Bei den Paralympischen Winterspielen in Mailand und Cortina treten in diesen Tagen russische Paraathleten mit russischer Flagge an, und auch auf der 61. Kunstbiennale Venedig, die am 9. Mai unter dem Titel „In Minor Keys“ eröffnet, ist Russland dabei. Von den Paralympischen Sommerspielen 2022 und der 60. Kunstbiennale war es wegen des Angriffskriegs auf die Ukraine ausgeschlossen. Russische Athleten traten in Paris nur als neutrale Teilnehmer an. Diese Position erlebt gerade eine doppelte Kehrtwende. Dass sie auf italienischem Boden erfolgt, verweist zunächst aber weniger auf eine Wiederannäherung Italiens an Russlands als auf eine allgemeine Tendenz bei internationalen Veranstaltungen.
Italien gegen Beteiligung Russlands
Die Eröffnung der Paralympischen Spiele in Verona fand am Freitag in einer surrealen Atmosphäre statt. Während die USA Iran bombardierten und der einzige iranische Parasportler deshalb nicht dabei sein konnte, boykottierten sechzehn Länder, unter ihnen Deutschland, die Zeremonie wegen der Präsenz der russischen Flagge. Der Präsident des Paralympischen Komitees, Andrew Parsons, zeigte sich überrascht. Die Teilnahme Russlands sei schon vor Monaten mit der Mehrheit der Stimmen der Generalversammlung des Komitees beschlossen worden – Italien hatte sich damals strikt dagegen ausgesprochen.
Pietrangelo Buttafuoco, der Präsident der Biennale VenedigEPAAm Samstag löste dann ein Interview in der Zeitung „La Repubblica“mit Pietrangelo Buttafuoco, dem Präsidenten der Biennale von Venedig, eine heftige Kontroverse aus. Buttafuoco, der sich selbst als rechtsgerichtet bezeichnet, aber keiner politischen Partei angehört und der zum Islam konvertierte, legte darin seine Idee von einer Biennale dar, die für alle offen sei: „Alle Länder, die sich derzeit im Krieg befinden, werden hier in Venedig vertreten sein. Ich öffne mich allen, ich schließe niemanden aus. Russland, Iran und Israel werden dabei sein. Die Ukraine und Weißrussland werden dabei sein. Alle.“ Die Biennale solle ein „Raum des Waffenstillstands“, sein, auf dem „künstlerische Schönheit“ Feindseligkeiten außer Kraft setzte.
Im ständigen Austausch mit dem Kulturminister
Buttafuoco betonte, im Palazzo Chigi sei man informiert. Nur Stunden später dementierte Italiens Kulturministerium die Behauptung. Die Teilnahme Russlands sei von der Biennale „völlig unabhängig und trotz der gegenteiligen Haltung der italienischen Regierung“ beschlossen worden. „Wie Minister Giuli mehrfach betont hat, widmet Italien dem Schutz des ukrainischen Kulturerbes, das seit über vier Jahren von russischen Bombardierungen heimgesucht wird, große Aufmerksamkeit.“ Die Biennale ist zwar eine autonome Institution, ihr Präsident wurde aber vom Kulturministerium ernannt. Es ist schwer vorstellbar ist, dass es kein Mitspracherecht beansprucht, zumal Buttafuoco, wie er selbst betonte, sich mit Kulturminister Giuli „im ständigen Austausch befinde“
Die Rückkehr Russlands nach Venedig spaltet Italiens Öffentlichkeit. Der Philosoph und ehemalige Bürgermeister Venedigs, Massimo Cacciari sagte, es wäre ein Skandal, in die Autonomie der Biennale einzugreifen, und bekundete seine Solidarität mit Buttafuoco. Im „Corriere della Sera“ betonte Gianfranco Bettin, Soziologe und Stadtrat Venedigs: Die Idee von freien Orten, an denen sich Nationen im Namen der Kunst austauschen könnten, müsse gepflegt und aufgewertet werden. „Aber es gibt ein Problem: Oft sind es die Regierungen, die bei der Biennale die Auswahl treffen.“ Die Kuratorin des russischen Pavillons, Anastasiia Karneeva, war Inhaberin eines Unternehmens für Ausstellungsorganisation, das sie 2016 mit Ekaterina Vinokurova, Tochter des derzeitigen russischen Außenministers Sergej Lawrow, gründete.
Der ukrainische Außenminister Sybiha und die Kulturministerin Berezhna haben die Biennale aufgefordert, ihre Entscheidung zu überdenken und „an ihrer in den Jahren 2022 bis 2024 vertretenen Grundsatzposition festzuhalten“.
Was in Italien passiert, dürfte ganz im Interesse Russlands sein. Die Regierung Meloni unterstützt weiterhin die Maßnahmen der Europäischen Union zur Isolierung Russlands, wobei die Sanktionen bis Juni 2026 in Kraft bleiben. Allerdings gibt es Akteure in der Regierungskoalition, die als russlandfreundlich gelten. Matteo Salvini etwa hat nie einen Hehl aus seiner Sympathie für Putin gemacht. Auch innerhalb der Partei Forza Italia gibt es Tendenzen, die eine diplomatische Annäherung an Russland bevorzugen würden. In Italien ist immer wieder von der „Diplomatie der Schönheit“ die Rede. Womöglich kommt sie gerade auf verschiedenen Feldern zum Zuge.

vor 2 Stunden
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