TheaterPremiere in Bochum: Das Gute ist zersplittert, verschwunden ist es nicht

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Kann man einen Roman verhaften, als handele sich um einen lebendigen Menschen, der ein Verbrechen begangen hat? Man kann. Wassili Grossman musste es erleben, und sein Schriftstellerkollege Wladimir Woinowitsch hat darüber berichtet. Bevor Grossman seinen Roman „Leben und Schicksal“ veröffentlichen konnte, schlug der KGB zu und konfiszierte im Jahr 1960 alles, was mit dem Buch zu tun hatte: Manuskripte, Notizen und Entwürfe, sogar die Farbbänder und das Durchschlagpapier der Stenotypistinnen, die das Original abgetippt hatten.

Jedes Detail, das auf den Roman verweisen konnte, wurde in plombierte Säcke gesteckt und sollte für immer verschwinden. Frühestens in zweihundert Jahren, so höhnte damals der Parteiideologe Michail Suslow, nach Chruschtschow der zweite Mann im Staat, könne dieses Buch, das heute als „Krieg und Frieden“ des zwanzigsten Jahrhunderts gilt, in der Sowjetunion erscheinen. Sein Verfasser blieb auf freiem Fuß, aber sein Lebenswerk schien wie ausgelöscht. Auf dem Totenbett, Grossman starb 1964 im Alter von 56 Jahren, soll der Schriftsteller gesagt haben, man habe ihn in einem Torweg erwürgt, also im Stillen, unbemerkt von Freunden und Passanten.

Kann man einen Jahrhundertroman, dessen Erscheinen die Sowjetunion in ihren Grundfesten erschüttert hätte, kann man ein Epos mit tausend Seiten, fünf Dutzend Figuren und zahlreichen Schauplätzen auf die Theaterbühne bringen, als handele es sich um ein Kammerspiel? Man kann. Johan Simons, Bochums scheidendem Intendanten, und seinem Dramaturgen Koen Tachelet ist es gelungen: „Leben und Schicksal“ nach dem Romanepos von Wassili Grossman ist ein fesselnder Theaterabend, knapp vier Stunden lang, konzentriert, intensiv, berührend. Ein historischer Stoff, aber von unvergänglicher Aktualität, und eine puristische, stellenweise geradezu brechtisch anmutende Inszenierung, die mit humanistischem Pathos, also mit der größten Ernsthaftigkeit, der Frage nachgeht, in welchen Winkeln des Herzens das Menschliche überleben kann in unmenschlichen Zeiten.

Eine tragische Farce von Willkür, Verrat und Ohnmacht

Die Sowjetunion war ein Riesenreich, aber vielen ihrer Bewohner ließ sie kaum Raum genug zum Atmen. Die Verhältnisse sind beengt, jeder beobachtet jeden, Moskaus langer Arm reicht weit. Deshalb hat Johannes Schütz die Bühne auf einen schmalen Streifen reduziert: ein paar Stufen dienen als Sitzgelegenheit, dahinter ein eiserner Vorhang in einem schmutzigen Grau, der Farbe der Hoffnungslosigkeit. Hier nehmen sie Aufstellung: zehn Schauspieler, die etwa drei Dutzend Figuren verkörpern. Sie stellen sich vor, kündigen an, wen sie alles spielen werden und steigen in die ausladenden, leicht clownesk wirkenden Filzhosen, die Greta Goiris für sie entworfen hat. „Leben und Schicksal“ handelt von menschlichen Tragödien, aber das Leben in einem totalitären System hat immer auch groteske Züge an sich: Dann gleicht es einer tragischen Farce von Willkür, brutaler Gewalt, Verrat und Ohnmacht.

Vor dem Hintergrund der Schlacht um Stalingrad, an der Grossman selbst als Kriegsreporter der Armeezeitung „Roter Stern“ teilgenommen hatte, schildert der Roman nahezu alle Facetten des sowjetischen Lebens. Er zeigt den Krieg, das Leben im Hinterland, in Moskau und in der Provinz, in deutschen wie in sowjetischen Lagern. Als Erzähler, Chronist und gelegentlicher Kommentator fungiert Ikonnikow, ein ehemaliger Ingenieur, der in einem Straflager der Deutschen inhaftiert ist, wo er an einer Abhandlung über das Gute im Menschen arbeitet.

Güte ist der wahre Gegenspieler des Bösen

Elsie de Brauw spielt diesen Ikonnikow als philosophische Mönchsfigur, abgeklärt und doch voller Anteilnahme. Zu Beginn des Abends hockt sie inmitten des kleinen Kammerorchesters am linken Bühnenrand – zwei Streicher, Klarinette, Schlagwerk – und trägt zu Klängen, die an Kompositionen Hanns Eislers erinnern, Grossmans zentrales Credo vor. In einer Art rhythmisiertem Sprechgesang legt sie dar, dass nicht der Mensch ohnmächtig gegen über dem Bösen sei, sondern das „mächtige Böse“ sei machtlos gegenüber dem Menschen. Nicht das große Gute, das ja selbst zu etwas Fürchterlichem werden könne, sei der wahre Gegenspieler des Bösen, sondern die Güte des Einzelnen, die sich in unschuldigen, beiläufigen, manchmal auch unsinnigen kleinen Gesten und Handlungen zeige. In Zeiten der Unmenschlichkeit und des Wahnsinns, wie Grossman und seine Zeitgenossen sie durchleben mussten, sei diese „gedankenlose Güte in kleinste Teilchen zersplittert, aber nicht verschwunden“.

