Unter dem Titel „Aliens“ veröffentlichte das Weiße Haus vor zwei Wochen eine neue, offizielle Website. Die Seite „whitehouse.gov/aliens/“ baut sich langsam auf: Grellgrüne Schrift erscheint Wort für Wort vor schwarzem Sternhimmel, als würde eine geheime Botschaft entschlüsselt. Vorausgegangen waren der Veröffentlichung wochenlange Ankündigungen der Trump-Regierung, die Deklassifizierung streng geheimer „Alien Files“ der CIA stünde bevor. Geheimdienstliche Aufzeichnungen über extraterrestrisches Leben sollten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Anfang Mai wurden tatsächlich einige entsprechende Akten veröffentlicht, was die Erwartungen unter Ufo-Enthusiasten und Verschwörungsgläubigen anheizte.
Die offizielle Website knüpft an die Bildwelten der Ufo-Verschwörungskultur an. „They walk among us“ – „Sie wandeln unter uns“ – lautet die erste Botschaft. Erst beim Weiterlesen wird schrittweise klar, dass es nicht um Außerirdische geht. Die Seite spricht von „kleinen grünen Männchen“, die längst in großen Zahlen da seien, nur um überraschend aufzulösen: Gemeint sind Menschen, genauer gesagt Migranten ohne regulären Aufenthaltsstatus. Am Ende präsentiert die Seite eine „Alien Arrest Map“, die angebliche „Alien Encounters“ verzeichnet; es handelt sich dabei um eine fortlaufend aktualisierte Karte von Verhaftungen durch die Einwanderungspolizei ICE. Eine knallrote Box fordert dazu auf, „verdächtige Aliens“ per Mausklick an ICE zu melden. Die abschließende Botschaft lautet: „Secure the border. Deport them all.“
Assoziationen von Infiltration, Geheimhaltung, Bedrohung
Die politische Brisanz dieser Website liegt nicht allein in ihrer migrationsfeindlichen Botschaft. Massenabschiebungen gehören längst zum festen Repertoire der Trump-Regierung. Neu ist vielmehr die kommunikative Technik, mit der diese Botschaft inszeniert wird. Die Seite macht sich die Doppelbedeutung des englischen Wortes „alien“ zunutze, das sowohl „Fremder“ als auch „Außerirdischer“ bedeuten kann. Zwar gehört der Begriff „illegal alien“ seit Jahrzehnten zum Vokabular amerikanischer Einwanderungsdebatten. Neu ist jedoch die gezielte Aktivierung der zweiten Bedeutung des Wortes.
die „Alien“-Website zeigt, wie die kulturellen Werkzeuge von Verschwörungsmilieus und Meme-Kulturen heute in den Dienst autoritärer Staatsmacht gestellt werden.whitehouse.gov/aliensDurch die wochenlange Inszenierung angeblicher „Alien Files“ wird das Publikum zunächst auf die Vorstellung extraterrestrischer Besucher eingestimmt. Dies weckt gezielt Assoziationen von Infiltration, Geheimhaltung, Bedrohung, Unbekanntem aus einer anderen Welt. Darauf aufbauend verschiebt die Seite den Bezugspunkt dieser Vorstellungen von Außerirdischen auf Migranten.
Die Wirkung dieser Verschiebung entfaltet sich nicht auf der Ebene politischer Argumente, sondern in kulturellen Imaginationen. Eingewanderte Menschen erscheinen nicht als Nachbarn, Kolleginnen, Eltern oder Arbeitskräfte, sondern als Fremdwesen, die unerkannt unter den Menschen leben. Die Logik dieser Verschiebung wird an einer zentralen Passage der Seite besonders deutlich. Dort heißt es: „They’ve shopped in the same stores, attended the same classes as our children, and lived seemingly normal human existences.“ – „Sie haben in den gleichen Läden eingekauft, die gleichen Klassen wie unsere Kinder besucht und scheinbar normale menschliche Leben geführt.“
Als bedrohlich gilt ihre Existenz selbst
Die Formulierung verrät den eigentlichen Kern der Inszenierung. Nicht – wie in so vielen abwertenden Diskursen über Migration – wird das Verhalten der Migranten als bedrohlich markiert. Im Gegenteil: Sie kaufen ein, gehen zur Schule und führen Familienleben. Als bedrohlich gilt vielmehr ihre Existenz selbst, ihre scheinbare Normalität, hinter der sich etwas grundsätzlich Fremdes, Nichtmenschliches verberge. Aus Menschen, selbst aus Kindern, werden bedrohliche Wesen einer anderen Kategorie.
