Während unsere Gegenwart täglich Monströses zutage fördert, feiern im Kino die Monster aus den Schauerklassikern ihr Comeback – Gothic-Romantik weit und breit. Radu Jude und Luc Besson haben Dracula aus der Gruft geholt, Robert Eggers „Nosferatu“. Zuletzt erweckte Guillermo del Toro Mary Shelleys zusammengezimmertes Monster in „Frankenstein“ als klassizistisches, bildgewaltig-blutiges Jahrmarktsspektakel zum Leben.
Das kinematographische Feld der Untoten pflügt nun Maggie Gyllenhaal mit ihrem zweiten Film „The Bride! Es lebe die Braut“ nach eigenem Drehbuch noch einmal gehörig um. Nachdem die Schauspielerin in ihrem gefeierten Regiedebüt „Frau im Dunkeln“ im subtilen Thriller-Modus das Psychogramm einer Mutter entwarf, die ihren Kindern nicht gerecht werden kann oder will, verarbeitet sie nun Themen und Figuren aus Shelleys Roman sowie aus „Frankensteins Braut“, James Whales Klassiker aus dem Jahr 1935, zu einem, wie soll man sagen: ungeheuerlich polternden, selbstreflexiven, feministisch grundierten Trip irgendwo zwischen Monsterdramedy, „Bonnie und Clyde“, Neo-Noir und „Joker“, Musicaleinlage inklusive.
Eine Lovestory zum Fürchten?
Zu Beginn steht eins jener introspektiven Gespräche zwischen der Braut und Mary Shelley (beides Jessie Buckley), die den Film als seine Metaebene begleiten. Wenn dies eine Gespenster- oder Horrorgeschichte sei, sei das zum Fürchten, sagt Shelley. Aber eine Lovestory?
Die eigentliche Geschichte setzt mit einer Szene ein, mit der sich Buckley sofort auf die Leinwand brennt: Ida, wie die Braut vor ihrer Monsterwerdung heißt, kotzt im Etablissement von Mafiaboss Mr. Lupino (Zlatko Burić) einem übergriffigen Typen die Auster auf sein teures Hemd und dreht frei, bevor sie aus dem Raum entfernt wird. Wenige Sekunden später landet sie mausetot, mit verdrehtem Hals und fies gebrochenem Bein, auf dem Absatz einer Treppe, von der sie gestoßen wurde.

An anderer Stelle, der Film spielt in den Dreißigerjahren, kommt Frankenstein „Frank“ (Christian Bale), wie sich das „Monster“ nach seinem Schöpfer nennt, in Chicago an. Frank ist schwer melancholisch und leidet nach über hundert Jahren auf der Erde unter Einsamkeit. „Ich suche Verkehr“, erklärt der gebildete, von Narben Übersäte der zunächst verdattert dreinblickenden Wissenschaftlerin Dr. Euphronius (Annette Bening). Er hat alle ihre schriftlichen Abhandlungen gelesen und fragt: „Sind Sie kein ‚mad scientist‘“?
Es geht mit Schaufeln auf den Friedhof, und nach dem obligatorischen Transfusions- und Blitzspektakel in Euphronius‘ Labor erwacht Ida zu neuem Leben. Sie kann sich an nichts erinnern, spuckt und hustet erst mal schwarze Chemikalien aus und gibt verrückte Wortkaskaden von sich. Aber alles in allem scheint es für Frank Liebe auf den ersten Blick. Diese Braut, der Frank vorlügt, sie wären zuvor schon ein Paar gewesen, und die er Penelope tauft, ist herrlich punkig und lebenshungrig. Buckley ist mit ihrer völlig einnehmenden Körper- und Gesichtsakrobatik, den elektrisiert nach oben stehenden Locken, schwarzer Zunge und Flecken im Mundwinkel das Ereignis des Films. Gemeinsam mit Bale gibt sie eins der verrücktesten und auf seine verschrobene Art auch süßesten Paare, die man seit Längerem im Kino gesehen hat.
Gefeiert wird die gemeinsame Freiheit in einem Club zu den Sounds der Band „Fever Ray“; kurz darauf kommt es zu einem Zwischenfall, und ein sich formierender Mob zwingt die beiden auf einen Roadtrip durch die Staaten. An ihren Fersen kleben die Mafia und der Ermittler Jake Wiles (Peter Sarsgaard) und seine Sekretärin Myrna Malloy (Penélope Cruz) – eine Maskerade, denn sie hat die Hosen bei den Ermittlungen an.
Im Gegensatz zu den historischen Vorgängern rückt Gyllenhaal die von Mary Shelley regelrecht besessene Braut ins Zentrum und lässt die Untote aufräumen. Als die Flüchtigen mal wieder im Kino sitzen – Frank ist Fanboy des Fred-Astaire-Wiedergängers Ronnie Reed (Jake Gyllenhaal) –, knallt sie einem Fummler eine, der trotz der Neins seiner Begleitung nicht lockerlässt. Einem Polizisten, der während einer Verkehrskontrolle Gedichte rezitiert und sie übelst bedrängt, reißt sie die Zunge mit den Zähnen raus. Mit ihren Aktionen motiviert die Braut einen radikalen Fanklub, der gegen das Patriarchat wettert: „Fickt euch! Hirnschlag!“ Gyllenhaal inszeniert ihren Film als anarchische, genresprengende Odyssee von Chicago über New York bis zu den Niagarafällen. Sie lässt Kiefer auf Bordstein treffen wie in der abstoßend-berühmten Szene aus „American History X“ oder ihre Helden mit den Gästen einer Soiree eine schräg zuckende Musicalchoreographie hinlegen und montiert in einem Autokino während eines rührenden Bekenntnisses Film und Wirklichkeit zusammen. „The Bride!“ sprudelt vor popkulturellen Zitaten und liebevoll in Szene gesetztem Zeitkolorit.
Das eigentliche Monster ist eine von dämlichen, grenzüberschreitenden Männern regierte Welt. Der liebe Frank ist noch einer der besseren unter ihnen, aber selbst er hat die Braut für seine Bedürfnisse reanimieren lassen und angelogen. So erzählt Gyllenhaals Film am Ende auch davon, wie aus der Heldin nicht Frankensteins Braut wurde, sondern lebendiger Eigensinn: die Braut!

vor 3 Stunden
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