Theaterfestival Avignon: Beats und böse Bücher

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„Maldoror“ heißt das Stück, das Julien Gosselin zur Eröffnung der achtzigsten Ausgabe des Festival d’Avignon im Ehrenhof des Papstpalasts präsentiert hat. Der Titel verweist auf den namengebenden Antihelden von Lautréamonts 1868/69 verfassten „Gesängen des Maldoror“. Laut dem Herausgeber der französischen Pléiade-Ausgabe bildet der durch den jung verstorbenen Dichter geschmiedete Dreisilber eine Legierung aus Gold („or“), Horror sowie dem Bösen („Mal“) – kein Etikettenschwindel für den Reigen schwefliger Geister, mit dem Gosselin acht Abende lang je fast zweitausend Zuschauer fasziniert und verstört hat.

In leuchtenden Großbuchstaben schickt der Leiter des Pariser Odéon Théâtre de l’Europe seinem fast fünfeinhalbstündigen Gesang aus der Giftkloake Lautréamonts Warnung an die Leser voraus: Vorsicht vor den tödlichen Ausdünstungen – sie könnten Zartbesaiteten die Seele durchtränken! Dann räumt Maldoror die Bühne und macht Platz für Texte des 2003 verstorbenen Chilenen Roberto Bolaño, von dem Gosselin bereits den nachgelassenen Riesenroman „2666“ dramatisiert hatte.

Der erste und mit Abstand beste Teil des Abends bietet Begegnungen mit einem Dutzend Figuren aus „Die Naziliteratur in Amerika“, Bolaños Handbuch fiktiver Gegenaufklärer, Mitglieder der Arischen Bruderschaft und anderer Dichter mit delirantem Rechtsdrall zwischen Argentinien und den Vereinigten Staaten. Alberto Manguel monierte an dem 1996 erschienenen Werk, es werde rasch zu einer langweiligen Parodie seiner selbst: „Wie bei einem Witz, dessen Pointe bereits der Titel verrät, wird der Humor untergraben – übrig bleibt bloß eine Aneinanderreihung von Namen, Daten und Titeln, die, da sie nicht lustig wirken, lediglich irritierend sind.“

Doch in einer Zeit, wo – auch und gerade zwischen Argentinien und den Vereinigten Staaten – die (w)irrsten Postfaschisten die Fahne hoch flattern lassen und Intellektuelle, Publizisten, ja Literaten ihnen dazu pausbäckig Rückenwind blasen, wirkt „Die Naziliteratur in Amerika“ brandaktuell. Bolaños Lauftext verwandelt Gosselin in Dialoge, in Interviews mit den Autoren beziehungsweise mit Verwandten oder Vertrauten, die erst seekranke Heiterkeit, dann sturmgeschaukelte Malaise, endlich Übelkeit in Orkanstärke hervorrufen.

Was nach der ersten Pause kommt, fällt demgegenüber stark ab. Auf den Stamm von Bolaños Roman „Stern in der Ferne“ pfropft Gosselin Exzerpte aus fünfzehn weiteren Texten diverser Natur auf, von Gedichten, Ansprachen und Manifesten über die Krimi-Parodie „Der Rattenpolizist“ bis zu einem Vortrag über Mallarmé und Baudelaire. Der Plot erdet, grob resümiert, die Tage vor und nach Pinochets Staatsstreich 1973, wie sie eine Gruppe linker Studenten erlebt, mit der Suche nach einem einst diesem Kreis zugehörigen Frauenmörder 1993, welcher zehn Jahre später endlich dank einer fiktiven Figur, die mit dem Autor Bolaño in eins fällt, identifiziert wird. Das Ganze bildet ein unverdautes und wohl selbst für Bewunderer des Chilenen unverdauliches dramatisches Palimpsest, das aufgrund der gewählten szenischen Mittel noch schwerer im Magen liegt: Die – glänzenden beziehungsweise schillernden – Darsteller werden live in lebensgroßen Kneipen oder Wohnungen gefilmt, die entsprechenden – demonstrativ lässig „geschnittenen“ – Aufnahmen auf drei Riesenbildschirme projiziert. Im Mittelteil dürfen Zuschauer gar in der Bühnenbar trinken und tanzen, derweil die Vorstellung zum Set zweier DJs weiterläuft.