Die politische Funktion solcher Darstellungen ist historisch gut bekannt. Gewalt gegen Menschen wird leichter akzeptiert, wenn ihnen zuvor symbolisch die Menschlichkeit abgesprochen wird. Die Geschichte des Antisemitismus, des Rassismus, des Kolonialismus und der faschistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts ist reich an solchen Figuren: der Parasit, das Ungeziefer, der Eindringling, die verborgene Gefahr im Inneren. Die Figur des Außerirdischen fügt diesem Repertoire eine zeitgenössische Variante hinzu.
Wer die Seite kritisiert, hat den „Witz“ nicht verstanden
Bemerkenswert ist dabei auch die Form, in der diese Entmenschlichung heute auftritt. Die neue Website wirkt nicht wie klassische Staatskommunikation. Sie erinnert weder an die vorsichtig gewählte Sprache der Diplomatie noch an das Pathos traditioneller Propaganda. Stattdessen verbindet sie Verschwörungsnarrative, Internet-Humor und Denunziationsaufrufe zu einer Kommunikationsform, die unmittelbar aus den digitalen Subkulturen der Plattformen zu stammen scheint. Das Spiel mit der Doppelbedeutung des Wortes „Alien“ folgt der Logik des Trollings: Es lebt von der kalkulierten Mehrdeutigkeit, von der Lust an der Provokation und von der Möglichkeit, jede Kritik als Überreaktion erscheinen zu lassen. Wer die Seite kritisiert, hat den „Witz“ nicht verstanden; wer ihn versteht, weiß genau, dass seine Botschaft auf echter Destruktionslust beruht.
Diese Form der Kommunikation ist kein Zufall. Seit Trumps zweiter Amtszeit führt die politische Sprache seiner Regierung die Codes der sozialen Medien und anonymen Internetforen in den politischen Alltag ein. Politiker und Regierungsstellen verbreiten regelmäßig strategisch unsachliche, oft KI-generierte Bildmontagen, die bewusst mit Provokationen, Grenzüberschreitungen und kulturellen Abwertungen arbeiten. Auch die „Alien“-Kampagne wurde von entsprechenden Beiträgen auf sozialen Plattformen begleitet. Die politische Raffinesse dieser neuen Propagandaform liegt darin, dass die Regierung soziale Medien nicht mehr bloß als Kanal nutzt, sondern ihre Logik und Ästhetik übernimmt. Die Grenzen zwischen staatlicher Verlautbarung, politischer Agitation, Kampagne und geschmacklosem Scherz werden systematisch verwischt.
Das Weiße Haus übernimmt nicht nur Sprache und Ästhetik der Plattformen
Gerade darin liegt die eigentliche Eskalation. Die Meme-Kultur und ihre Logiken entstanden ursprünglich in den halb anonymen Räumen des Internets, in denen Zynismus und Mehrdeutigkeit davor schützen, Verantwortung für eine Provokation oder Grenzüberschreitung übernehmen zu müssen. Die „Alien“- Website überträgt dies nun in den institutionellen Raum des Staates. Das Weiße Haus übernimmt nicht nur die Sprache und Ästhetik der Plattformen, sondern verbindet sie unmittelbar mit Regierungsstrukturen und staatlicher Macht.
Die Seite lädt ihre Besucher nicht lediglich dazu ein, eine menschenfeindliche Botschaft zu teilen oder weiterzuverbreiten. Sie fordert sie dazu auf, Menschen bei staatlichen Behörden zu melden. Wo das Trolling früher einfach nur Aufmerksamkeit erzeugte, soll es nun Verwaltungshandeln auslösen. Die digitale Kultur der Provokation wird damit zu einem Instrument staatlicher Gewalt.
Genau deshalb ist die „Alien“-Website mehr als eine geschmacklose Provokation. Sie zeigt, wie die kulturellen Werkzeuge von Verschwörungsmilieus und Meme-Kulturen heute in den Dienst autoritärer Staatsmacht gestellt werden. Offizielle Sprache beginnt, bestimmte Menschen symbolisch aus der Gemeinschaft herauszulösen; anstatt diese Ausgrenzung zu begrenzen, organisieren staatliche Institutionen sie selbst mit. Wer verstehen will, wie demokratische Gesellschaften in faschistische Dynamiken geraten können, findet auf dieser Website des Weißen Hauses derzeit ein aufschlussreiches Beispiel.
Daniela Hombach ist Wissenschaftsphilosophin und forscht zu den Themen Online-Kultur und digitale Körperpolitiken.Rainer Mühlhoff ist Professor für Ethik und kritische Theorien der Künstlichen Intelligenz an der Universität Osnabrück.

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