Terroranschläge: War der 11. September der Anfang von Trump?

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Der 11. September war ein Riss in der Zeit, der Anfang vom Ende des Endes der Geschichte. Ich war an diesem Tag in New York City, allerdings nicht in Downtown. Erst kurz davor war ich aus Kalifornien hergezogen, nachdem ich meine Dissertation über futuristische Lyrik aus Polen eingereicht hatte, und wohnte in einem kleinen, noch leeren Apartment an der Columbia University.

Eigentlich hatte ich vorgehabt, den Vormittag in Downtown zu verbringen, genauer gesagt in der Nähe des World Trade Center, denn das war die U-Bahn-Station, die der Wohnung meiner Tante und meines Onkels in Battery Park City am nächsten lag. Ich hatte jedoch erfahren, dass ich als neue Postdoktorandin an einer Universitätsveranstaltung teilnehmen musste, und so verschob ich das Treffen mit meiner Tante auf den nächsten Tag.

Stundenlang starrte ich wie gelähmt an die Decke

Für das World Trade Center sollte es diesen nächsten Tag natürlich nicht geben. Mein Bruder rief mich an, kurz nachdem das zweite Flugzeug in die Zwillingstürme gekracht war. Anfangs verstand ich nicht, was er redete. Ich schaltete den Computer ein: Die erste Nachricht, die mich erreichte, kam von einer Freundin aus Moskau; sie hatte alles zeitgleich erfahren. Die Berichterstattung war global. Stundenlang starrte ich wie gelähmt an die Decke. Dann ging ich aus dem Haus und durchstreifte die Upper West Side, vom Krankenhaus zur Synagoge und weiter zur Kirche, auf der Suche nach einer Stelle zum Blutspenden.

Passanten die sich in der Nähe des World Trade Centers befanden, liefen entsetzt in Richtung Brooklyn Bridge.Passanten die sich in der Nähe des World Trade Centers befanden, liefen entsetzt in Richtung Brooklyn Bridge.Fricke, Helmut

Irgendwann stand ich in einer langen Schlange, was sich als sinnlos herausstellte, denn als ich endlich an der Reihe war, wollte man mein Blut nicht haben: Ich wusste nicht mehr, welche Blutgruppe ich habe, und war außerdem zu lange im Ausland gewesen. Die Pflegekraft nahm meinen Namen und meine Kontaktdaten auf und notierte, dass ich aus slawischen Sprachen übersetzen könnte – eine in diesem speziellen Kontext nutzlose Fähigkeit.

„Versuch’s, die verstümmelte Welt zu besingen“

In den darauffolgenden Tagen veröffentlichte der „New Yorker“ ein Gedicht mit besonderer Strahlkraft, es stammt von dem polnischen Dichter Adam Zagajewski: „Spróbuj opiewać okaleczony świat“, „Versuch’s, die verstümmelte Welt zu besingen“:

Du hast die Flüchtlinge gesehen, die nirgendwohin gingen
Du hast die Henker gehört, die fröhlich sangen
Du solltest die verstümmelte Welt besingen
Denke an die Augenblicke, als ihr beisammen wart in dem weißen Zimmer, und die Gardine sich bewegte

Das traf es auf den Punkt. Was gab es sonst noch zu sagen? Ich wartete darauf, dass der Rest von New York City in die Luft flog. Ich spürte, dass es so kommen würde, dass dies das Ende war, und fühlte mich wie versteinert, wie festgewachsen.

* * *

Dies war das erste von drei Malen in meinem Leben, dass eine Katastrophe historischen Ausmaßes mich derart lähmte, dass ich nicht wusste, wie die Welt sich weiterdrehen sollte. Das zweite Mal folgte keine 15 Jahre später, im November 2016, als ich in New Haven, Connecticut, die Ergebnisse der amerikanischen Präsidentschaftswahlen verfolgte.

