„The Hack“ bei Arte: Die Licht- und Schattenseiten des Mediendschungels

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Nick Davies war ein Jungspund, als zwei Reporter der „Washington Post“ 1972 den „Watergate-Skandal“ aufdeckten, und es ging ihm wie vielen, die das Wirken der Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein und der erzwungene Rücktritt des amerikanischen Präsidenten Richard Nixon elektrisierten: Spätestens nach der Verfilmung mit Dustin Hoffman und Robert Redford träumten sie selbst von einer Zukunft als Investigativjournalist.

Davies hat diesen Traum gelebt. Er hat sich in den vier Jahrzehnten seines Reporterlebens ab 1976 in zahllose Skandale verbissen, und zweimal wurde er auch zur Fernsehfigur: erst im Wikileaks-Film „Die fünfte Gewalt“ und nun, viel ausführlicher, im ITV-Drama „The Hack“, das manchmal zwar ins Pathos rutscht, aber zum fesselnden Sittengemälde gerät.

„The Hack“ rekonstruiert, wie der Freiberufler Davies (David Tennant) mit einem Bombardement von Artikeln für den „Guardian“ ein Flaggschiff des Medienzaren Rupert Murdoch versenkte. Das Boulevardblatt „News of the World“, die auflagenstarke Sonntagsschwester der „Sun“, ließ jahrelang die Anrufbeantworter von Promis und Tausenden Bürgern abhören. Selbst die Mailbox eines ermordeten Mädchens wurde gehackt.

Hochrangige Polizisten traten zurück

Nach den Enthüllungen von Davies setzte Murdoch im Sommer 2011 nicht nur ganzseitige Entschuldigungsanzeigen auf: Er machte das Blatt dicht. Journalisten wie der einstige Chefredakteur Andy Coulson (Mark Stobbart) kamen vor Gericht und wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Hochrangige Polizisten traten zurück, weil es verschleppte Ermittlungen und Bestechungsvorwürfe gab.

„The Hack“ dreht sich also um Journalismus in seiner edelsten und schändlichsten Form. Aber auch um das Verhältnis zwischen Presse und Polizei. Unter anderem überschneidet sich die Geschichte des Skandals mit der Geschichte eines ungeklärten Mordfalls aus den Achtzigerjahren. Der Serienschöpfer Jack Thorne („Adolescence“) verwebt die Recherchen von Davies deshalb mit jener des Polizisten Dave Cook (Robert Carlyle), der mit dem „cold case“ befasst ist – und einen hohen privaten Preis für sein Interesse am Tod eines Privatermittlers bezahlt.

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Es braucht seine Zeit, bevor wir den Sinn dieser wohl auf die Verhaftung von Cook hinauslaufenden Parallelhandlung begreifen. „The Hack“ holt weit aus und baut auf Zuschauer, die mitdenken möchten. Der beste Einfall besteht darin, dass Nick Davies immer wieder die „vierte Wand“ durchbrechen und als Erzähler auftreten darf. Diese Ansprache des Publikums, die man auch aus Serien wie „House of Cards“ kennt, bringt etwas Witz in die endlose Folge von ernsten Telefonaten und Informantengesprächen. Einmal taucht sogar eine Mariachi-Band neben Davies auf und verstärkt trötend den Jubel über eine Erkenntnis.

Der Schauspieler David Tennant, bekannt aus „Dr. Who“ und „Broadchurch“, versteht sich auf diesen Spagat. Er mimt Davis sensibel und doch mit einem Hauch von Ironie, während Toby Jones als verknautschter Alan Rusbridger, Chefredakteur des „Guardian“, zu sehen ist. Letzteres passt nicht so recht, denn Jones muss zu viele Plattitüden aufsagen.