Kurz: Gosselin setzt wie der einst in Frankreich mit starkem Widerhall rezipierte Frank Castorf auf Reizüberflutung und Überwältigung durch Überlänge. Viele französische Kritiker hypen ein Regie-Genie; für uns ist der 1987 geborene Gosselin bei aller Begabung einstweilen noch ein Raver und Schwärmer für eine sehr spezifische Art von Literatur, der seine postpubertäre Begeisterung für Beats und böse Bücher eher undiszipliniert und unreif auf der Bühne auslebt.

 Szene aus „Maldoror“Projektionen des Bösen: Szene aus „Maldoror“Christophe Raynaud de Lage

Wie unkompliziert wirkt da im Vergleich das Kammerstück „Haribo Kimchi“! Eine Seouler Hintergasse, ein Imbissstand, ein Koch: Jaha Koo bewirtet auf der Bühne zwei Zuschauer – und nährt so den Rest des Saals. Eine Salatschnecke, ein Gummibärchen und ein aus der Gefangenschaft entschlüpfter Aal steuern Tafelmusik bei: „Haribo Kimchi“ schmeckt umami und trocken-surreal. Das Ganze bildet eine Selbstsuche zwischen Ost und West mit Streiflichtern auf Südkoreas Geschichte und Gegenwart – das Koreanische ist dieses Jahr Gastsprache der größten Theaterfestspiele der Welt. Die Versenkung in die Historie wie ins eigene Ich betreiben noch zwei weitere Stücke aus unserer neun Produktionen zählenden Stichprobe. „Che dolore terribile è l’amore“ von Daria Deflorian adaptiert den letzten Roman der südkoreanischen Literaturnobelpreisträgerin Han Kang, „Thésée, sa vie nouvelle“ von Guy Cassiers den gleichnamigen letzten Roman des Franzosen Camille de Toledo. Doch trotz großartiger oder gar genialer Schauspielerinnen (letzteres Epitheton meint Valérie Dréville in „Thésée“) kranken beide Aufführungen an Texten, die zu blutlos blass sind, um zu berühren.

Wohingegen die belgische Schauspielergruppe STAN in „1, 2, 3 Poquelin“ derart sanguinisch bunt aufträgt, dass einem vor lauter Farbklecksen am Ende der viereinhalb Stunden nurmehr Pollock’sche Drippings vor dem geistigen Auge schwirren. Der Text, ein Patchwork von Molière-Szenen, trägt keine Schuld an dem – halben, weil immer wieder lustigen – Desaster. Aber die Direktheit und Improvisationslust, denen die Truppe ihren Ruf verdankt, bringen hier bloß eine Hanswurstiade hervor.

Herzversagen durch Depressionen

Wie packend wirkt demgegenüber „Ein Prozess“, Christiane Jatahys und Wagner Mouras Fortspinnung von Henrik Ibsens „Volksfeind“! Tomas Stockmann, so der originale Plot, findet heraus, dass das Wasser der Badeanstalt, die auf sein Drängen hin gebaut wurde, gesundheitsgefährdend ist. Als der Arzt sich anschickt, die Information publik zu machen, stehen Intelligenzija und kleinbürgerliche „kompakte Majorität“ erst geschlossen hinter ihm – bis sie ihn wie ein Mann fallen lassen. Drei Jahre später, imaginieren Jatahy und Moura, ist Frau Stockmann einem durch Depressionen verursachten Herzversagen erlegen, leben die beiden Buben nunmehr beim Großvater und wurde Stockmann, wie seine Tochter sagt, durch die ganze Stadtbevölkerung (abzüglich eines couragierten Kapitäns) „gecancelt“. Die beiden brasilianischen Regisseure, die im eigenen Land unlängst erleben mussten, wie Fakten durch „Versionen“ verdrängt und Wahrheiten als „Ansichten“ relativiert werden, lassen Verteidigung und Anklage für oder gegen den Badearzt plädieren. Dann stimmen elf designierte Zuschauer ab. Die Überraschung am Ende der besuchten Vorstellung: Immerhin vier Juroren verurteilten den Whistleblower als Volksfeind!

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