„Professor Shore, kommt das wieder in Ordnung?“

Am nächsten Tag schien es mir undenkbar, dass meine Studierenden in Yale zum Seminar erscheinen würden: Die Welt ging unter. Aber sie waren da, sogar früh, und erwarteten mich mit blutunterlaufenen Augen. Der erste, der das Wort ergriff, war ein Sportlertyp mit sensiblem Intellekt. Er fragte: „Professor Shore, kommt das wieder in Ordnung?“ Und ich konnte ihn nicht beruhigen: Ich ahnte, dass die Antwort „Nein“ lautete, dass nichts in Ordnung kommen würde.

Das dritte Mal ereignete sich sechseinhalb Jahre später, als der 24. Februar 2022 in die Geschichte einging – obwohl es für mich eigentlich der 23. Februar war, denn 4 Uhr morgens in Kiew war 9 Uhr abends in New Haven, und ich war viel zu wach für den Beginn des dritten Weltkriegs. Tagelang starrte ich auf den Computerbildschirm und sog die Nachrichtenflut auf. Ich verfolgte das Geschehen zusammen mit ukrainischen Freundinnen und Freunden in New Haven, darunter einer meiner Doktoranden in Yale, Yevhenii Monastyrskyi, der selbst aus dem Donbass stammt.

Die amerikanische Historikerin Marci ShoreDie amerikanische Historikerin Marci ShoreRostyslav Kostenko

Ein Zeitpunkt zwischen verschiedenen Gräueltaten

Im Jahr 2014, ganz am Anfang dieses „Streits in einem fernen Land zwischen Völkern, von denen wir nichts wissen“, war er in seiner Heimat Luhansk gefangen genommen und von einem russischen Soldaten gefoltert worden. Danach ließ er sich die Worte Adam Zagajewskis in polnischer Sprache auf seinen rechten Arm tätowieren: opiewaj okaleczony świat. Versuch’s, die verstümmelte Welt zu besingen.

Eineinhalb Jahre später verbrachte ich die Tage nach dem 7. Oktober mit Lyrikerinnen aus der Ukraine, Rumänien, Moldawien, Nordmazedonien und anderen Ländern bei einem Literaturfestival im siebenbürgischen Sibiu. Es war ein Zeitpunkt zwischen verschiedenen Gräueltaten: jenen von der Hamas verübten, die noch niemand verarbeitet hatte, und den Vergeltungsschlägen des israelischen Militärs, die sich bereits am Horizont abzeichneten. Ich wusste nicht, was ich meinen Studierenden schreiben sollte, von denen viele enge Beziehungen pflegten zu Menschen aus Israel und Palästina, oft auch beiden. Schließlich schickte ich ihnen „Versuch’s, die verstümmelte Welt zu besingen“.

Was sonst gab es zu sagen?

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Als im November 2024 die US-Präsidentschaftswahlen stattfanden, fühlte ich mich teilweise wie betäubt. Die Geschichte hat ein ewiges Regressionsproblem: Man beginnt nie mit einer Tabula rasa. Jeder historische Moment ist durch das zuvor Gewesene bedingt. Allen Ausgangspunkten wohnt ein Element der Willkür inne. Und Schriftstellerinnen wissen, dass der Ort, an dem man die Geschichte einsetzen lässt, den Erzählbogen formt.

„Das lässt sich alles auf Monica Lewinsky zurückführen“, erklärte einer meiner älteren Yale-Kollegen im Februar 2016. Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass Trump ernsthaft als republikanischer Präsidentschaftskandidat gehandelt wurde und dass die faschistischen Mechanismen, die in die Mainstream-Politik Einzug erhielten, als Sarah Palin als Vize an der Seite von John McCain kandidierte, auch von Barack Obamas Sieg im Jahr 2008 nicht begraben worden waren.

„Monica Lewinsky?“, fragte ich.

