Es war gerade alles so gut gelaufen: Nach heftigen Diskussionen über behauptete antisemitische Vorfälle bei den vergangenen Jahresausstellungen auf der Kunsthochschule Burg Giebichenstein war es zu einer unerwarteten Annäherung gekommen. Gemeinsam mit der Studentenvertretung hatte die örtliche Jüdische Gemeinde zwei Führungen durch ihre Synagoge in Halle angeboten, die bei den Studenten auf großes Interesse gestoßen waren.
„Es waren sehr gute Gespräche“, sagt der Gemeindevorsteher Max Privorozki, der den Dialog angestoßen hatte. Die Studenten hätten vieles nicht gewusst. Zum Beispiel, dass die Jüdische Gemeinde zu großen Teilen aus sogenannten Kontingentflüchtlingen besteht, die erst in den Neunzigerjahren aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland emigriert sind. Ihre alte Heimat verließen sie auch wegen des zunehmenden Antisemitismus.
Privorozki ist vor 37 Jahren von Kiew nach Deutschland gekommen. Man wollte ihn Mitte Mai zu einer Podiumsdiskussion auf den Hochschulcampus einladen. Doch dann tauchte ein anonymes und durchaus verstörendes Flugblatt auf, das die Jüdische Gemeinde als „rassistische und zionistische Organisation“ diffamierte. Der unbekannte Verfasser fabuliert von „westlichen Mächten“ und behauptet, die Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde trage „aktiv dazu bei, die Narrative hochzuhalten, die den Völkermord ermöglichen“.
Verstörende Assoziationen
Gerade in Halle weckt dies dunkle Erinnerungen. Vor sechs Jahren, am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, wurde die Synagoge im Halleschen Paulusviertel Ziel eines versuchten Mordanschlags. Auch Gemeindevorsteher Privorozki war damals in der Synagoge. Der Täter scheiterte an der Tür, erschoss allerdings zwei Außenstehende. Ein wirrer Verschwörungstheoretiker, der an die jüdische Weltverschwörung glaubte und daran, dass „Zionisten“ die deutsche Regierung beherrschen. Dass das nun in der Kunstuniversität entdeckte Flugblatt erschreckend ähnliche Töne anschlägt, löste bei Vertretern der Jüdischen Gemeinde Angst aus. Es macht für sie kaum noch einen Unterschied, wenn die Aufrufe mit Schlagworten wie „dekolonialer struggle“ ausgeschmückt werden.
Tatsächlich werden heute mit ähnlichen Argumenten weltweit Synagogen angegriffen und Menschen drangsaliert. Deshalb entschied man sich, die Diskussionsveranstaltung vorerst abzusagen. Ihre Vorgeschichte begann vor zwei Jahren, als es auf der Jahresausstellung auf Burg Giebichenstein zu einer körperlichen Auseinandersetzung gekommen war. Im Jahr darauf enthielt ein abstraktes Relief, das auf der Ausstellung gezeigt wurde, eine Ausbuchtung, die bedenklich an einen Schweinskopf erinnerte. Daneben und gut sichtbar eine palästinensische Flagge.
Hatte hier ein geschichtsbeflissener Student an mittelalterliche Schmähkunst-Traditionen angeknüpft? Derart verstörende Assoziationen seien rein zufällig und auf keinen Fall so intendiert gewesen, versicherte damals die Hochschulleitung. Gegen einzelne gegenteilige Unterstellungen erstattete sie Strafanzeige. Dieses Mal gab sie dagegen Anzeige gegen den anonymen Verfasser des Flugblatts auf. Der Fall sei kategorial anders.
Die Art von Hetze, wie sie das Flugblatt verbreitet, habe in der Hochschule keine Mehrheit, sagt ein jüdischer Student. Es gebe aber weiter eine lautstarke Minderheit, die immer wieder agitiere. Die Jüdische Gemeinde hat Zweifel, ob die Sicherheit auf dem Campus gewährleistet werden kann. Auf der Veranstaltung hatte Privorozki den Studenten eigentlich seine Sicht erklären wollen, etwa dass Israel auch für Juden in der Diaspora wichtig sei. Die Studenten wollten ihrerseits ansprechen, was sie am Onlineauftritt der Jüdischen Gemeinde stört. Man wäre wohl am Ende noch immer nicht einer Meinung gewesen, sagte Privorozki. Aber man hätte einander wenigstens einmal zugehört. Das kann immer noch geschehen. Die Tür ist laut Provorozki weiter offen. Man will nun aber zunächst die Ermittlungen abwarten.

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