Die Rache des Dirigenten kommt spät, ist aber süß. Als der letzte Ton verklungen ist, reckt er, noch mit dem Rücken zum Publikum, sein Handy in die Höhe und klappt genüsslich das Futteral zu. Die Konkurrenz-Gefechte zuvor mit dem Solisten des eben verklungenen Konzerts – einem Schlagzeuger – erscheinen plötzlich als Spiegelfechtereien, bei denen der eine, der Dirigent, offenbar gar nicht recht an Bord war. Dirigiert hat er trotzdem, ein rhythmisch und organisatorisch nicht unkomplexes Werk. Eine bemerkenswerte Leistung, wenn er sich während des Dirigierens noch mit seinem Handy beschäftigt haben sollte.
Mit seinem Schlagzeugkonzert „Master and Servant“, in Auftrag gegeben vom Magdeburger Impuls-Festival und vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB), hat Moritz Eggert ein musiktheatrales Werk für den Konzertsaal geschrieben, das – wie man das aus der Oper kennt – bei Fragen der Logik durchaus mit der Rücksichtnahme des Publikums rechnet. Solist und Dirigent treten als Gegner auf, die um die Befehlsgewalt auf dem Podium streiten.
Konstantyn Napalov, Moritz Eggert und Vladimir Jurowski (v .l. n. r.)Josina Herrmann„Wer gewinnt?“, fragt Eggert, der auch schon ein Fußballoratorium und ein „Fußballett“ geschrieben hat, und stellt damit eine im Konzertsaal eher ungewöhnliche Frage. Seit wann geht es auf dem Podium ums Gewinnen? Und wie sähe ein Sieg aus? In Eggerts Schlagzeugkonzert geht es darum, wer nach wessen Pfeife tanzt. Kaum tritt der Solist mit dem Dirigenten zu Beginn vors Orchester, schon verschwindet er wieder hinter der Bühne. Hat wohl was vergessen. Der Dirigent (bei der Berliner Erstaufführung nach der Magdeburger Uraufführung im vergangenen November ist das RSB-Chef Vladimir Jurowski) hat fußwippend zu warten und darf bei der Rückkehr des Solisten noch mitansehen, wie der das Orchester animiert, sich zu erheben. Das ist eine freche Übertretung der Zuständigkeiten; die Feindschaft ist gesetzt.
Die Musik, die Eggert für diese musikszenische Laborsituation schrieb, ist gesättigt vom Klischee: Der Schlagzeuger, das ist der coole Freigeist, das Orchester hingegen ein dröger Haufen, der auf die musikalischen Impulse des Solisten mit einem seltsam verschrobenen Choral antwortet. Ein Gesang miesepetriger Pietisten. Die Demontage des Symphonieorchesters hatte zuvor schon begonnen. Als einzige, klassische Instrumentengruppe fehlen die Oboen: Um des Gags willen, dass beim Einstimmen vor dem Stück nun das Englischhorn mit kläglichem Ton dem Konzertmeister das „A“ gibt? Das Orchester ist nach der Choralepisode des Beginns vor allem Nachäff-Maschine: Der Schlagzeuger (in Berlin ist das Konstantyn Napolov) spielt vor, das Orchester singt im Chor nach. Ganz allmählich kommt man sich näher, Solist und Ensemble verbinden sich episodisch zu einem rhythmisch dominierten Ganzen. Solche Harmonie bleibt gleichwohl fragil, an der Rollenverteilung ändert sich wenig: Hier der lässige Schlagzeuger, dort die dummen Orchester-Schafe.

Musikalisch hat das durchaus Witz, vor allem, wenn es um die Imitation von Schlagzeug-Geräuschen durchs Orchester geht, auch Tempo ist da und am Slapstick wird nicht gespart, wenn der Solist quer übers Podium hetzen muss, um vom Glockenspiel links des Dirigenten zum Xylophon rechts von ihm zu gelangen.
Blickt man über den Gag hinaus, fällt die schwache Entwicklung im Stück auf: Die Konkurrenzlage zwischen Dirigent und Solist bleibt bis zum Ende ungeklärt, zu einem Lösungsvorschlag kommt es nicht. Was wiederum den gedanklichen Hintergrund des Stückes angeht, erstaunt das Bild, das Eggert, Präsident des Deutschen Komponistenverbandes, von Orchestern hat. Als eine Gruppe von „Meistern und Dienern“ – daher der Titel des Konzerts – zeichnet Eggert die Welt der Symphonik, mit Dirigenten als „Meistern“ und Musikern in der „beamtenähnlichen Struktur zeitgenössischer Orchester“ als befehlsempfangenden „Dienern“.
Das mag für die Vergangenheit vielfach stimmen, aber trifft es noch das Bild der Gegenwart mit immer selbstbewussteren, künstlerisch freier werdenden Orchestermusikern? Eggert jedenfalls springt hier auf den populären MeToo-Zug auf, vermag sein Anliegen aber nur zu verdeutlichen, indem er eine Karikatur zeichnet, die wenig Bezüge zur Realität aufweist. Ein Orchester, das eine halbe Stunde lang in choralem Einheitston spielt, jegliche Individualität unterdrückt und vor allem als nachplappernder Papagei auftritt: Das hat schon etwas Böswilliges. Alles nur Spaß? Ein Spaß auf Kosten der eigenen Arbeitsgrundlage. Ohne die Orchester, die Eggert hier als eine Versammlung Grenzdebiler vorführt und die seine Stücke bislang aufführten, wäre der Komponist ziemlich aufgeschmissen.
Jurowski spielt als Musiker und Darsteller lustvoll mit bei „Master and Servant“, um anschließend, bei der dritten Symphonie von Johannes Brahms, Eggerts Vorstellungen von einem Orchester im Handumdrehen zu pulverisieren. Vorbei die Unterteilung in Sieger und Besiegte, in Herren und Diener, die glutreich musizierte Wiedergabe wird zu einem Statement von Vielfalt, Einheit und Freiheit.

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