Seine Überlegung lautete wie folgt: Ohne die Affäre mit Monica Lewinsky, die im Dezember 1998 zur Amtsenthebung Bill Clintons führte, hätte Al Gore die Präsidentschaftswahlen 2000 trotz der an den Drittkandidaten Ralph Nader verlorenen Stimmen mit Leichtigkeit gewonnen. Dann wäre Gore am 11. September Präsident gewesen, und im Gegensatz zu Bush wäre Gore nicht in den Irakkrieg gezogen, der den Nahen Osten destabilisierte, enorme Ressentiments gegen die USA schürte und einen Präzedenzfall für Folterungen durch amerikanische Soldaten in Abu Ghraib schuf.

Die Geschichte ist voll von solchen Zufälligkeiten

Gore hätte kein Gefangenenlager in Guantánamo Bay eingerichtet, in dem weder Habeas Corpus noch Rechtsstaatlichkeit im weiteren Sinne galten. So aber hätten überhaupt erst politische Spielräume für Sarah Palin entstehen können sowie die Voraussetzungen dafür, dass Obama seine „rote Linie“ in Syrien nicht einhalten konnte, und schlussendlich auch für die Flüchtlingskrise in Europa.

Da war er, der Schmetterlingseffekt. Der Verlauf der Geschichte ähnelt oft den nicht linearen Funktionen in der Mathematik, wie mir mein Teenager-Sohn kürzlich beigebracht hat: Eine kleine Veränderung des X-Werts führt zu einer großen Veränderung des Funktionswerts. Die Geschichte ist voll von solchen Zufälligkeiten.

Hätten die Schüsse, die der Rechtsextremist Yigal Amir im November 1995 auf den israelischen Premierminister Yitzhak Rabin abfeuerte, ihr Ziel verfehlt, wäre die Welt heute nicht dieselbe. „Rabins Blut klebt an Netanjahus Händen“, sagte der israelisch-amerikanische Historiker Omer Bartov kürzlich in einem Interview. „Netanjahu war der Hauptnutznießer eines der erfolgreichsten politischen Morde des 20. Jahrhunderts.“

Israel ist ein Land, das einem das Herz bricht, immer und immer wieder.

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Die Geschichte ist randvoll mit Irrationalität, Willkür und Zufall.

Mein Schwiegervater, ein rüstiger, pensionierter Tierarzt, der sich sonst für sein Alter einer hervorragenden Gesundheit erfreut, musste sich kürzlich einen Herzschrittmacher einsetzen lassen. Die OP verlief gut, trotzdem machte meine dreizehnjährige Tochter sich Sorgen um ihren Großvater. Etwa zwei Wochen nach dem Eingriff besuchten wir gemeinsam meinen Vater, ihren anderen Großvater, der früher Arzt war. Ich bat ihn, meiner Tochter die Funktionsweise von Herzschrittmachern zu erklären.

Mein Vater setzte zu einem enthusiastischen Vortrag über die bemerkenswerte Geschichte der Herzschrittmachertechnologie an, von den sperrigen, unhandlichen Modellen, mit denen er als junger Internist zu tun hatte, hin zu den winzigen, kaum spürbaren Hightech-Geräten von heute. Was mir auffiel, war das leuchtende Fortschrittsnarrativ, in dem jede Innovation unleugbar eine Verbesserung gegenüber der letzten darstellte. Im Bereich der Menschenrechte träumen wir von genau so einer Fortschrittsteleologie: einem klaren Aufwärtstrend, der die Lebensqualität der Menschen messbar steigert.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Francis Fukuyamas Ende der Geschichte war ein Märchen

Im 18. Jahrhundert glaubten die Vordenker der Aufklärung, dass Fortschritt in allen Bereichen menschlichen Wissens und gesellschaftlichen Lebens nach dem Vorbild des naturwissenschaftlichen Fortschritts gestaltet werden könne. 200 Jahre nach der Französischen Revolution ist diese Vorstellung wieder weit verbreitet – beziehungsweise immer noch: Francis Fukuyamas Ende der Geschichte war ein Märchen, die hegelianische Wahnvorstellung einer liberalen Teleologie, die durch „Wandel durch Handel“ begünstigt wurde.

