Der Schriftsteller Samuel Clemens – Künstlername: Mark Twain – ist so populär, dass man manchmal vergisst, wie hart er als Entertainer und Witzemacher um sein Publikum gekämpft hat und welche Kompromisse er einging, um von allen gelesen und von allen verstanden zu werden. Twains Bücher lagen im neunzehnten Jahrhundert nicht in den Buchhandlungen, sondern wurden im Subskriptionsverfahren von Drückern vertrieben. Für „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ (1885) gründete Twain sogar seinen eigenen Subskriptionsverlag.
Das Titelbild der Erstausgabe von Mark Twains „Adventures of Huckleberry Finn“ von 1884Magica/Wikipedia CommonsDer Roman selbst vereint so viele disparate Züge, dass sich schon die zeitgenössischen Leser ihren eigenen Huck Finn zusammenbasteln konnten. Jugendbuch oder Erwachsenenbuch? Sicherlich beides. Es gibt viel Gewalt darin, von rassistischer Erniedrigung bis zu handfester Kriminalität, doch derselbe Roman enthält eine der schönsten Schilderungen über Fluss, Nacht und Sterne, die je geschrieben wurden – seit Andreas Nohls Neuübersetzung auch im Deutschen im strahlenden Gewand. „Huckleberry Finn“ ist wüst und idyllisch, vulgär und gewählt, verplaudert und philosophisch, und durch die menschliche Tragödie schallt immer wieder ein junges, vom Glück der Albernheit beseeltes Mark-Twain-Lachen. Nebenbei schuf der Autor durch sein unerreichtes Talent das Urmodell aller Romane, die einen Jugendlichen im schnodderigsten Jargon, aber umso authentischer daherreden lassen.
Eine Weile schien es, als würde der Roman wegen der ungeschminkten Darstellung der Sklavengesellschaft im Antebellum-Amerika und der häufigen Verwendung des N-Worts aus den Schulen verschwinden. Doch hier und da schlug das Pendel zurück. Seitdem wird in Amerika darüber diskutiert, ob Literatur dafür da sei, niemanden zu beunruhigen, oder ob nicht gerade umgekehrt in der sinnhaft strukturierten Provokation eine ihrer großen Leistungen liegt. Für Hemingway jedenfalls war der Fall klar: Die gesamte moderne amerikanische Literatur, sagte er 1935, geht auf „Huckleberry Finn“ zurück.
Bestmarken und Weltrekorde sind in der Bücherwelt so eine Sache, doch vielleicht stimmt es wirklich, dass Mark Twains ewiger Bestseller die meistzitierten, bewegendsten und beliebtesten Zeilen aller amerikanischen Romane enthält. Es handelt sich um die Szene, da Huck Finn den Sklaven Jim, mit dem er auf dem Mississippi in die mögliche Freiheit unterwegs ist, verraten und ausliefern könnte.
Er braucht nur einen Brief abzuschicken. Soll er Jim denunzieren und der christlichen Kanzelmoral der Sklavenhalter-Gesellschaft gehorchen? Oder der eigenen Humanität folgen, die ihn, wie er glaubt, in die Hölle schicken würde? Am Ende entscheidet er sich für sein eigenes Gewissen. „Na gut“, sagt er, „dann komm ich eben in die Hölle!“ Und er zerreißt den Brief. Dieses „All right, then, I’ll go to hell“ klingt als Aufruf zum Selbstdenken durch die Jahrhunderte.
In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstages der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.

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