Die erste Beschäftigung mit den Machenschaften von „News of the World“ geht bei Nick Davies auf das Buch „Flat Earth News“ zurück, in dem er 2008 den Niedergang des britischen Journalismus beklagt und Blätter erwähnt, die auf kriminelle Weise mit Privatdetektiven zusammenarbeiten. In „The Hack“ sitzt Stuart Kuttner (Pip Torrens), der amtierende Chefredakteur der „News of the World“, Davies in einer Radiosendung zum Buch gegenüber und redet den Vorwurf zum bedauerlichen Einzelfall klein: „Der Reporter wurde entlassen, er kam ins Gefängnis, der Redakteur kündigte.“

Zugriff auf die Sprachbox von Angestellten von Prinz William

Tags darauf erhält Davies den Anruf eines Radiohörers, der ein geheimes Treffen vorschlägt. Der Mann kennt den in der Sendung angesprochenen Fall: Ein Privatdetektiv namens Glenn Mulcaire und der Hofberichterstatter Clive Goodman von „News of the World“ hatten sich Zugriff auf die Sprachbox von drei Angestellten des Prinzen William verschafft. 2006 wurden die beiden verhaftet und zu kurzen Strafen verurteilt.

Außerdem weiß er, dass Mulcaire in der Gerichtsverhandlung fünf weitere abgehörte Menschen erwähnte. Und nun klage einer von ihnen gegen „News of The World“, das ist sein Hinweis: „Diese fünf sind nur die Spitze des Eisbergs. Telefone zu hacken, ist bei der ,News of the World‘ endemisch.“ Man höre ab und beschaffe sich im Nachhinein legale Belege für das Gehörte.

Der rätselhafte Informant, der anonym bleiben will, was die Serie durch wechselnde Schauspieler beim ersten Händeschütteln betont, kann Davies sogar die Technik erklären. Er berichtet von Beweismaterial bei Scotland Yard. Und er zeigt auch auf den konservativen Politiker David Cameron – der den früheren Chefredakteur der Zeitung, Andy Coulson, nach dessen Kündigung 2007 als Berater angestellt hat.

Die Polizei, dein Freund und Helfer? Robert Carlyle als Polizei-Chef Dave CookDie Polizei, dein Freund und Helfer? Robert Carlyle als Polizei-Chef Dave CookITV

Davies, der seine Berufung zum Journalisten auch mit Ohnmachtserfahrungen in der Kindheit erklärt – das wirkt mitunter überbetont –, begreift die Brisanz. Er darf nicht wissen, wer genau hier zu klagen gedenkt, findet aber zu einer Anwältin (Rose Leslie), die involviert zu sein scheint.

Den weiteren Verlauf zeichnet „The Hack“ so kleinteilig nach, dass Adrenalin-Junkies bald aussteigen dürften. Alle anderen denken mit Schrecken daran, wie groß die Versuchung für manche Medien heute sein muss – in einer von Smartphones, sozialen Netzwerken und bis in die Gesundheitsakten digital gewordenen Welt.

Für Nick Davies, der sich nebenher auch noch mit der Enthüllung von US-Geheimnissen durch Wikileaks befasst (er war es, den Julian Assange 2010 kontaktiert hat), ist diese Geschichte ein Denkmal. Der Druck, den Investigativjournalisten wie er aushalten müssen, der Gegendruck, der sich erzeugen lässt, wenn Redaktionen wirklich hinter ihren Journalisten stehen oder gar Bündnisse mit anderen Medien wie der „New York Times“ geschlossen werden: „The Hack“ spielt es engagiert durch und vergisst nicht, was Recherchefehler bei solchen Projekten bedeuten können. Auch den Hinweisgebern, Anwälten und den vom Hacking betroffenen Opfern merkt man die Anspannung an. Ihr Gegner ist spürbar zum Fürchten.

Sieben Folgen hat „The Hack“, und vor allem gegen Ende zieht das Erzähltempo sichtbar an. Beim Abspann kennen wir nicht nur die Urteile, die einige Angeklagte kassierten und andere nicht – sondern auch den Leveson-Untersuchungsausschuss, vor dem etwa Rupert Murdoch (Steve Pemberton) aussagen muss.

2012 legte dieser Ausschuss einen umfassenden Bericht zum Geschehen vor. Die wichtigste Empfehlung aber, die Schaffung eines unabhängigen und doch gesetzlich verankerten Presserats, wurde in den konservativen Regierungsjahren unter David Cameron und seinen Nachfolgern nicht umgesetzt. Und der geplante zweite Teil, der Verfehlungen der Polizei untersuchen sollte, nahm niemals die Arbeit auf.

The Hack läuft von Freitag an in der Arte-Mediathek.

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