Für den journalistischen Höhepunkt bei der Leichtathletik-Europameisterschaft am Donnerstagabend in Birmingham konnte das ZDF-Team nichts: Lea Meyer schimpfte sich, durchnässt und enttäuscht über ihren Sturz am vorletzten Wassergraben beim 3000-Meter-Hindernislauf im Finale, um Kopf und Kragen. Wahrheitsgemäß beschuldigte sie ihre Teamkollegin Gesa Krause, einmal mehr in ihrem Windschatten gelaufen zu sein und dann in der letzten Runde ihre Endspurtqualitäten siegreich zum Einsatz gebracht zu haben.
Die Interview-Zone will Lea Meyer künftig nach dem Rennen meiden
Sie selbst sei unglücklich gestürzt und fraglos eine der zwei besten Hindernisläuferinnen in Europa und bis 2028 Olympia in Los Angeles werde sie auch noch den deutschen Rekord an sich bringen. Ungefiltert, ungebremst tat sich da ein Abgrund auf im deutschen Frauenteam, den auch ein am Freitagmorgen auf Instagram abgesetzter Entschuldigungspost von Lea Meyer nicht vergessen machen konnte. Er gipfelte Richtung Journalisten in der Einlassung: „Für die Zukunft weiß ich, dass ich als sehr emotionaler Mensch die Interview-Zone nach einem solchen Rennen meiden werde.“
Könnte gut sein, dass sich weitere deutsche Leichtathletikstars, die noch bis Sonntag auf die Reporter von ARD und ZDF im spärlich gefüllten Stadion von Birmingham treffen werden, sich ein Beispiel an der fünfundzwanzigjährigen Läuferin nehmen. Denn deren Leistungen lassen sehr zu wünschen übrig. Da gibt es Schlampereien, Verwechslungen, verbale Rempeleien, fehlende Empathie – kurz: Unprofessionalität.
Yemisi Mabry jubelt über ihren dritten Platz beim Kugelstoßen.dpaDie Kugelstoßerin Yemisi Mabry wähnte sich im falschen Film, als Claus Lufen in der ARD ihr nach dem Erreichen des Finales eine von seinem Kollegen, dem Ex-Olympia-Zehnkampf-Helden Frank Busemann recherchierte Statistik präsentierte, der zufolge sie gegen ihre niederländische Konkurrentin in neun von zehn Wettkämpfen den Kürzeren gezogen habe. „Deutscher Sportjournalismus at it’s finest. Finale erreicht, und statt Rückenwind gibt’s erst mal eine Aufzählung deiner Niederlagen“, kommentierte Mabry nur.
Die beiden Buddys feiern sich am liebsten selbst
Hier könnte man noch zugutehalten, dass sich das ARD-Duo vorbereitet hatte und nicht als Claqueure eingekauft wurde. Aber eigentlich feiern die beiden Buddys sich am liebsten selbst. Eine Art Statler und Waldorf an der Tartanbahn – wenn nur die Pointen säßen. Bei Busemann erfährt man immerhin noch, dass er beim Zehnkampf einst pausenlos mit dem Taschenrechner Punkte ausrechnete und schlaflos in den zweiten Wettkampftag zog. Der Diplom-Sportlehrer Claus Lufen formuliert dagegen seine Fragen am liebsten geschlossen. Reicht ja, wenn der Athlet das Weltbild des Reporters teilt. Zehnkämpfer Niklas Kaul musste sich sogar vom Lehrer Lufer sagen lassen, als er mit Busemann nach dem ersten Wettkampftag über die gerade gewonnene Rekord-Punktzahl fachsimpeln wollte: „Das könnt ihr doch gleich ausdiskutieren. Wir müssen doch. Kinder! Geht doch gleich hier weiter.“
Weiter ging es dann aber vor allem mit Unterstellungen Richtung Medaille und Konkurrenz zum führenden Leo Neugebauer, die der spätere EM-Zweite Kaul erst einmal abwehren musste. Dass der dritte deutsche Zehnkämpfer, Amadeus Gräber, nur einen Satz sagen durfte, um die Lufen-Show nicht zu stören, wunderte dann niemanden.
Lea Meyer stürzt im Finale des 3000-Meter-Hindernislaufs.dpaWohl aber, dass das ZDF ein Moderatorinnen-Duo wie die Kinderkanal-Moderatorin Maral Bazargani und Lisa Mayer im Stadion dilettieren lässt. Damit ist ausdrücklich nicht gemeint, dass die ehemalige 400-Meter-Läuferin Bazargani den unter Dopingverdacht stehenden Sprinter Owen Ansah nach dessen 200-Meter-Finaleinzug auf die im Raum stehenden Vorwürfe ansprach, woraufhin der das Interview abbrach. Traurig macht die offensichtliche Ahnungslosigkeit, gepaart mit Desinteresse am sportlichen Geschehen. Ob die Stabhochspringerin den ersten oder zweiten Versuch absolviert – egal. Dass der Sensations-Achte von Birmingham, Amadeus Gräber, wieder nur einen Satz sagen darf, wirkt da wie Slapstick. Immer wieder werden die erfolgreichen Sportlerinnen und Sportler zu Statisten degradiert, Füllmaterial im Hintergrund. Bestellt und nicht abgeholt.
Fremdschämen ist angesagt, wenn die Außenreporterin auf der Tribüne den seiner Familie zugewandten Vater von Leo Neugebauer verzweifelt am T-Shirt zieht und ruft: „Wir sind doch auf Sendung!“, um von ihm zu erfahren, man mache jetzt den nächsten Biergarten unsicher. Besonders peinlich im Schlussbild des ZDF am Donnerstagabend: Diskus-Bronze-Gewinner Merlin Hummel hat sich zu Mayer und Bazargani durchgekämpft, wird aber nach kurzem Gespräch abgewürgt und stehen gelassen. Ratlos versucht er sich im Hintergrund bemerkbar zu machen, während Mayer ihre nichtssagende Abmoderation aufsagt. Und um das Finale der Frauen im Stabhochsprung wurden die Zuschauer vom ZDF auch gebracht.

vor 12 Stunden
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