von den Republikanern durchgesetzten Termine finden im Prinzip unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, obwohl Hillary Clinton verlangt hatte, dass Journalisten zugelassen werden. Doch in Grundzügen drang schnell nach draußen, was drinnen besprochen wurde.

Für die Befragte war diese Anhörung von Anfang an Schikane, ein „Angelausflug“, wie sie es nannte. Entsprechend hielt sie dagegen. „Ich kann mich nicht daran erinnern, Herrn Epstein jemals begegnet zu sein“, sagte die Demokratin in ihrem Eröffnungsstatement, das sie auf X publik machte. „Ich bin nie mit seinem Flugzeug geflogen und habe weder seine Insel noch seine Häuser oder Büros besucht. Dazu habe ich nichts weiter zu sagen.“

Nicht nur nach ihrem Geschmack ist sie die falsche Quelle in diesem Fall, der interessantere Zeuge könnte im Weißen Haus zu finden sein. Vor allem den republikanischen Wortführern teilte Hillary Clinton zum Einstand dies mit: „Sie haben mich zur Aussage gezwungen, obwohl Sie genau wissen, dass ich keine Informationen habe, die Ihrer Untersuchung weiterhelfen würden, um die Aufmerksamkeit von den Handlungen von Präsident Trump abzulenken und diese trotz berechtigter Forderungen nach Antworten zu vertuschen.“

Gut sechs Stunden später, als diese Pflicht vorbei war, wiederholte sie das dann gegenüber Reportern vor dem Gebäude. „Ich weiß nicht, wie oft ich schon sagen musste, dass ich Jeffrey Epstein nicht kenne“, sagte die frühere US-Außenministerin, das sei nun wirklich mehrfach dokumentiert. Unter Leitung des Republikaners und Trump-Getreuen James Comer hatte das House Oversight Committee durchgedrückt, dass das Ehepaar Clinton Fragen dieser Runde beantworten muss, erst sie, dann er.

Nach Washington brauchten sie dafür nicht reisen, bizarr wurde es  trotzdem. Zwischendurch schickte die Republikanerin Lauren Boebert dem rechten Podcaster Benny Johnson ein Handyfoto der Zeugin, das dieser sogleich online stellte. Da schien das Treffen im Chaos zu enden, weil es eigentlich verboten ist, solche Szenen durchzustecken. Nach längerer Unterbrechung ging es weiter. Dass Hillary Clinton auch noch nach Ufos und dem angestaubten Maga-Verschwörungsgeschwurbel „Pizzagate“ befragt wurde, fand sie „ziemlich ungewöhnlich“.

Mehr als ein Dutzend Mal soll sie mit „I don't know“ geantwortet haben: Man solle ihren Mann fragen

In den vom Justizministerium ins Netz gestellten Epstein-Akten spielt sie im Gegensatz zu vielen anderen keine Rolle. Sicher ist nur, dass Epsteins Komplizin Ghislaine Maxwell in Begleitung des Unternehmers Ted Waitt 2010 bei der Hochzeit der Clinton-Tochter Chelsea zu Gast war. Hillary Clinton sagte nun, sie glaube, dass die meisten Leute, die vor dem ersten Verfahren 2008 mit Epstein Kontakt gehabt hätten, „nicht wussten, was er tat, und ich denke, genau das wird mein Mann morgen aussagen.“ Ausschuss-Leiter Comer sagte, sie habe mehr als ein Dutzend Mal „I don't know“ geantwortet, man solle ihren Mann fragen.

Bill Clinton kannte den 2019 in Haft verstorbenen Epstein nachweislich, das bestreitet er auch nicht. Es gibt gemeinsame Fotos, der frühere US-Präsident flog mehrfach in seinem Flugzeug, 2002 und 2003 für seine Clinton-Stiftung. Bilder aus den Akten zeigen ihn allerdings auch mit Frauen, unter anderem in einem Whirpool. Beweise für Straftaten gibt es nicht. Er habe damals „keine Ahnung“ von Epsteins Verbrechen gehabt, schrieb der Demokrat in seinen Memoiren „Citizen“ von 2024. „Er hat vielen Menschen Schaden zugefügt, aber ich wusste nichts davon.“ Das Wall Street Journal zitiert ihn aus dem Buch.

Genaueres werden am Freitag die Abgeordneten wissen wollen. Von Bill Clinton war im Zusammenhang mit Epstein zuletzt viel die Rede, sein Name taucht häufig in den freigegebenen Papieren auf, was kein Zeichen für Schuld ist. Seine Frau bezeichnete die Ermittlungen des mehrheitlich republikanischen Ausschusses jetzt als „parteipolitisches Theater“, das darauf ausgerichtet sei, „eine politische Partei und einen Amtsträger zu schützen, anstatt Wahrheit und Gerechtigkeit für die Opfer und Überlebenden zu suchen“.

Wohl Tausende Mädchen und Frauen wurden vergewaltigt. Hillary Clinton stellt Fragen, die sich immer mehr Landsleute stellen. „Sie haben sich kaum bemüht, die Personen anzurufen, die in den Epstein-Akten am häufigsten vorkommen“, wirft sie dem House Oversight Committee vor. An der ebenfalls vertraulichen Vernehmung von Les Wexner in Ohio soll kein einziger Republikaner teilgenommen haben, obwohl das FBI den früheren Besitzer der Dessous-Marke „Victoria's Secret“ und Spender der Republikaner in den Epstein Files als „nicht-angeklagten Mitverschwörer“ führt.

Während anderswo Prominente wanken, wird einer nicht vernommen: Donald Trump

Besonders oft taucht bereits in den bisher einsehbaren Epstein-Akten Donald Trump auf, die beiden waren lange befreundet. Auch bei ihm ist im Rahmen des Epstein-Horrors kein strafrechtliches Vergehen bekannt, der US-Präsident weist jeden Verdacht von sich. Demokraten verlangen, dass auch er und sein ebenfalls mit Epstein verbundener Handelsminister Howard Lutnick aussagen. Aber während anderswo Prominente wegen Epstein und Maxwell wanken und kippen, siehe unter anderem der vormalige Prinz Andrew in Großbritannien, wird Trump nicht einmal offiziell befragt.

Derzeit macht die Meldung die Runde, dass in dem vom Justizministerium per Gesetz veröffentlichten Material diverse Aussagen von Opfern fehlen. Darunter sind mutmaßlich drei Protokolle von FBI-Gesprächen mit einer Frau, die 2019 angab, als Kind in den Achtzigerjahren von Epstein und auch Trump sexuell missbraucht worden zu sein. Das Justizministerium reagierte erst pikiert auf die Vorwürfe, solche Informationen zu unterschlagen - und will nun doch prüfen, ob das FBI diese Seiten zu Unrecht zurückhält.

Demokratische Senatoren wollen sich im Justizministerium ungeschwärzte Versionen von Epstein Files ansehen. Und sie möchten Details über die Anschuldigungen über den möglichen Missbrauch eines damaligen Mädchens erfahren. „Lassen Sie mich ganz offen sein“, sagte der Minderheitsführer Chuck Schumer am Donnerstag im Kapitol. „Im Justizministerium findet eine massive Vertuschungsaktion statt, um Donald Trump und Personen aus dem Umfeld von Jeffrey Epstein zu schützen.“

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