Wer definieren wollte, was einen guten Vater ausmacht, könnte die Sätze zitieren, die Rüdiger von Fritsch über seinen Vater Thomas schreibt: „Er war eine eindrucksvolle, umfassend gebildete Persönlichkeit, ein kluger Gesprächspartner ... Als wir klein waren, spielte er ideenreich mit uns und wusste wunderbare Geschichten zu erzählen, später nahm er intensiv Anteil an allem, was wir taten, und förderte uns, wo er nur konnte; als wir eigene Familien hatten, war er ein liebevoller, zugewandter Großvater.“
Zugleich war dieser Vater aber ein unverbesserlicher Nationalsozialist. „1928 war er, mit noch nicht einmal neunzehn Jahren, in die NSDAP eingetreten. Und bis zu seinem Tod 2006 war er nach seiner Auffassung Mitglied geblieben.“ Unbeirrt sprach Thomas von Fritsch von „unsrer herrlichen Bewegung“, und der Vorleser Frank Arnold scheut sich nicht, in diese Worte so viel Glut zu legen, dass man irritiert aufhorcht.
Der tückischen Argumentation des Vaters etwas entgegensetzen
Rüdiger von Fritsch, Jahrgang 1953, hat zuletzt als deutscher Botschafter in Warschau und Moskau amtiert. Seine Familienbiographie ist auch deshalb ein großes Hörerlebnis, weil sie die Formeln und Floskeln diplomatischen Sprechens vermeidet. Auch wenn er dem politischen Trotz des Vaters Verständnis entgegenzubringen versucht: „Er war ein Idealist, der bei einer Bewegung gelandet war, die zu ihrer Zeit richtig scheinende Antworten auf die Probleme von Staat und Gesellschaft bot, die seine Generation bedrängten.“
Als Jugendlichem machte es ihm aber sehr zu schaffen, dass die Auskünfte des Vaters nicht passten zu dem, was etwa in der Schule über das Dritte Reich vermittelt wurde. Aus dieser Kluft entstand sein eigenes historisches Interesse, das ihn zum Studium der Geschichte führte. Er wollte den tückischen Argumentationen des Vaters etwas entgegensetzen. Viel wurde über das große Schweigen nach dem Krieg geschrieben, über traumatische Erfahrungen, die sich nicht in Worte fassen ließen, und über Schuld, die den Worten gezielt aus dem Weg ging. In der Familie von Fritsch gab es dagegen ein unermüdliches Streitgespräch, in dem Vater und Sohn um die Deutungshoheit rangen.
Cover zum Hörbuch „Die Geschichte in mir“DAVFrank Arnolds ernster, eindringlicher Ton vermittelt gut, wie sich Rüdiger von Fritsch ausdauernd um ein lebbares Verhältnis zu seinem Vater bemühen musste, bei dem die Zuneigung zum Menschen mit der Abneigung gegenüber der in der Jugend eingetränkten Ideologie auszubalancieren war. Das ist das Faszinierende an dieser Geschichte, wodurch sie sich von zahlreichen Abrechnungen mit Nazi-Vätern unterscheidet: das Aushalten der Ambivalenzen und der Widersprüche. Auch Frank Arnold muss diese Balance in seiner Lesung wahren und vieles aus der väterlichen Gedankenwelt nicht mit antifaschistischen Anführungszeichen, sondern mit jener suggestiven Kraft sprechen, die die Äußerungen des Vaters im Familienkreis hatten.
Um diese mit der historischen Wahrheit zu kontrastieren, wird die Familien- zugleich zur Geschichtserzählung. Vor allem bietet Rüdiger von Fritsch viel Hintergrundwissen über das Baltikum, woher die mütterliche Linie seiner Familie stammt. Nach den Vereinbarungen des Hitler-Stalin-Pakts wurde es zunächst von der Sowjetunion besetzt, die zahlreiche Vertreter der politischen, wirtschaftlichen und intellektuellen Elite liquidierte. Von Fritsch beschreibt, wie die Deutschbalten 1940 umgesiedelt wurden in den neuen Reichsgau Wartheland, in Häuser, aus denen kurz zuvor die polnischen Besitzer vertrieben worden waren. Als dann die Wehrmacht mit dem Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion das Baltikum wieder „befreite“, konnten die Baltendeutschen zurückkehren.
