Starchitekt Le Corbusier: Er diente dem Kapitalismus wie dem Autoritarismus

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Legion sind die Bücher, die über Le Corbusier veröffentlicht wurden. Geistesgrößen wie Charles Jencks, Jean-Louis Cohen und Stanislaus von Moos beschäftigten sich mit dem „größten lebenden Architekten der Welt“, so des Meisters ironiefreie Selbsteinschätzung. Man dachte, selbst die unwesentlichsten Details des vielschichtigen Œuvres seien mehr als sechzig Jahre nach seinem Tod an der französischen Riviera hinlänglich bekannt.

Nun aber veröffentlicht der Architekturhistoriker Winfried Nerdinger, Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums und ehemals Leiter des Architekturmuseums in München, eine schmale Monographie über „Le Corbusier – Architekt, Künstler, Visionär“, die den Vorzug besitzt, neben den vielen Hagiographien eine nicht nur würdigende, sondern auch kritische Herangehensweise an das selbst ernannte Architektengenie zu wagen. Um es vornweg zu sagen: Dieses Büchlein war längst überfällig.

Dass Wasser ins Haus eindrang, kümmerte ihn wenig

Selbstverständlich stellt auch Nerdinger die künstlerische Begabung des gebürtigen Schweizers heraus, der früh sein Doppeltalent als Architekt und Maler erkannte und daraus die Schlussfolgerung zog, beide Talente gleichzeitig zu fördern. Man denke an die berühmten Bilder des Spätwerks, an die Kapelle Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp, eine Architekturikone und ein Meisterwerk künstlerischer Formgebung, oder die Villa Savoye, das tausendfach reproduzierte Wohnhaus auf Stelzen. Aber Nerdinger geht es nicht nur um neue Konstruktionsprinzipien, mit denen Le Corbusier unter Kollegen für Furore sorgte. Die sind hinlänglich bekannt.

 Villa Savoye im Pariser Vorort PoissyHier dring von allen Seiten das Wasser ein: Villa Savoye im Pariser Vorort Poissypicture alliance / dpa

Süffisant zitiert Nerdinger die Bauherrin Madame Savoye, die den Meister zehn Jahre nach Fertigstellung fragte, wann er das Haus endlich bewohnbar mache. Über ein anderes Wohnhaus bei Toulon notiert Nerdinger lakonisch: „In das Haus drang von allen Seiten Wasser ein. Auch das kümmerte Le Corbusier wenig.“ Die endlose Liste von Bauschäden hielt Le Corbusier keineswegs von seiner maßlosen Eitelkeit ab. In der Monographie liest man immer wieder, wie problematisch seine fortwährende Suche nach geeigneten Förderern war, die seine fragwürdigen städtebaulichen Projekte unterstützen sollten. Über Jahre hinweg zeigt sich, wie oft sich Le Corbusier in den Fallstricken der Mächtigen verfing.

Stalin und Mussolini waren interessiert

Der 1887 geborene Charles-Édouard Jeanneret, der sich später den Künstlername Le Corbusier zulegte, wuchs in ein Künstlermilieu hinein, das keinen Zweifel darüber aufkommen ließ, dass man die Gesellschaft von einer sehr hohen Warte aus zu betrachten habe. Nicht zufällig verstand sich die mit Amédée Ozenfant herausgegebene Zeitschrift „L’Esprit Nouveau“ als „Magazin der Eliten“. In einer Zeit anschwellender kommunistischer und faschistischer Massenbewegungen, denen sich viele Künstler und Architekten anschlossen, wählte Le Corbusier eine aristokratische Position, die sich dennoch auch an die Führer autoritärer Staaten unterschiedlicher Couleur richtete. Wiederholt waren es die französischen und italienischen Faschisten, bei denen er antichambrierte.

 „Le Corbusier“Winfried Nerdinger: „Le Corbusier“C.H. Beck

Bei dem Wahlfranzosen äußerte sich nach dem Ersten Weltkrieg ein Hass auf die angeblich allzu merkantilen Deutschen, gepaart mit der Überzeugung, die wahre Heimat der Kunst sei nun einmal Paris. Derartige Vorbehalte spielten offenbar keine Rolle, als sich 1928 junge Architektur-Avantgardisten aus acht Ländern in La Sarraz bei Lausanne trafen, um ihren Bestrebungen als „Congrès Internationaux d’Architecture Moderne“ (CIAM) ein offizielles Statut zu geben.

Der Schweizer Landsmann Hannes Meyer, der kurz zuvor zum Bauhaus-Direktor ernannt worden war, opponierte gegen die urbanistischen Ordnungsvorstellungen Le Corbusiers und beharrte darauf, die drängende soziale Wohnungsfrage zu lösen. Doch Le Corbusier, der generalstabsmäßig das Programm durchzog, bestand auf einem antihistorischen und funktionalen Städtebau, den er werbewirksam sogar Stalin und Mussolini schmackhaft machte. Die waren durchaus an seinen Entwürfen interessiert.

