Gegenwartsroman „Im Paradies“: Kapitalismus ist Mist, aber Armut ist auch Mist

vor 2 Tage 1

Wenn ein Junge bereits auf den ersten Seiten derart von der Affäre seiner Mutter genervt ist, dass er sich selbst im Klo aus der Wohnung spült, dann heißt es vielleicht erst einmal: frohlocken. Offenbar greift Dorota Masłowska in ihrem neuen Text „Im Paradies“ beherzt zu Mitteln, die in letzter Zeit vielleicht nicht gerade hoch im Kurs standen. Zu Phantasie und surrealistischem Erzählen.

Von diesem absurden, aber gut nachvollziehbaren Einstieg geht es weiter zu verschiedenen Figuren. Nun braucht es schon eine ordentliche Portion Geduld, um den unvermittelten Sprüngen der Autorin zu folgen und aus den verschiedenen Puzzlestücken ein Gesamtbild zusammenzulegen. Das wäre kein Grund zu meckern, wenn dieses originell wäre. Doch selbst auf der kurzen Strecke geht Masłowska ziemlich rasch die Puste aus.

Dazu ein genauerer Blick: Aus unterschiedlichen Perspektiven wird ein postkommunistisches Warschau geschildert, als Extra gibt es einen Abstecher in den Westen. Polen – das sind Verarmung und Selfies, Koks und Alkohol. Es ist gelangweilter Pessimismus angesichts all der Ein-Euro-Läden ringsum – „Nichts wird hier irgendwie werden, nie“ – und aufgeblasenes Gequatsche nach einer Kündigung: „Drauf geschissen, so eine toxische Atmosphäre am Arbeitsplatz und so einen Mangel an Work-Life-Balance habe ich noch nie erlebt, ebenso wenig wie eine derartige Pauperisierung der Belegschaft.“

Figuren und Gegebenheiten wirken seltsam vertraut

Der Westen wird im Abschnitt „Im Paradies“ abgehandelt, aus der Perspektive einer Stipendiatin, einer „Tschechin oder Kroatin“, die sich „endlich an ordentlichem, teurem westlichen Bioessen satt zu futtern“ wünscht, aber feststellen muss, dass ein Kebab „so viel wie vier Seiten ihres Essays über Figuren und Phantasien des Elternmordes in der Prosa der Post-Transformationszeit“ kostet. Diese Stipendiatin ertrinkt in einem See und hat dann im Schlusskapitel „Inseln II“ einen weiteren Auftritt, wobei es sich bei den Eilanden um jene Welt handelt, in der sich alle Toten wiedertreffen.

 „Im Paradies“Dorota Masłowska: „Im Paradies“Verlag

Figuren und Gegebenheiten wirken insgesamt seltsam vertraut und überraschen kaum. Selbst die wechselnden Perspektiven eröffnen keine neuen Sichtweisen, reiben sich nicht aneinander, sondern ergänzen sich nur so weit, dass sich ein Gesamtbild ergibt.

Das hat seinen Grund auch in der Sprache. Die überrascht durchaus mit ihren Bildern. „Mama geht mit klapperndem Besteck ab, ihre Brauen wollen weg aus dem Gesicht, irgendwohin, wo die Leute weniger bescheuert sind“, sagt der Junge. Körperteile sind ohnehin oft Ausgangspunkt für Masłowskas Erzählen, und bei ihrer teils derben Figurenrede ist ihr Mut nicht abzusprechen. „Millionen Selfies, die ihr ganzes Lächeln aufbrauchen“, urteilt der Freund der Mutter über einige Frauen, „sodass ihnen nur blanke, grabsteintriste Visagen bleiben, wenn sie ihre Euter auf der Bar deponieren, weil sie sich die ganze Zeit gegen einen unsichtbaren Wind stemmen müssen.“

Zu zerfasert, zu langweilig oder zu unverständlich

Am Ende hängen diese Vergleiche allerdings ähnlich in der Luft wie „das Höllengeheul in der Notaufnahme, das Klirren der Ketten, mit denen die Verdammten an Betten aus nacktem Felsgestein gekettet sind, um alsbald operiert zu werden“. Die Bilder drängen sich so dicht, dass sie den Blick auf das Gesagte verstellen, und es bleibt der Eindruck, Masłowska habe über dem Feilen an diesen Ausdrücken die Figurenkonstellation oder den Plot weitgehend aus den Augen verloren.

Bei einem schmalen Band von nur 160 Seiten lässt die Bezeichnung „Roman“ ohnehin stutzen. Tatsächlich können die zehn Abschnitte eher als eigene Geschichten denn als Kapitel verstanden werden. Die Formfrage wäre jedoch zweitrangig, wenn diese Einzelteile aus sich heraus überzeugen würden. Dazu sind sie jedoch zu zerfasert, zu langweilig oder zu unverständlich. In ihrer Gesamtheit fügen sie sich dank einzelner Motive – der Kücheninsel, fernen und paradiesischen Inseln – und wiederkehrender Figuren zwar zu einem Bogen, sodass sich der Junge per Klospülung tatsächlich auf jene paradiesische Insel befördert, auf der er die ertrunkene Stipendiatin wiedertrifft, mehr aber auch nicht. Inhaltlich ließe sich das alles auf die Aussage verknappen: Kapitalismus ist Mist, Armut ist auch Mist.

Immerhin steht die Sprache selbst auf einem anderen Blatt. Sie ist in ihren Bildern originell und hervorragend von Olaf Kühl übersetzt. Ob sie den unterschiedlichen Stimmen gerecht wird und gefällt, bleibt Frage des individuellen Geschmacks. Man muss jedoch nicht erst die Früchte vom Baum der Erkenntnis naschen, um zu wissen: Ein literarischer Text kann nicht bloß auf eine Komponente setzen, nicht bloß auf Phantasie, Sprache, Aufbau oder Inhalt.

Dorota Masłowska: „Im Paradies“. Roman. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2026. 160 S., geb., 24,– €.

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