Ungeschwärzte Namen: Kein Schutz für Epsteins Opfer

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„Es ist eine Tatsache, dass die Zeit, die ich mit dir verbracht habe, alle meine zukünftigen Beziehungen erschweren wird. Aber das kommt vor allem daher, dass du mich deinem ungewöhnlichen Lebensstil ausgesetzt und all meine Werte, Prioritäten und mein Gefühl für Richtig und Falsch umprogrammiert hast, seit du eine Beziehung mit mir angefangen hast, als ich ein Teenager war.“ Die E-Mail an Jeffrey Epstein aus dem Jahr 2012 stammt von einer Frau, die seit Langem unter ihrem richtigen Namen als seine ehemalige Freundin – manche sagen auch Komplizin – bekannt ist. Doch nicht nur sie ist mit ihrem Klarnamen im Netz zu finden. Auch die Namen vieler anderer Frauen, manche damals vielleicht Mädchen, die Ep­stein E-Mails schrieben, die er für Sex bezahlte oder nach mutmaßlichen sexuellen Übergriffen mit Geld zum Schweigen brachte, sind immer noch online.

Das Justizministerium hatte kurz nach der Veröffentlichung der Ermittlungsakten Fehler eingeräumt, Namen nachträglich unkenntlich gemacht. Doch Seiten wie jmail.world hatten die Dokumente da schon heruntergeladen. Die Schwärzungen holten sie nie nach. Das von Riley Walz und Luke Igel, dem Mitgründer von Kino AI, gestartete Portal jmail.world macht es erheblich einfacher, sich in den Akten zurechtzufinden. Zwanzig Millionen Menschen sollen es nutzen.

Schutz der Privatsphäre gilt nicht

Eigentlich wollten die Macher Gutes, wollten aufklären, Daten sichern. Doch nun sind sie dafür verantwortlich, dass sich die Namen von Frauen verbreiten, die auf unterschiedliche Weise mit Epstein Kontakt hatten. Manche bekamen mutmaßlich Schweigegeld nach sexueller Gewalt, andere waren Sexarbeiterinnen, manche vermittelten ihm weitere Frauen oder Mädchen. Selbst in letzterem Fall wären die Namen ohne und auch nach einer Verurteilung außerhalb der Vereinigten Staaten vielerorts geschützt.

Auch Plattformen wie Reddit kümmert das nicht. Dort tauschen Hobbydetektive Thesen aus, allein der Subreddit r/Ep­stein hat drei Millionen Zugriffe und fast 50.000 Beiträge in der Woche. Viele Nutzer teilen die Namen und Geschichten der Frauen aus den E-Mails – auch auf Russisch, Finnisch oder Lettisch. Da ist die Studentin, Anfang zwanzig, die Ep­stein Nacktfotos schickte, Sex mit ihm hatte. Er finanzierte ihr mehrere Studiengänge in Westeuropa. Heute ist sie Lehrerin, die Schule hatten die „Redditors“ schnell raus. Da ist die professionelle Musikerin aus einem anderen osteuropäischen Land, deren Ausbildung Epstein finanzierte und deren Schwestern ihm am Ende auch Nacktfotos schickten. Ob diese älter oder jünger waren, weiß man nicht – aber für die Netzdetektive steht fest, die Musikerin war Täterin und bleibt das auch viele Jahre später.

Jeffrey Epstein kann nicht mehr belangt werden. Eigentlich geht es nun darum, alle aus seinem Kreis zur Verantwortung zu ziehen, die Straftaten begangen oder gefördert haben. Stattdessen gefallen sich Tausende Menschen darin, online über Frauen zu urteilen, von denen viele Opfer waren, über Frauen, deren Verhalten entweder nicht strafbar war oder dessen Strafbarkeit je nach Land verjährt wäre.

So zahlen erneut die Schwächsten den Preis für Epsteins Taten. Aus dessen Nachlass wurden sogenannte Entschädigungszahlungen an mehrere Frauen geleistet. Doch für die Schlamperei bei den Schwärzungen sind die Behörden und die Macher von Seiten wie jmail verantwortlich. Bleibt zu hoffen, dass einige Frauen sie verklagen.

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