Er wollte das Marais abreißen

Viele Kollegen erinnerten sich in La Sarraz auch an Le Corbusiers „Plan Voisin“, mit dem der „städtebauliche Chirurg“ den Großstadtmoloch Paris von jeglicher Krankheit zu erlösen dachte. Als Heilmittel pries Le Corbusier die Zerstörung historischer Viertel wie Marais, um an deren Stelle Dutzende Wohn- und Geschäftshochhäuser mit viel Abstandsgrün zu setzen. Und später träumte er in Moskau von der „großen neuen Stadt“, die die Sowjetunion repräsentieren solle. Das war allerdings nicht im Sinne von Architekten wie Moissei Ginzburg, die die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft durch Kommunehäuser anstrebten. Tatsächlich fuhr der Franzose auf einem anderen Dampfer, nicht mit Kurs auf die sozialistische Stadt, sondern – wie Nerdinger betont – auf eine mit kapitalistischen Mitteln geheilte Stadt.

 Le Corbusier im Jahr 1952 mit dem Modell der Unité d'Habitation - der strahlenden Stadt - in Marseille. Die futuristische Wohnmaschine für mehr als 1500 Personen ist wohl sein bekanntestes sowie meist diskutiertes Projekt.Propagiert keine genossenschaftliche Gesellschaft: Le Corbusier im Jahr 1952 mit dem Modell der Unité d'Habitation - der strahlenden Stadt - in Marseille. Die futuristische Wohnmaschine für mehr als 1500 Personen ist wohl sein bekanntestes sowie meist diskutiertes Projekt.Picture Alliance

Später setzte sich Le Corbusier zunehmend unter den Kollegen durch, schwor die Mitstreiter auf die von ihm propagierte „funktionelle Stadt“ ein und erhob die eigenhändig redigierte „Charta von Athen“, die eine strikte Funktionsteilung zwischen Arbeiten, Wohnen, Freizeit und Verkehr vorsah, zur maßgeblichen Städtebaudoktrin. Walter Gropius kritisierte aus dem Londoner Exil den selbst ernannten Chef, da er „über ökonomische Fragen mit Bausch und Bogen hinweggeht.“

Eine ähnliche Rüge kam vom österreichischen Nationalökonomen Otto Neurath, der die Ausklammerung sozialer und historischer Umstände bemängelte. Dennoch wurde die Charta von Athen nach dem Zweiten Weltkrieg zum Erfolgsmodell. Viele junge Architekten in den Planungsämtern waren begeistert von der modernen autogerechten Stadt und implantierten die CIAM-Modelle unterschiedslos in Amsterdam, Brüssel, Barcelona oder Warschau. Und doch sollten Zweifler wie Otto Neurath à la longue recht behalten.

Das Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie

Die Zusammenarbeit mit den demokratisch legitimierten Führern kommt in Nerdingers Buch etwas zu kurz. Erwähnenswert wäre gewesen, wie es Le Corbusier gelang, junge Architekten und Mitarbeiter wie Josep Lluís Sert und Josep Torres Clavé aus Barcelona zu begeistern, deren funktionalistisches Erweiterungsprojekt „Barcelona Futura“ dem katalanischen Regionalpräsidenten Francesc Macià vorgestellt wurde, bevor Franco und der Bürgerkrieg die ehrgeizigen Pläne endgültig zunichtemachten.

Noch 1936 hatten Sert und Torres Clavé an den industriellen Rändern Barcelonas die Casa Bloc mit 207 Wohneinheiten und gemeinschaftlichen Einrichtungen als spanische „Unité d’habitation“ errichtet, lange bevor Le Corbusier in Marseille im Beisein Picassos endlich seinen lang gehegten Wunsch nach einer „Wohnmaschine“, einer eigenen „Unité d‘habitation“, der Öffentlichkeit zugänglich machen konnte.

Le Corbusiers „Unité“, die Nerdinger zu Recht als „Meilenstein in der Geschichte der modernen Architektur“ bezeichnet, verfügt zwar über eine Dachterrasse mit Sportangeboten, Läden und Restaurants, ein Theater und Kinderbetreuung, aber sie propagiert keineswegs eine genossenschaftlich organisierte Gesellschaft, die noch den katalanischen Architekten vorschwebte. Le Corbusier sah in der „Unité“ vielmehr das bürgerlich-familiäre Wohnideal verkörpert. Das passte bestens in die konservative Ära Charles de Gaulles. Kein anderer als Kulturminister André Malraux fand schließlich die passenden Worte für Le Corbusiers Wohnprojekt, das er als eine „Maschine zum Glücklichsein“ pries.

Winfried Nerdinger: „Le Corbusier“. Architekt, Künstler, Visionär. C.H. Beck Verlag, München 2026. 128 S., Abb., br., 16,– €.

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