An einer Stelle von Ryan Murphys Serie „Love Story: John F. Kennedy Jr. und Carolyn Bessette“ klagt die pressescheue Carolyn (Sarah Pidgeon) über die Paparazzi, deren gnadenlosen Nachstellungen sie in eine selbstzerstörerische Isolation treiben: „Immerhin haben sie mich zu Beginn mit Namen angesprochen, nicht mit ,bitch‘.“
Die Serie zeigt in neun Folgen, wie es dem umschwärmten Prinzen der Klatschblätter und seiner großen Liebe unmöglich war, ihre „Love Story“ im Blitzlichtgewitter der Regenbogenpresse zu leben. Carolyns Schwester Lauren (Sydney Lemmon) sagt ihr, sie dürfe sich keine Illusionen machen: Die Geschichte vom glücklichen Paar verkaufe sich nun mal nicht, und da John (Paul Anthony Kelly) bereits der Part des strahlenden Helden zugedacht sei, bleibe Carolyn bloß die Rolle der Antagonistin.
Die Schauspielerin als Nervensäge
Murphy und die Serienschöpfer Connor Hines, Brad Simpson und Nina Jacobson stellen Carolyn in der Geschichte indes ebenfalls eine Antagonistin gegenüber: Die Schauspielerin Daryl Hannah, gespielt von Dree Hemingway, die, als John und Carolyn sich kennenlernten, seit Jahren eine unstete Beziehung mit ihm geführt hatte. Hannahs Anwesenheit versetzt in der Serie der knospenden Liebe einen schweren Schlag; im Verlauf wird die Schauspielerin als nervtötende Person ohne jenes Taktgefühl gezeichnet, die nicht begreifen will, dass John sie nicht länger liebt und sich ihm tollpatschig aufdrängt. Er kommt in diesen Szenen als unentschlossener Zauderer, der es jedem Recht machen will ebenfalls schlecht weg. Sie spricht mit einer leiernden Stimme, die ins Weinerliche kippt, als sie an einer Stelle zu ihm sagt: „Ich möchte, dass du mich ebenso brauchst wie ich dich.“ Es ist unschwer zu erkennen, dass die Macher des Stücks mit der fast karikaturesken Figur Hannahs einen möglichst deutlichen Kontrast zu der Eleganz und sozialen Gewandtheit von Carolyn Bessette zeichnen wollen.
Aber damit ist es nicht genug. Die Serie zeigt, wie Hannah mit Freunden Kokain von einem Silbertablett schnupft, das ihr John entrüstet als „Familienerbstück“ wegnimmt. Es wird angedeutet, dass sie ein Hochzeitskleid kauft und dies der Presse steckt, um ihn unter Druck zu setzen. Man sieht sie uneingeladen auf der Trauerfeier für Jacqueline Kennedy Onassis auftauchen, und in einem Monolog über die „Merkwürdigkeiten der Trauer“ den Tod von Johns Mutter mit dem ihres Hundes Hank vergleichen. Als Zuschauer verdreht man die Augen. Die echte Daryl Hannah indes sah all dies mit Entsetzen.
„Wie konnte ,Love Story' damit durchkommen?“
„Wie konnte ‚Love Story‘ damit durchkommen?“, fragt sie jetzt in einem Aufsatz in der „New York Times“, in dem sie ihre Entrüstung ausdrückt. Die Figur und ihr Verhalten entsprächen ihr „nicht einmal annähernd“. Weder habe sie je Kokain zu sich genommen, noch ein Familienerbstück entweiht. Ebenso wenig sei sie je in eine private Trauerfeier eingedrungen. „Und ich habe niemals den Tod von Jacqueline Onassis mit dem eines Hundes verglichen. Es ist scheußlich, dass ich mich überhaupt gegen eine Fernsehshow verteidigen muss.“
Die Folgen dieser Darstellung seien drastisch, schreibt Daryl Hannah. Seit der Ausstrahlung habe sie „zahlreiche feindselige und sogar bedrohliche Nachrichten von Zuschauern erhalten, die offenbar meinen, dass dies ein faktentreues Porträt ist.“ Im digitalen Zeitalter, so Hannah, sei das keine Kleinigkeit, weil „Unterhaltung oft zur kollektiven Erinnerung wird“. Dass sich hier die Klage der Figur Bessettes aus der Serie, im Dienste einer packenderen Geschichte als „Miststück“ bezeichnet zu werden, in die Realität fortsetzt, ist eine Ironie, die die Macher der Serie eigentlich hätten antizipieren können.
Sarah Pidgeon als Carolyn Bessette Kennedy und Paul Kelly als John F. Kennedy Jr. in „Love Story“APSie haben sich zu Hannahs Vorwürfen bisher nicht geäußert. Nina Jacobson hatte vorab in einem Interview zur Serie auf die Frage, ob man mit Daryl Hannah gesprochen habe, gesagt, dass Murphys Produktionen (die sich oft mit der Nacherzählung tatsächlicher Ereignisse befassen) gewöhnlich darauf verzichten, um die Figuren „von innen heraus aufzubauen“, anstatt sich den Vorbildern „verpflichtet fühlen“ zu müssen. Jacobson bekannte auch, dass Daryl Hannah „im Hinblick darauf, wie sehr wir John und Carolyn die Daumen drücken, eine Kontrahentin im Sinne der erzählerischen Ziele“ sei. Dass man dies nichtsdestotrotz mit Empathie und Respekt angegangen sei, wie Jacobson sagte, stellt Hannah entschieden in Abrede. Als Schauspielerin sei ihr klar, dass Geschichten Spannung und Hindernisse brauchen, schreibt sie, „aber eine echte, lebende Person ist doch kein erzählerisches Instrument.“ Noch dazu sei die Gegenüberstellung von Rivalinnen, deren eine man erniedrigt, um die andere aufzubauen, „ein Bilderbuchbeispiel der Frauenfeindlichkeit“, schreibt Hannah.
Jackie Onassis habe ihr einst den Rat gegeben, dass die Regenbogenpresse zwar oft lächerliche Lügen verbreite, das damit bedruckte Papier aber schon am nächsten Tag nur noch als Auskleidung für Vogelkäfige diene. „Damals hat mich das sehr getröstet“, schreibt Hannah, „aber im digitalen Zeitalter leben Lügen ewig weiter.“

vor 2 Stunden
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