 Szene aus „Leben und Schicksal“ am Schauspiel BochumEin Leben mit dem Rücken zur Wand: Szene aus „Leben und Schicksal“ am Schauspiel Bochum

Das ist eine starke Eröffnungsszene, aber Grossmans Bekenntnis zum Glauben an die unerschöpfliche Kraft der Güte des Einzelnen kommt zu früh an diesem knapp vierstündigen Abend: Noch können die Zuschauer nicht wissen, welchen Widerständen es abgerungen werden musste.

Die Hölle ist kein Privileg des Nationalsozialismus, sagt Ikonnikow in einem deutschen Straflager in Posen zu seinem Freund Mostowskoi, einem aufrechten Bolschewiken, der glaubt, dass der gute kommunistische Zweck auch blutige Mittel heilige. Die strukturellen Parallelen zwischen den totalitären Systemen und ihren Anführern Hitler und Stalin gehören zu den brisantesten Themen, die Grossmans Roman immer wieder anspricht. Später an diesem Theaterabend wird der deutsche Lagerkommandant Liss den Häftling Mostowskoi so lange mit seiner Überzeugung von der Verwandtschaft der totalitären Systeme traktieren, bis dieser ihn für verrückt erklärt: „Stalingrad wird Ihnen den Kopf schon wieder zurecht setzen“.

Mara Romei und Victor IJdens in  BochumMara Romei und Victor IJdens in  Bochum

Guy Clemens spielt sowohl den jovialen SS-Mann, der Hegel liest und den Häftling als „Lehrmeister“ anspricht, wie den überzeugten Kommunisten Krymov, Politkommissar und verdienter Revolutionär von 1917, der bei der Partei in Ungnade fällt und angesichts der perfiden Verhörmethoden in der Lubjanka, der Moskauer KGB-Zentrale, verzweifelt um sein Leben kämpft. Es ist ein großer Abend der Bochumer Schauspieler, die scheinbar mühelos von einer Rolle in die nächste schlüpfen und den Zuschauern jeden Schauplatz des Geschehens allein durch ihre Worte und Gesten vor Augen führen, den Teesalon des Physikers Strum ebenso wie das Straflager in Posen oder das hart umkämpfte „Haus 6/1“ in Stalingrad, wo Konstantin Bühler als Kommandeur Grekow seine Untergegeben wie Gleichrangige behandelt – ein Kriegsheld, der den Parteizorn auf sich zieht.

Jele Brückner spielt Ljudmila, die zweifelnde Frau von Strum und verzweifelte Mutter von Tolja, der in Stalingrad sein Leben lässt. Linde Dercon ist ihre Tochter Nadja: die aufbrausend-schnippische Verkörperung der Jugend, die ihr Recht auf eine Zukunft einklagt. Zusammen mit Mara Romei und Carla Richardsen bildet sie ein starkes Trio: drei glänzende junge Schauspielerinnen, die Akzente setzen, die Johan Simons einander zuweilen schroff gegenüberstellt. Dann kontrastiert der kalte Blutdurst von Romeis Scharfschützin Bulatowa mit den herzzerreißenden Gefühlen, die Richardsens jüdische Ärztin Sofja gegenüber einem ihr eben noch unbekannten kleinen Jungen entwickelt, mit dem sie Hand in Hand in die Gaskammer geht.

Aber was ist mit Strum, dem Physiker, der kurz vor der Entdeckung der Kernfusion steht, der in der Parteigunst fällt und Stärke zeigt, um dann, nach seiner Rehabilitierung und einem Telefonanruf von Stalin persönlich, doch noch zum Mitläufer zu werden? Pierre Bokma spielt ihn großartig, sein Strum ist ein weicher Egoist, unfrei in seiner Forschung wie in seinen privaten Bindungen, ungläubig gegenüber allen Anzeichen des aufkommenden stalinistischen Antisemitismus, ein Getriebener seines schlechten Gewissens, dem er immer wieder neue Nahrung zuführt. Seine Figur dominiert den zweiten Teil des Abends, und doch fesselt sie uns nicht so wie der rührende junge Soldat Klimow oder der Häftling Katzenellenbogen, ein kommunistischer Karrierist, der mit dem Zynismus des professionellen Spielers akzeptiert, dass er ein miserables Blatt in Händen hält. Victor IJdens spielt beide brillant.

Immer wieder mischt sich die Musik ins Bühnengeschehen ein, kommentiert, setzt Kontrapunkte. Vom Schauspielhaus schlendert das Premierenpublikum ins Musikforum, wo die Bochumer Symphoniker die 10. Symphonie von Dmitri Schostakowitsch aufführen, entstanden 1953, dem Jahr von Stalins Tod. Danach wurde manches besser in Wassili Grossmans Heimatland, aber nur sehr wenig wurde gut.

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