Die Bilder von diesem Wochenende sollen grandios werden. Im Iran beginnen die Trauerfeierlichkeiten für Ali Chamenei, ehemals Staatsoberhaupt und sogenannter Revolutionsführer, der bereits am ersten Tag des Kriegs, dem 28. Februar, bei einem Luftschlag getötet wurde. Sein Leichnam ist seitdem an einem geheimen Ort aufbewahrt worden. Ab heute wird er in Teheran aufgebahrt, das Volk soll kommen und ihm Ehre erweisen, Prozessionen sind geplant und für Donnerstag dann die Beisetzung in der Wallfahrtsstadt Maschhad. Er ist gegangen, aber das System hat triumphiert! Das ist die Botschaft dieser Inszenierung an die Welt.
In Wahrheit aber ist das Großereignis für das Regime selbst ein Test. Nicht nur die Welt, auch die iranische Führung selbst wird am Verlauf dieser Tage ablesen können, wie fest sie noch im Sattel sitzt. Wie viele trauernde Iraner kann sie noch auf die Straßen bringen? Welche Staatsgäste kommen und von welchem Rang? Die Islamische Republik hat den Angriff Israels und der USA überdauert. Aber hat sie noch die Basis, die Verbindungen, um im Frieden zu bestehen? Die Bilder dürften grandios werden. Um aus ihnen herauszulesen, wie es wirklich steht, kann man auf diese vier Elemente achten:
Der Tote
Ali Chameneis Leichnam ist seit diesem Samstag in der Mosalla aufgebahrt, der riesigen Gebetshalle im Zentrum von Teheran. Die Straßen im Umkreis von drei Kilometern sind schon seit Tagen abgesperrt. Die Behörden haben zwei Desaster vor Augen: Beim Begräbnis des ersten Revolutionsführers Ruhollah Chomeini im Sommer 1989 drängten die Menschenmassen fast unkontrolliert bis an den Sarg heran, Chomeinis Leichnam musste per Helikopter geborgen und neu ins Leichentuch gewickelt werden. Im Jahr 2020, beim Begräbnis des Revolutionsgarden-Generals Kassim Soleimani, starben bei einer Massenpanik mindestens 53 Menschen. Es war Ali Chamenei, der damals die Trauerrede hielt, und zwar weinend. Iraner blicken genau darauf, ob es den Behörden diesmal gelingt, Chaos zu verhindern.
Ali Chamenei galt als wenig charismatisch und entpuppte sich doch als gewiefter Machtpolitiker. Er hat 36 Jahre lang geherrscht und dem Regime seine heutige Form gegeben. Erst Chamenei machte das Amt des Revolutionsführers so mächtig, und die paramilitärischen Revolutionsgarden zur entscheidenden Kraft im Staat. Chamenei selbst überlebte schon zu Beginn seiner Amtszeit ein Attentat, sein rechter Arm blieb gelähmt. Der wurde zum Symbol seiner Zähigkeit.
Chamenei hätte den Spannungsbogen seiner Lebenserzählung sicher gemocht: Der Mann aus einfachen Verhältnissen steigt an die Spitze des Staats auf und stirbt als Märtyrer. Chamenei war nämlich erklärtermaßen ein begeisterter Leser, und zwar auch von weltlicher, gerade französischer Literatur. Ein Werk, das er besonders pries: die Elenden, das Sozialepos von Victor Hugo.
Die Massen
Viele Iraner haben SMS erhalten: noch 7 Tage bis zur Trauerfeier, noch 5, noch 3. Der Staat hat alles daran gesetzt, möglichst viele Menschen zu mobilisieren und dafür eine eigene Behörde geschaffen: das »Hauptquartier zur Durchführung der Abschieds- und Trauerzeremonie für den Märtyrerführer«. Die hat erklärt, man erwarte 12 bis 20 Millionen Menschen – eine Angabe, vage genug, dass sie tatsächlich erfüllt werden könnte. Die größte Kundgebung ist für Montag angesetzt: rund um das »Azadi«-, das »Freiheits«-Monument in Teheran.
Ein bitterer Anblick für die wohl größere Masse von Iranern, die noch Anfang dieses Jahres die riesigen Proteste gegen das Regime unterstützte. Damals erklärte US-Präsident Donald Trump in den sozialen Medien noch, die USA würden den Sturz des Regimes unterstützen: »Hilfe ist auf dem Weg!« Tatsächlich haben die USA und Israel das Regime mit ihrem Angriff zwar schwer getroffen, aber dessen Erzählung vom glorreichen Kampf gegen die Imperialisten eher gestärkt.
