„Tatort“ aus Stuttgart: Fame over

vor 20 Stunden 2

Für jemanden, der berühmt dafür ist, berühmt zu sein – und daher interessant für die Werbeindustrie –, liegt heute schnell der Begriff „Influencer“ parat. Wenn uns Fernsehfilme gespielte Influencer präsentieren, glitzernd, protzend, selbstsüchtig, wirkt das selten überzeugend – ein wenig so, als könnte das Neue im alten Medium nur als Karikatur erscheinen. Vielleicht also besser anders herum. Der Stuttgarter „Tatort“ erinnert nun daran, dass es auch vor dem Internet zur Identifikation einladende Prominente gab, die allwöchentlich durch Magazine und Heftchen gereicht wurden. Sie hießen einfach nur „Promis“, im Falle schöner Frauen auch gerne „It-Girls“.

In der Instagram-Welt zählt nur Selbstvermarktung

Über ein solches It-Girl namens Pony (Kim Riedle), das den Umstieg vom Analog- ins Digitalzeitalter nicht schaffte, nicht einmal als Momfluencerin, erzählt der renommierte Drehbuchautor Wolfgang Stauch (von dem auch der Kölner Bühnen-„Tatort“ am letzten Sonntag stammt) in seinem leicht überclever betitelten Film „Ex-It“. Im Zentrum steht aber nicht nur das Scheitern – Fame over –, sondern die abgeklärte Selbstgefälligkeit der auf Totalvermarktung basierenden Instagram-Welt, personifiziert durch Ponys Erfinder, Manager und Ehemann Stefan (Hans Löw). Das ist interessant, und es wird noch viel interessanter, weil sich das durchweg hervorragend gespielte, von Regisseurin Friederike Jehn bezwingend konzentriert inszenierte Doppelpsychogramm als vielschichtiger erweist, als es auf den ersten Blick zu erwarten wäre.

Die Schlagseite ins Psychodramatische gehört inzwischen zum Markenkern des Stuttgarter „Tatorts“. Die notwendige Krimihandlung wird ernst genommen, aber im Vordergrund steht sie nicht. Das in einer toxischen Beziehung lebende Paar, das depressive Ex-Fotomodel und der erfolgreiche Social-Media-Unternehmer, für den zahlreiche Influencer arbeiten, wird vielmehr von einem Unglück der Extraklasse heimgesucht. Pony, auf dem Heimweg von ihrer Schwester, parkte in der Nacht den Wagen mit den beiden Kindern darin nahe bei einem Kiosk, um sich mit Zigaretten zu versorgen. Bei ihrer Rückkehr ist der Wagen verschwunden. Der SUV taucht schnell wieder auf, damit beginnt die eigentliche Tragödie. Er wurde mit Höchstgeschwindigkeit („wie auf der Flucht, wie unter Druck, wie Lady Di und Dodi“) in den Neckar gelenkt.

Die kleine Tochter kann nur noch ertrunken aus dem Kindersitz geborgen werden, der etwas ältere Sohn Hugo bleibt verschwunden. „Erklärst du mir noch, warum du meine Kinder alleine im Auto lässt“, fährt Stefan seine unter Schock stehende Frau später an. Sie antwortet nicht, dass es auch ihre Kinder sind, sondern sagt, dass sie sich seit Wochen verfolgt fühlte.

„Welches Arschloch klaut ein Auto mit zwei Kindern?“

Kommissar Sebastian Bootz (Felix Klare) stellt die maßgebliche Frage: „Welches Arschloch klaut ein Auto mit zwei Kindern, verliert die Kontrolle über das Ding und senkt es in den Neckar?“ Angesichts der prominenten Mutter und dem sehr wohlhabenden Vater kommen Bootz und Thorsten Lannert (Richy Müller) schnell auf den Gedanken, jemand könnte es gezielt auf die Kinder abgesehen haben. Das nährt die Hoffnung, dass Hugo noch am Leben sein könnte. Dann treffen bereits die ersten Erpresserbriefe ein.

Wie seltsam die Lebens-Arbeits-Beziehung von Stefan und Pony ist, erfahren wir noch einmal im Detail von Ponys Schwester Pat (Anne Haug), die mit ihrem Lebensgefährten (David Zimmerschied) in einfachen Verhältnissen lebt und nur wutentbrannt über den abgehobenen Schwager spricht: „So wie er die meisten seiner Heftchen eingestellt hat, hat er Pony eingestellt.“ Stefan nämlich hatte Ponys Karriere öffentlich für beendet erklärt. Es irritiert, dass der Tod der Tochter die Eltern weniger in Verzweiflung zu stürzen scheint als die Sorge um den Jungen. Vielleicht ist das aber nicht gefühllos, sondern gut beobachtet, weil sich Menschen in der Not an das klammern, was noch bleibt.

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Sie trauern allerdings beide, das wird im Laufe des kammerspielartigen Films – mehr Drama als Krimi – deutlich, ganz verschieden zwar, aber nicht gegeneinander aufrechenbar. Was diese Trauer jeweils umfasst, wird nur teilweise ausgesprochen. Unaufdringlich, aber konsequent setzt Jehn zudem Wasser- und Spiegelsymboliken ein. Das alles eröffnet Spekulationsräume. Derweil kommen Geheimnisse ans Licht, Verrat auf mehreren Ebenen. Doch trotz der gegenseitigen Vorwürfe halten sich die Eltern, die plötzlich ihren Mittelpunkt verloren haben, aneinander fest. Sogar an ihrer Beziehung. Jeweils einzeln öffnen sie sich dabei gegenüber den Kommissaren, erinnern sich, während sie auf ein Lebenszeichen ihres Sohns warten, auch an schönere Zeiten.

Und hier überrascht der Film auf angenehme Weise, denn beide Protagonisten werden eben nicht als die oberflächlichen Personen charakterisiert, für die man sie zunächst halten konnte. Hoch selbstreflexiv, aber glaubhaft sind sie sich ihrer Rollen, ihrer Unglücksverkettung und ihrer Fehler bewusst. Sie sind gut darin, die Annahmen der Ermittler vorauszusehen und gegen sich selbst zu wenden. Nach und nach wird der ganze Schmerz eines zerbrochenen Lebenskonzepts ohne Absicherung sichtbar, während sich die Hoffnungen fast ins Irrationale steigern. Ein bedrückender, aber außergewöhnlich stimmiger „Tatort“, der letztlich vor Augen führt, in welche Abgründe der vermeintliche Wunschtraum vom kollektiven Individualismus führen kann: Wo Selbstvermarktung zur Identität wird, ist nur noch Platz für Erfolg und Ruin, nicht mehr für das krumme Leben selbst. Oder für die Liebe. Oder für die Tragik.

Der Tatort: Ex-It läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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