Wir erinnern uns: 2020 war das Jahr, in dem Leute die seltsamsten Lockdown-Hobbys kultivierten. Da wurde gegärtnert, selbst Brot gebacken und gebastelt, und das alles nur, weil man kaum vor die Tür konnte. Wer nicht kreativ werden wollte, shoppte online, bei entsprechendem Kontostand gerne auch Kunst. Geblieben ist von den meisten dieser aus der Not geborenen Leidenschaften wenig. Aber dass es auch für eines der megalomanischsten Pandemieprojekte gilt, ist doch erstaunlich: das laut Guinnessbuch der Rekorde größte Leinwandgemälde der Welt.
Geschaffen hatte es auf dem Höhepunkt der Covid-Krise der britische Society-Maler Sacha Jafri, der, wie es damals hieß, auf der künstlich geschaffenen Insel The Palm in Dubai „gestrandet“ war. Jafri hatte freilich nicht das Schicksal eines Schiffbrüchigen ereilt. Im zentralen Luxushotel der artifiziellen Palmeninsel malte er, ausgestattet mit Kost, Logis, gut 6000 Litern Farbe und mehr als tausend Pinseln, innerhalb von acht Monaten den leer stehenden Ballsaal aus.

Genauer gesagt, bedeckte er in Manier eines psychedelischen hochgestimmten Pollock-Epigonen die Grundfläche mit einem bunten Farbrausch auf aneinandergestückelten Leinwänden. In diese arbeitete er außerdem Kinderzeichnungen zum Thema Isolation ein und nannte das Ganze „The Journey of Humanity“, die Reise der Menschheit.
Ein gigantischer PR-Coup
Zum anrührenden PR-Coup wurde das künstlerisch banale Riesenwerk von 1800 Quadratmetern für die eher Hybris als Herzenswärme ausstrahlende Insel, das Emirat und den Künstler selbst durch die Ankündigung einer Versteigerung. „The Journey of Humanity“ sollte zugunsten wohltätiger Projekte für Kinder unter den Hammer kommen. Im März 2021 war es dann so weit: Den Zuschlag für das Megabild bekam zum Megapreis von 62 Millionen Dollar der französisch-algerische Kryptounternehmer André Abdoune.
Jafri übertraf damit seinen bisherigen Auktionsrekord um das Neunhundertfache und war plötzlich weltberühmt, eine enorme Steigerung seines Marktwerts. Wie der sich pandemisch in ein Spekulationsfieber hineinsteigernde Kunsthandel von dem parallel heißlaufenden Kryptohandel unter dem Rubrum breit kommunizierter Charity befeuert wurde – hier war es live zu beobachten, fast zeitgleich mit dem 69,3-Millionen-Dollar-Verkauf von Beeples notorischem „Everydays“-NFT in New York, bezahlt in Kryptowährung.
Das Dumme ist nur: Von dem für Jafris Kolossalwerk versprochenen Geld, das unter anderem an UNICEF, die UNESCO, Dubai Cares und die Global Gift Foundation fließen sollte, ist bisher offenbar nichts bei den Hilfsorganisationen angekommen. Recherchen der Londoner „Times“ zufolge gingen einzig bei der UNESCO 1,9 Millionen Dollar ein, wobei unklar bleibt, ob diese Summe überhaupt aus der Auktion stammt. Der siegreiche Bieter Abdoune hat außerdem kein Museum für das Riesengemälde bauen lassen, wie er es versprochen hatte. Das Bild liegt weiterhin beim Künstler, und die in den Emiraten ansässige Organisation Dubai Cares, die den Verkaufserlös in Empfang nehmen und verteilen sollte, geht schon seit 2022 in einem zivilrechtlichen Verfahren gegen den säumigen Zahler Abdoune vor, wie das „Fence Magazine“ zuerst berichtete. Zeitweilig soll sogar Jafri beschuldigt worden sein, sein Werk unrechtmäßig an sich genommen zu haben, aber dieser Vorwurf ist wohl vom Tisch.
Großes Format, große Geste, große Story und ganz großes Geld: Das erschien wie ein perfekt kalkuliertes Riesenspektakel als Win-win-win-win-Situation für alle Beteiligten. Tatsächlich erweist sich das Geschäft als gigantischer Bluff, der nun auch öffentlich in sich zusammenfällt.

vor 1 Stunde
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