»Tatort« aus München: »Unvergänglich« mit Batic und Leitmayr

vor 2 Stunden 1
 Wissen sie immer noch nicht, dass sie füreinander geschaffen sind?
 Wissen sie immer noch nicht, dass sie füreinander geschaffen sind?

Batic (Miroslav Nemec, l.) und Kriminalhauptkommissar Leitmayr (Udo Wachtveitl): Wissen sie immer noch nicht, dass sie füreinander geschaffen sind?

Foto: Hendrik Heiden / BR

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Männerfreundschaften, kompliziertes Thema. Wie umarmt man sich? Wie nah lässt man den anderen an sich ran? Hält man es aus, nebeneinander im selben Bett zu schlafen? Und dann die ewige Frage: Ist man überhaupt richtig befreundet oder einfach nur undefinierbar miteinander verbandelt, weil der Zufall einen immer wieder zu dem anderen gespült hat?

Der letzte Fall der beiden Münchner »Tatort«-Kommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr ist vor allem eine Studie in Sachen Männerfreundschaft geworden. 35 Jahre arbeiten die beiden schon zusammen, sie haben gemeinsam die gefährlichsten Situationen überstanden, sie haben sich ihre Sexgeschichten erzählt, sie haben ihre Depressionen geteilt. Aber wie man sich zum Abschied anständig umarmt, das wissen die beiden immer noch nicht.

Kollegen? Freunde? Liebende?

Die aktuellen Untersuchungen strecken sich über eine Doppelfolge, die Ostersonntag und Ostermontag gesendet wird. Es geht um einen Mörder, der sich zu Wohnungen Zutritt verschafft, die temporär an Städteurlauber vermietet werden. Am Ende der ersten 90 Minuten scheint der Täter überführt worden zu sein, die beiden Kommissare können in Rente gehen. Zum Anfang der zweiten 90 Minuten stellen sie dann fest, dass das Verbrechen doch eine größere Dimension besitzt, als sie angenommen haben. Deshalb aktivieren sie sich noch einmal selbst. Gegen den Widerstand ihrer jungen Kollegen, versteht sich.

Batic und Leitmayr mit ihren Nachfolgern (dargestellt von Carlo Ljubek, vorne, und Ferdinand Hofer, rechts

Batic und Leitmayr mit ihren Nachfolgern (dargestellt von Carlo Ljubek, vorne, und Ferdinand Hofer, rechts

Foto: Hendrik Heiden / BR

Der Krimi-Plot (Drehbuch: Johanna Thalmann, Moritz Binder, Regie: Sven Bohse) wird passabel über zwei Folgen ausgebreitet, aber er gerät zwangsweise immer wieder ins Stocken, weil die beiden Hauptfiguren noch grundsätzliche Dinge untereinander klären müssen. Vor allem diese Frage: Was ist das eigentlich, was sie da gemeinsam teilen? Handelt es sich um echte Freundschaft oder doch nur um eine Notgemeinschaft?

In ihren besten »Tatorten« (zum Beispiel »Frau Bu lacht«, »Im freien Fall« oder »Am Ende des Flurs«) haben die Hauptdarsteller Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl stets auch von der emotionalen Verfasstheit ihrer Figuren erzählt. Aber das geschah immer wie nebenbei. Zum Abschied schieben sich nun die aufgestauten Ungereimtheiten in den Vordergrund: Beziehungsstatus ungeklärt.

Opfer ihrer Generation

Es ist ein Fest mitanzusehen, wie Nemec und Wachtveitl umeinander herumscharwenzeln, weil ihre ergrauten Ermittlerfiguren einfach nicht aussprechen können, was sie eigentlich voneinander wollen. In diesem Punkt sind Batic und Leitmayr Opfer ihrer Generation und ihrer Herkunft: 60-plus-Typen, die sich weigern, etwas über ihre Gefühle zu verraten, weil ihr Handeln angeblich für sich spricht.

Tragikomisch, wie die beiden dann aneinander vorbei agieren, um den anderen bloß nicht zu nah kommen zu lassen. Etwa, als Batic keinen Schlafplatz für die Nacht hat und Leitmayr die ganze Zeit nur ängstlich fragt, ob er denn nun endlich seinen Koffer aus der Wohnung schaffen könne. So, als habe er panische Angst, der andere könnte doch auf seiner Couch schlafen wollen.

Haben die beiden ewigen Junggesellen immer noch nicht begriffen, dass sie füreinander geschaffen worden sind? Wenn nicht von Gott, so doch von den Drehbuchautoren.

Bloß nicht erschießen lassen

Weil sie während der Ermittlung immer wieder herzige Begegnungen mit alten Weggefährten haben – selbst der Dackel Luki aus der Folge »Hackl« schwanzwedelt mehrmals durchs Bild –, dauert es allerdings, bis die beiden Männer sich selbst auf die Schliche kommen. Zwischenzeitlich sieht man, wie der gebürtige Kroate Batic in der alten Heimat am Piano in einer Strandbar attraktive Best-Agerinnen anflirtet – bis die von den Enkeln wieder in ihren Oma-Alltag zurückgeholt werden. Leitmayr schafft sich indes einen alten Porsche an, den er auf Vordermann zu bringen versucht. Vergeblich, natürlich.

Zwischenzeitlich geraten die Kommissare immer wieder in gefährliche Gefechte. Batic sagt: »Wir könnten doch ausmachen, dass wir uns im letzten Fall nicht erschießen lassen.« Leitmayr antwortet in Anspielung auf die tödlichen »Tatort«-Abgänge der vergangenen Jahre: »Das wäre wirklich ein arges Klischee.«

Man kann sich während des Zuschauens allerdings nie sicher sein, dass es am Ende nicht doch fatal ausgeht, weil in der Vergangenheit auch in den heitersten München-»Tatorten« die Hölle ausbrechen konnte. Wäre schon schrecklich, wenn Batic und Leitmayr gerade jetzt sterben würden, wo sie doch langsam erkennen, was sie aneinander haben.

Bewertung: 7 von 10 Punkten

Lesen Sie hier  das große Abschiedsinterview von Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl

Foto: Bettina Müller / HR

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version ist uns eine Bildunterschrift verrutscht, wir haben Ferdinand Hofer nun richtig platziert.

Gesamten Artikel lesen