Gewerkschaft und Ökonomen warnen vor der geplanten Krankschreibung: Statt weniger Fehltage drohen chronische Krankheiten und Ansteckungen, wenn Kranke zur Arbeit gehen.
Quelle: DIE ZEIT, dpa, epd, ps Aktualisiert am 4. Juli 2026, 11:59 Uhr
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht die von der Bundesregierung geplante Attestpflicht bereits am ersten Krankheitstag als Gefahr für Kranke und Betriebe. Eine solche Regelung führe dazu, dass mehr Menschen trotz Erkrankung arbeiteten, warnte DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel in den Zeitungen der Funke Mediengruppe. »Das befördert zwangsläufig mehr Präsentismus – also die Arbeit trotz Erkrankung – mit allen negativen Folgen: weniger Produktivität und mehr chronische Erkrankungen«, betonte sie.
Piel kritisierte zudem die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung. Zusammen mit der Pflicht zu einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Tag führe dies »direkt in die Überlastung aller Arztpraxen im Land«, sagte sie.
Die Regierungskoalition aus CDU, CSU und SPD hatte am Mittwochabend beschlossen, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen. Zudem sollen Beschäftigte ab dem ersten Fehltag eine Krankschreibung vorlegen müssen, statt wie bisher am vierten. Kanzler Friedrich Merz (CDU) begründete die Pläne mit zu vielen Krankentagen.
DIW rechnet nicht mit einer Senkung der Krankentage
Durch strengere Regeln für Krankschreibungen rechnet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) nicht mit einer spürbaren Senkung des Krankenstands in Deutschland. Eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag könne stattdessen zu mehr Praxisbesuchen führen und Ansteckungsrisiken in Wartezimmern erhöhen, sagte der DIW-Ökonom Daniel Graeber. »Sollte dies dazu führen, dass Menschen trotz leichter Infekte an den Arbeitsplatz gehen, könnten Ansteckungen am Arbeitsplatz am Ende zu mehr Fehltagen führen, als wenn diese Beschäftigten einfach zu Hause geblieben wären«, warnte Graeber.
Einen kausalen Zusammenhang zwischen den hohen Krankenständen der vergangenen Jahre und der seit Ende 2023 möglichen telefonischen Krankschreibung sieht Graeber nicht. Analysen auf Basis von Daten der Krankenkasse Barmer gäben keine Hinweise auf einen Anstieg der Arbeitsunfähigkeitsfälle durch Telefon- oder Video-Krankschreibungen.
Hausärzte fordern Maßnahmen gegen Videosprechstunden-Anbieter
Die Pläne der Koalition haben scharfe Kritik auch in der Ärzteschaft ausgelöst. Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband sprach von einer »reinen Symbolpolitik« der Regierung. Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung und eine Verpflichtung zur Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Tag würden »weder den Krankheitsstand reduzieren noch Missbrauch verhindern«, sagte die Bundesvorsitzende des Verbandes, Nicola Buhlinger-Göpfarth, der »Rheinischen Post« (Samstag). Sie forderte, stattdessen gegen den »Wildwuchs bei verschiedenen Videosprechstunden-Anbietern« vorzugehen.
»Wenn irgendwo großes Missbrauchspotenzial liegt, dann bei anonymen Plattformen, die damit Profit machen und ihre Kunden nicht einmal kennen«, erklärte sie. Die telefonische Krankschreibung berge dagegen nicht mehr Missbrauchspotenzial als der normale Besuch in einer Praxis. »Sie ist nämlich – anders als Videosprechstunden – daran gebunden, dass wir die Patientin oder den Patienten kennen«, sagte Buhlinger-Göpfarth.

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