Am Telefon erreichen wir einen jungen Mann in Teheran, Regimegegner. Er sitze gerade im Taxi, sagt er, und zwar als Fahrer. Auch er, der viele Jahre lang einen vermeintlich sicheren Job bei der iranischen Rentenkasse hatte, hat inzwischen seine Stelle verloren. Die iranische Wirtschaft wird schwächer und schwächer. Also fährt er nun Taxi für das Unternehmen eines Verwandten. Natürlich gehe er nicht zur Trauerfeier für Chamenei, diesen Verbrecher, sagt er. Er, der schon sein Leben bei Protesten gegen das Regime riskiert hat, habe überhaupt keinen Kopf mehr für die Politik: »Ich arbeite die ganze Zeit, um überhaupt über die Runden zu kommen.« Eines aber sei gerade beim Taxifahren gar nicht zu übersehen: »Da! Wieder eine Frau ohne Kopftuch. Und da! Männer in Shorts. Das Regime hat alle seine Kräfte in den Krieg gesteckt – und die Leute haben sich wenigstens diese Freiheiten genommen.«
Die geladenen Gäste
Die ausländischen Staatsgäste waren zuerst dran. Sie reisten schon am gestrigen Freitag an und traten Delegation nach Delegation vor Chameneis Sarg. Es waren überraschend viele, von überraschend hohem Rang.
China, der wichtige, aber vorsichtige Unterstützer des Regimes, schickte He Wei, kein Mitglied des Politbüros, aber ein wichtiger Vertreter am Volkskongress. Russlands Präsident Putin schickte seinen engen Vertrauen Dimitrij Medvedev. Das Signal der beiden Großmächte: Der Iran bleibt nicht nur ein systemischer Partner, er ist auch einer, zu dem man nun offener stehen mag als vor dem Krieg.
Einigermaßen spektakulär war der Besuch eines Nachbarn: Saudi-Arabien war mit seinem Vize-Außenminister vertreten – und das, obwohl der Iran in diesem Krieg Ziele im Königreich bombardiert hat. Von saudischer Seite hieß es, der Besuch sei Ausdruck politischer Weitsicht, schließlich werden die Golfstaaten vorerst mit dem iranischen Regime als Nachbar zurechtkommen müssen. Doch die Begegnung in Teheran war voller Spitzen: Die saudische Delegation trug weiße Feiertagsroben, und nicht die zu Traueranlässen üblichen schwarzen Umhänge. Das iranische Protokoll wiederum ließ just zur saudischen Kondolenz einen Koran-Vers verlesen, den man als Vorwurf der Ketzerei werten kann. Westliche Staaten waren nicht vertreten, dafür überraschend prominent ein Nato-Mitglied: Die Türkei schickte Vize-Präsident Cevdet Yılmaz.
Die iranische Führung dürfte frohlocken ob des gestrigen Aufgebots. Wie sehr man gebangt hatte, war auch daran abzulesen, dass man den Zugang von Journalisten zu den Feierlichkeiten stark begrenzt hat. Freie und ausländische Presse wurde kaum zugelassen, auch die ZEIT nicht.
Die Gastgeber
Eine Überraschung ist bislang ausgeblieben: Das neue Staatsoberhaupt, Modschtaba Chamenei, der Sohn des Getöteten, ist nicht aufgetreten. Er hat sich seit seiner Ernennung im März noch nicht gezeigt und nicht zu Wort gemeldet. Westliche Regierungen gehen davon aus, dass er lebt, aber schwer verwundet ist. Seine Absenz ist auch sinnbildlich für eine politische Verschiebung: Die Kleriker sind in den Hintergrund getreten, Politiker aus den Reihen der Sicherheitsdienste haben das Sagen übernommen. Der Mächtigste ist aktuell Bagher Ghalibaf, Parlamentssprecher und Ex-General der Revolutionsgarden.
Vor dem Sarg Chameneis demonstriert die neue Führungsriege Einheit. Tatsächlich ist in den vergangenen Wochen der Graben deutlich geworden, der sie durchzieht: zwischen Machtpragmatikern auf der einen Seite, Männern wie Ghalibaf, die einen Deal mit den USA wollen und mit harter Hand weiterregieren. Und auf der anderen Seite den Puristen, die es als Sünde erachten, sich mit dem satanischen Gegner einzulassen. Zumal auf eine Abmachung mit diesem Gegner ja nun wirklich nicht zu setzen sei. Schließlich war Trump selbst es, der vergangene Abmachungen einseitig aufkündigte, der angreifen ließ, während man verhandelte. Und zwar zweimal. Die beiden Fraktionen sind nicht neu, doch jetzt fehlt der Mann, der in der Vergangenheit erfolgreich zwischen ihnen vermittelte und so das System über Krisen hinweg zusammenhielt: Ali Chamenei.
In der schiitischen Tradition des Iran findet 40 Tage nach einem Begräbnis noch eine zweite Gedenkfeier für den Verstorbenen statt. Wird Chamenei wie geplant am kommenden Donnerstag, den 9. Juli beigesetzt, dann fällt das Gedenken auf den 18. August. Der Termin ist kaum zufällig gewählt. Am Vortag, dem 17. August, läuft die Frist für die Verhandlungen zwischen dem Iran und den USA aus. Diese Frist könnte verlängert werden, die Verhandlungen könnten ganz scheitern, ein Abkommen könnte zustande kommen – aktuell ist das offen. In jedem Fall aber hat das Regime mit seinem Timing schon vorgesorgt: Die Gedenkfeier wird die nächste symbolträchtige Gelegenheit bieten, um sich zu zeigen und den eigenen Kurs zu präsentieren.

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