Der Kontaktabbruch zu den eigenen Eltern gehört zu den vielleicht letzten gesellschaftlichen Tabus. Denn während streitende oder zerrüttete Familien längst kein Skandal mehr sind, gilt der vollständige Rückzug nach wie vor als drastische, als allerletzte Maßnahme. In dieser Hinsicht beginnt der italienische Autor Andrea Bajani seinen Roman „Der Jahrestag“ mit einem Paukenschlag: Da besucht der Ich-Erzähler seine Eltern, so wie er es in den Jahren seit seinem Auszug von zu Hause immer wieder regelmäßig getan hat. Nichts Außergewöhnliches fällt vor, dennoch wird das gemeinsame Mittagessen das letzte sein: „An jenem Tag vor zehn Jahren habe ich meine Eltern zum letzten Mal gesehen. Seitdem habe ich die Telefonnummer, die Wohnung, den Erdteil gewechselt und eine unüberwindliche Mauer errichtet, habe einen Ozean zwischen uns gelegt. Es waren die zehn besten Jahre meines Lebens.“

vor 5 Stunden
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