Die dunkelsten Zonen in der Biographie des Vaters
Thomas von Fritsch, dessen Familie aus Dresden stammte, übte während der deutschen Besatzung in Kaunas ein hohes Verwaltungsamt aus. Begeistert von ihrem charismatischen jungen Chef war seine Sekretärin Annie von Hahn, die ihn über Weihnachten zu sich nach Hause einlud, wo er sich in die Tochter Astrid verliebte, die spätere Mutter des Erzählers. Dort, wo diese junge Liebe aufblühte, hatten kurz zuvor Pogrome und Massenerschießungen stattgefunden, denen 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung zum Opfer fielen.
Treibende Kraft waren der SS-Standartenführer Karl Jäger und sein „Rollkommando Hamann“, das monatelang die Dörfer und Städte Litauens heimsuchte und mithilfe einheimischer „Partisanen“ sämtliche Juden ermordete. Jäger hat die genauen Zahlen in einem neunseitigen Bericht aufgelistet, der zu den Schlüsselzeugnissen des Holocaust gehört. Rüdiger von Fritsch hat seinen Vater mit dem „Jäger-Bericht“ konfrontiert; er hat ihn als „schlecht gemachte“ Fälschung abgetan. Er hatte selbst in Kaunas Kontakt mit Jäger, wollte aber nichts über dessen Taten gewusst haben. Hier sind die dunkelsten Zonen in der Biographie des Vaters erreicht.
Rüdiger von Fritschs Vater übte während der deutschen Besatzung im litauischen Kaunas ein hohes Verwaltungsamt aus. Von den Massakern, die das „Rollkommando Hamann“ in Litauen verübte, will er nichts gewusst haben.Picture AllianceNach dem Krieg tauchte er erst einmal unter, um der Auslieferung an die Sowjetunion zu entgehen. Seiner Frau ließ er eine gefälschte Urkunde zukommen, die seinen „Heldentod“ als Kompanieführer der SS-Panzerdivision „Frundsberg“ bescheinigte. Er legte sich eine neue Identität zu, machte ein zweites Mal das Abitur, studierte Chemie und arbeitete als Geschäftsführer einer Likörfabrik – es hat etwas von einem Schelmenroman. Die Ehe der Eltern beschränkte sich drei Jahre lang auf heimliche Treffen, bis Thomas von Fritsch die Maskerade nicht mehr für nötig hielt. Auch später ist der Vater noch gut für überraschende Winkelzüge. Als der Sohn sich um 1968 dem Look der Protestkultur anschließt und das Haar lang wachsen lässt, hält der Vater das für „eine gute Idee“. Denn: „Lange Haare seien bei den Germanen das Zeichen des freien Mannes gewesen.“ Kein Zweifel, dieses Hörbuch hat auch seine humoristischen Momente, die Frank Arnold mit schöner Trockenheit akzentuiert.
Auch wenn die Auseinandersetzung mit dem Vater dominiert – „Die Geschichte in mir“ ist ein breit aufgestelltes Familienpanorama, dem es nicht an romanhaften oder prominenten Existenzen mangelt, darunter die Patentante Doro, die um 1930 mit einem Segelboot den Atlantik überquerte. Oder der berühmte Onkel Generaloberst Werner von Fritsch, der Oberbefehlshaber des Heeres war, aber 1938 Bedenken gegen Hitlers Kriegspläne äußerte und deshalb mittels einer Intrige von seinem Posten entfernt wurde.
Zur Authentizität des Hörbuchs tragen viele Passagen aus Familiendokumenten bei, vor allem die Briefe der Großmutter Annie von Hahn über den Alltag in Litauen während des Kriegs und Gesprächsprotokolle mit der Mutter, die nach den Schrecken der Flucht vor der Roten Armee noch den Feuersturm in Dresden erlebte. Nicht zuletzt ist diese Familienbiographie eine Hommage auf die untergegangene Welt der Baltendeutschen.
Seit Kurzem ist die NSDAP-Mitgliederkartei mit ein paar Klicks zugänglich. Jeder kann sich nun davon überzeugen, ob Opa vielleicht doch ein Nazi war. Viele Deutsche haben da in den letzten Monaten unerwartete Entdeckungen gemacht. Wie damit umgehen? Bei Rüdiger von Fritsch kann man es lernen. Deshalb ist „Die Geschichte in mir“ ein Hörbuch der Stunde.
Rüdiger von Fritsch: „Die Geschichte in mir“. Eine deutsche Familie im 20. Jahrhundert. Ungekürzte Lesung mit Frank Arnold. Der Audio Verlag, Berlin 2026. 613 Min., Download, 24,95 Euro.

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