Im Sommer 2018 startete Taylor Sheridans Westernserie „Yellowstone“. Halb Abgesang auf die amerikanische Cowboykultur, halb Seifenoper im grandios gefilmten Hinterland von Montana, brach der Neo-Western Quotenrekorde. Es war der Auftakt einer so umfangreichen Erzählung über die Familie Dutton und ihre Ranch in Montana, dass man sich schon vor einiger Zeit fragen musste, ob das nicht irgendwann alt würde: Drei Rückblenden in die dramatische Familiengeschichte zeitigte die Serie bisher („1883“, „1923“ und, mit avisiertem Start später in diesem Jahr, „1944“), einen modernen Begleitstoff („The Madison“) und mehrere Ableger: „Marshals“ und jetzt „Dutton Ranch“.
Geschrieben hat den Serienableger nicht Sheridan selbst, sondern Chad Feehan, der bereits für „Lawmen: Bass Reeves“ über den ersten schwarzen Marshal westlich des Mississippis verantwortlich zeichnete. Der Fingerabdruck des Produzenten Taylor Sheridan ist indes auch hier unverkennbar. Im blassen Licht des frühen Morgens satteln in der Auftaktszene Rip Wheeler (Cole Hauser) und Beth Dutton (Kelly Reilly) ihre Pferde für einen Ausflug in die Wildnis, und einen Moment lang stellt sich Überdruss ein: Das staubige Gegenlicht, die Weiten der Prärie vor den schneebedeckten Bergen, all dies ist längst zur Chiffre geworden, zur überstrapazierten Metapher der Freiheit, die im Übrigen eine Welle neuer Bebauungsprojekte in Montana auslöste und damit genau das bewirkte, wogegen die fiktionalen Helden von „Yellowstone“ kämpfen: die Natur zum Besitzobjekt zu machen, die Wildnis zu kommerzialisieren und zum teuren Ferien-Habitat für wohlhabende Möchtegern-Cowboys zu machen, deren Beziehung zur Schöpfung immer ein inszeniertes Abenteuer bleibt.
Der Stoiker und die Rakete
Vielleicht auch deswegen spielt die neue Serie nicht in Montana, sondern in Texas. Dorthin treibt es Rip und Beth mit ihrem jugendlichen Adoptivsohn Carter (Finn Little), um ein neues Leben auf einer Ranch in Rio Paloma zu beginnen, in die sie alles investieren, was sie haben. Beth und Rip sind die vielleicht heißgeliebtesten Figuren der Originalserie.
Die beiden lernten sich als Teenager kennen, nachdem John Dutton ihn als jungen Waisen mit tragischer Geschichte unter seine Fittiche genommen und zum Vorarbeiter seiner Ranch gemacht hatte. Rip ist ein Stoiker und John Duttons Mädchen für alles, Beth ist Johns einzige Tochter, eine Rakete. Ihre Wut auf die Welt hält sie selten im Zaum. Die beiden führen eine innige und oft stürmische Beziehung, die sie nach außen bis aufs Blut verteidigen. Als Beth in Texas auf Anhieb mit der alteingesessenen Rancherin Beulah Jackson (Annette Bening) aneinandergerät, sagt Rip leise lächelnd: „Schön, dass du neue Freunde gefunden hast.“ Der alte Tierarzt Everett McKinney (Ed Harris) macht die beiden Neuankömmlinge mit den Verhältnissen in Rio Paloma vertraut, nachdem Beth ihm bei einem blutigen Unfall begegnet ist.

„Es scheint, als wäre der Fluch, der über Yellowstone lag, endlich gelöst“, sagte die Schauspielerin Kelly Reilly kürzlich, „und zum ersten Mal sind Rip und Beth frei, ihr eigenes Leben zu gestalten.“ So viel sollte man über „Yellowstone“ wissen, das Ende 2024 nach fünf Staffeln zu Ende ging: Im Kampf um ihre Ranch in Montana gegen die Ansprüche von Stadtentwicklern, Regierungsbürokraten und indigenen Völkern machten sich John Dutton (Kevin Costner) und seine Kinder, allen voran seine Tochter Beth, in dem paradiesischen Tal und weit darüber hinaus zahlreiche Feinde. Und auch wenn – Achtung, Spoiler – die Duttons am Ende mit der Rückgabe ihrer geliebten Ländereien an die konföderierten Stämme von Broken Rock ein altes Versprechen einlösten und der Zwickmühle zwischen Verkauf und Pleite entkamen, darf man doch annehmen, dass die langen Schatten der Vergangenheit bis nach Texas reichen.
Dort begann einst der Treck der Duttons nach Westen, wie die Serie „1883“ erzählte. Und bereits in der vierten Staffel von „Yellowstone“ spielte der Bundesstaat, der vielleicht mehr als jeder andere mit der Cowboykultur assoziiert wird, eine Rolle. Damals wurde Greenhorn Jimmy (Jefferson White), der nach einer Karriere als Drogendealer auf der Dutton-Ranch gelandet war, auf die texanische 6666-Ranch verschickt, nachdem er eine Zusage nicht eingehalten hatte. Der Produzent Taylor Sheridan erwarb die historische Ranch später mit mehreren anderen Investoren für mehr als 300 Millionen Dollar; eigentlich sollte sie der Schauplatz für eine Serie über Jimmys Leben dort sein. Aber nun kommt zunächst „Dutton Ranch“.
„Mein Vater war nie glücklich“, sagt Beth zu Beginn, „zu viel Last auf seinen Schultern, das will ich nicht für uns.“ Frieden wünscht sie sich, aber Rip gibt zu bedenken: „Frieden kann man nicht einfangen, man muss ihn leben.“ Das klingt nicht zufällig wie ein alter Countrysong über die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren.
Und so beginnt diese Serie, von der Paramount nur die ersten beiden Episoden zur Vorabsichtung zur Verfügung stellte, denn auch mit einem Unwetter, einem verheerenden Brand und einem Mord. Was wäre eine Geschichte über Rip und Beth schon ohne harte Herausforderungen und mörderische Gegner? Gut möglich, dass der Frieden warten muss.
Dutton Ranch beginnt am Freitag, 15. Mai, bei Paramount+.

vor 3 Stunden
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