Die Illusion hielt sich, trotz der Brutalitäten im ehemaligen Ostblock, die durch die 1990er-Jahre hindurch bis ins 21. Jahrhundert andauerten: die grausamen ethnischen Säuberungskriege in Jugoslawien, der Raubtierkapitalismus und die entsetzliche Armut, die mit den wirtschaftlichen Umbrüchen einhergingen, sowie der von der Anthropologin Natalia Roudakova beschriebene Wertverlust der Wahrhaftigkeit im postsowjetischen Russland.

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Liberale würden sich von der Geschichte betrogen fühlen, aber die Geschichte sei mit niemandem verheiratet, so der bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krastev. Das hätten wir spätestens am 11. September begreifen müssen. Schon vor langer Zeit hätten wir erkennen müssen, dass ein streng wissenschaftliches Fortschrittsmodell nicht auf das politische oder soziale Leben übertragbar ist.

Als erster schwarzer Präsident der USA, jung und intelligent, glaubte Obama fest an die Vernunft.Als erster schwarzer Präsident der USA, jung und intelligent, glaubte Obama fest an die Vernunft.AFP

Obama war der Inbegriff der Aufklärung: Als erster schwarzer Präsident der USA, jung und intelligent, glaubte er fest an die Vernunft, an eine Ratio, die dafür sorgt, dass die Menschen durch aufgeklärtes Eigeninteresse zusammenkommen. Die folgenden acht Jahre waren schwer für ihn. Auf die Gefahr hin, etwas vorwegzunehmen, sollte jemand Obamas Memoiren „Ein verheißenes Land“ noch nicht gelesen haben: Die implizite Pointe des Buches lautet, dass es ein verheißenes Land im Grunde gar nicht gibt – und wir also besser daran täten, uns auf das Kapitel mit der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei zu konzentrieren.

Dem Bruch in der Zeit ins Auge sehen

Als ich in den 1990er-Jahren meine Doktorarbeit in osteuropäischer Geschichte schrieb und von der Faszination der neu geöffneten Archive wie elektrisiert war, hätte ich mir nie vorstellen können, dass ich ein Vierteljahrhundert später meine Nächte in einem Luftschutzkeller in Kiew verbringen würde, wo ich den Flug der Raketen auf Telegram verfolgte.

Es gebe kein Zurück, mahnte der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan bei seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz im vergangenen Februar. „Die Strategie, die Gegenwart wie eine erzwungene Pause überstehen zu wollen, ist irreführend, irreführend ist ebenso die Vorstellung von der Zukunft als mögliche Restaurierung dessen, was einmal gewesen ist. Die Zukunft als eine aufgeschobene Version der Vergangenheit ist eine Illusion.“

Serhij Zhadan hatte recht: So wie es einmal gewesen ist, wird es nie mehr werden. Das heißt aber nicht, dass es für uns kein Danach geben kann. Doch um dieses Danach zu erreichen, müssen wir dem Bruch in der Zeit ins Auge sehen, uns seiner bewusst werden. Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine sprach Bundeskanzler Olaf Scholz von einer Zeitenwende; ihre Tragweite konnte er jedoch nicht ganz erfassen. Für Europa war der 24. Februar 2022 das Ende des Endes der Geschichte. Seit dem 11. September ist nun fast ein Vierteljahrhundert vergangen. Wir hatten genug Zeit, um zu begreifen, dass es kühne Träume braucht, um eine Zukunft nach dem Ende der Geschichte zu denken.

Die Osteuropa-Historikerin Marci Shore verließ 2025 die Yale University und lehrt seitdem an der Munk School in Toronto. Aus dem Englischen übersetzt von Milena Adam.

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