Die Zahlen haben in Hollywood immer recht. Und die Zahlen sprechen für Christopher Nolans „Odyssee“: Gut 1,3 Milliarden Dollar hat der Film bislang weltweit eingespielt, zwei Drittel davon außerhalb der Vereinigten Staaten. Damit ist die Adaption des homerischen Epos Nolans kommerziell erfolgreichster Film und der zweitgrößte Kinoerfolg des Jahres hinter „Spider-Man: Brand New Day“, der schon mehr als zwei Milliarden Dollar in die Kassen gebracht hat. Für den Regisseur Nolan bedeutet das, dass er auch bei künftigen Filmprojekten weiterhin freie Hand hat, anders als etwa sein einst ebenso hoch gehandelter Kollege David Fincher, der seit mehr als zehn Jahren hauptsächlich für Netflix dreht und entsprechend kleinere Brötchen backen muss. Für die Filmindustrie bedeutet es, dass sie sich fragen muss, was aus der „Odyssee“ für ihre künftigen Planungen folgt.
An den Kritiken kann es jedenfalls nicht liegen, denn die waren etwa zur Hälfte reserviert bis skeptisch, vor allem, was die Besetzung der Hauptrollen und den Umgang Nolans mit seiner Vorlage angeht. Und auch der von manchen gezogene Vergleich mit dem legendären Stanley Kubrick hilft in diesem Fall nicht weiter, denn Kubricks Filme hatten es bei ihrem ersten Einsatz an der Kinokasse oft schwer. „2001 – Odyssee im Weltraum“ etwa brauchte 1968 mehrere Monate, um seine Produktionskosten von 10 Millionen Dollar wieder einzuspielen, während das Nolans 250 Millionen Dollar teurer Homer-Verfilmung binnen zwei Wochen gelang.
Kinos bis Ende September ausverkauft
Aber vor sechzig Jahren waren die Marketingkampagnen für Hollywood-Produktionen auch noch nicht so ausgefuchst wie heute. Im Fall der „Odyssee“ begann die Kampagne schon vor einem Jahr, als ein erster Teaser zu dem Film in Imax-Kinos lief. Prompt schnellten die Vorab-Buchungszahlen nach oben; in zahlreichen Imax-Filmtheatern ist Nolans Epos seither bis Ende September ausverkauft. Das Spiel mit der Exklusivität des Imax-Kinoerlebnisses, in dem das 70-Millimeter-Breitwandformat der „Odyssee“ raumfüllend zur Geltung kommt, zahlt sich auch im großen Maßstab aus: Ein Viertel der weltweiten Einspielsumme wird derzeit auf der Imax-Schiene erzielt.
Der Clou besteht darin, dass Nolans Film perfekt zu dieser Vermarktungsstrategie passt. Seit Langem hat man im Kino keine derart weiten Landschaften mehr gesehen: Wüsten aus Sand und Salzwasser, endlose Felslabyrinthe, Ebenen aus schwarzer Lava, in denen sich das Auge verirrt. Und ebenso lange hat man im Kino keinen Helden mehr gesehen, der so zwischen Sehnsucht und Schuld zerrissen ist: zwischen dem Wunsch, nach Hause zurückzukehren, und dem Willen, weiter unterwegs zu sein, um seinem Trauma zu entkommen, notfalls bis ans Ende der Welt. Der Film bezieht seine gesamte erzählerische Energie aus dieser Zerrissenheit, indem er die Geschichte von Odysseus' Irrfahrten parallel zu den Ereignissen in seiner griechischen Heimat erzählt, bis sich die aufgestaute Spannung zuletzt in zwei großen Kampfsequenzen entlädt, der Eroberung Trojas und der Tötung der Freier im Palast von Ithaka.

Die Choreographie dieser Actionszenen ist so spektakulär wie die bizarre Schönheit der auf Island, in Schottland, Griechenland, Italien und Marokko aufgenommenen Meeres- und Wüstenpanoramen. Aber eigentlich spiegelt sich in all der Pracht, in den Schiffen, Rüstungen, Burgen, Monstern und brennenden Städten vor allem der innere Konflikt eines einzigen Mannes, der über seinen Bruch mit der göttlichen Ordnung der Welt nicht hinwegkommt. Und in dieser Verwandlung von realen Schauplätzen in Seelenlandschaften steht Nolans „Odyssee“ im Hollywoodkino der vergangenen Jahre tatsächlich allein da.
Sie trotzt der Tendenz zur Veräußerlichung, die in den immer wieder neu recycelten Stoffen des Marvel-Comic-Universums ebenso angelegt ist wie in den Heldengeschichten um Superman und Batman, an denen Nolan selbst, wenn auch mit eigenen Akzenten, mitgestrickt hat. Und sie befreit sich – und uns – aus der visuellen Zwangsjacke der Fantasy-Serienwelten, die durch die hemmungslose Weitervermarktung des „Herrn der Ringe“, der „Star Wars“-Filme und der „Game of Thrones“-Saga auf den Streaming-Plattformen entstanden sind.
Die Monumentalfilme sicherten dem Kino die Existenz
Diese Welten werden nicht verschwinden. Aber ihr dramaturgischer Gehalt hat sich schon lange erschöpft, sodass die Figuren und Geschichten, die in immer neuen Sequels und Prequels an die vorhandene Erzählmasse angestückt werden, nur noch Übermalungen eines längst fertigen Bildes sind. Das entspricht der Marktlogik der Streamingdienste, für die das Branding, die Wiedererkennbarkeit ihres Warenkorbs, wichtiger ist als das einzelne Produkt, die serielle Vervielfältigung wichtiger als die Originalität der Stoffe. Aus dieser Logik aber erwächst die Chance eines Kinos, das auf Solitäre statt auf serielle Formen setzt, auf Geschichten statt auf Wimmelbilder. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren war das die Überlebensstrategie Hollywoods gegen den Siegeszug des Fernsehens, und obwohl sie nicht auf Dauer funktionierte, sicherte sie dem Kino in seiner größten Krise die Existenz. Und schon damals spielte, neben epischen Stoffen und Schauwerten, das breite Bildformat eine Schlüsselrolle. Stanley Kubrick selbst hat mit „Spartakus“ und „2001“ zwei der wichtigsten dieser Monumentalfilme gedreht. Fernsehserien wurden nicht daraus.
Es darf also keine Fortsetzung von Nolans „Odyssee“ geben – auch wenn der Held, in einer für diesen Regisseur typischen Wendung, am Ende per Schiff nach Westen aufbricht, um seine gefallenen Kameraden zu ehren. Der Film steht für sich, das macht ihn groß. Größer kann er nicht mehr werden.

vor 57 Minuten
1










English (US) ·