Regisseur Mehdi Charef: Das Leben in den Vorstädten

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Zwei Jugendliche in einer Pariser Vorstadt. Madjid möchte Fahrlehrer werden, wird aber vom Arbeitsamt ausgebremst, weil er kein Franzose ist. Pat ist von zu Hause ausgerissen und lebt in wechselnden Hochhauskellern. Die beiden schlagen sich mit Diebstählen und Betrügereien durch, und obwohl ihre Zukunft im Milieu der Drogen- und Alkoholabhängigen, Prostituierten und Dauerarbeitslosen sich zusehends verfinstert, erleben sie einen Moment des Glücks, als sie mit Freunden in einem geklauten Wagen ans Meer fahren. Sie blicken träumerisch ins Weite, doch am anderen Ende des Strands wartet schon die Polizei.

 Szene aus „Tee im Harem des Archimedes“Zwei Freunde in der Vorstadt: Szene aus „Tee im Harem des Archimedes“picture alliance/United Archives

Das ist „Tee im Harem des Archimedes“, der Film, mit dem Mehdi Charef vor gut vierzig Jahren berühmt wurde, nachdem er beim Festival in Cannes einen Nachwuchspreis gewonnen hatte und sein Werk in vielen europäischen Ländern erfolgreich im Kino lief. Zuvor hatte Charef, der wie seine Helden ein Kind der Vorstadt war, als Scherenschleifer in einer Fabrik gearbeitet und in seiner Freizeit einen autobiographischen Roman geschrieben: „Le thé au harem d' Archi Ahmed“. Der seinerzeit berühmte Regisseur Costa-Gavras, den er zufällig traf, empfahl ihm, das Buch zu verfilmen. Der Außenseiter bekam seine Chance und ergriff sie.

„Tee im Harem des Archimedes“ war ein Türöffner für viele andere Filme, die seither über das Leben und die Mentalität in den französischen Vorstädten gedreht wurden, etwa „La haine“ (Hass) von Matthieu Kassovitz, „Les misérables“ (Die Wütenden) von Ladj Ly und nicht zuletzt der Kassenschlager „Ziemlich beste Freunde“ mit Omar Sy. Aber für den Regisseur und Romanautor Mehdi Charef erwies sich der Film als zwiespältiger Segen, denn sein Erfolg legte ihn auf ein Thema fest, das er eigentlich hinter sich hatte. So drehte er „Miss Mona“ (1987), das Drama eines Transsexuellen, der mit seinem greisen Vater in einem Wohnmobil am Rand der Metropole lebt, und „Camomille“ (1988), eine Liebesgeschichte mit sozialkritischen Obertönen, ohne wieder ganz die Intensität seines Regiedebüts zu erreichen.

Dennoch hatten diese Filme, zu denen auch „Ein Tag und eine Nacht“ (1992) und „Frei wie ein Vogel“ (1995) gehören, eine Wahrhaftigkeit, die man etwa im komödienseligen deutschen Kino jener Jahre schmerzlich vermisste. Wenn er nicht am Drehen war, schrieb Charef weitere Romane, von denen er einen, „La maison d'Alexina“ von 1999, auch verfilmte. Sein letztes Buch, 2021 erschienen, hieß „La cité de mon père“, „Die Stadt meines Vaters“, und erzählt von Charefs Kindheit in Nanterre. Mit ihm endete die autobiographische Trilogie, die mit der Vorlage zu „Tee im Harem des Archimedes“ begonnen hatte. Jetzt ist Mehdi Charef im Alter von 73 Jahren gestorben.

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