„Tatort“ aus Frankfurt: Kein Brandopfer soll vergessen sein

vor 2 Stunden 1

Kurzschluss, Feuer, in der Wohnung schmilzt das Dämmmaterial, tropft giftig von den Wänden, sammelt sich in brandbeschleunigenden Pfützen. Das Hochhaus steht in Flammen, eine tödliche Falle, leuchtet wie eine Fackel vor dem Nachthimmel. Hier, wo die Mieten für Frankfurter Verhältnisse erschwinglich sind, wo die nicht vom Leben Begünstigten wohnen, ist später nichts mehr, wie es war. Dreizehn Menschen sterben bei dem Brand, darunter drei Kinder.

„Fackel“ – so heißt die dritte Folge des neuen „Tatorts“ aus Frankfurt, und eine Fackel, ein Symbol der Aufklärung, will sie sein. Zu Beginn sieht man den fünf Jahre zurücklegenden Brand, der entweder ein Unglück war oder verschuldet wurde. Was zutrifft, klären Strafprozesse und Untersuchungsausschüsse. Dafür braucht es einen Verdacht, Indizien, materielle Hinweise und Druck von Hinterbliebenen, die Antworten suchen.

Der Firmenchef wäscht seine Hände in Unschuld

Fünf Jahre nach dem Brand des „Goliath“-Hochhauses: Für den Baustoffhersteller Styrex und seinen Verkaufsschlager Polystyrol geht es auf die Zielgrade des Untersuchungsausschusses. Wir werden Zeugen des Appells des Inhabers. Der Schauplatzwechsel ist ein visueller Maximalkontrast (Kamera Philipp Sichler, Regie Rick Ostermann). Das Debütdrehbuch des Schauspielers und Musikers Tom Schilling (mit Sebastian Heeg) gestaltet nach den Katastrophenmomenten des Beginns nun den Auftritt des Firmeninhabers Steffen Böttcher (Stephan Luca) als einstudierte Bühnenshow samt Mitleidsvortrag. Was kann Böttchers Firma dafür, dass ein profitversessener Bauträger Polystyrol bis in 50 Meter Höhe anbrachte, wo nur 20 erlaubt waren? Was kann der Hersteller für die Klimaschutzvorgaben der Regierung?

Dass ein Strafprozess gegen den Bauträger schon abgeschlossen ist, erfahren die Zuschauer des „Tatorts“, der im Frühjahr 2026 spielt, nebenbei. Es interessiert nicht in diesem hochpolitischen Kriminalfilm, der zeigt, warum das Team Maryam Azadi (Melika Foroutan) und Hamza Kulina (Edin Hasanovic) sich kategorial von anderen „Tatort“-Ermittlerduos unterscheidet. Was stattdessen interessiert, ist die Perspektive der Opfer, ist Almila (Seyneb Saleh), die mit Demonstranten auf Böttcher wartet und ihn wütend anspuckt.

Stephan Luca (Mitte) spielt den Chef des Baustoffherstellers.Stephan Luca (Mitte) spielt den Chef des Baustoffherstellers.HR/ARD Degeto Film/Sommerhaus/Tatiana Vdovenko

Der Film verweist auf den Brand des Londoner Grenfell Tower, eines gerade renovierten, neu wärmegedämmten Sozialwohnprojekts, bei dem 2017 mehr als 70 Menschen starben. Das Feuer in der Bar „Le Constellation“ in Crans Montana, bei dem am vergangenen Silvester 41 Menschen ums Leben kamen und 115 verletzt wurden, kommt einem in den Sinn und – der Anschlag von Hanau, bei dem am 19. Februar 2020 ein Deutscher neun Menschen aus rassistischen Motiven erschoss; ein weiterer, zunächst Überlebender starb kürzlich. Nicht zufällig trägt der „Tatort“-Ermittler Kulina den Vornamen Hamza. Er erinnert an Hamza Kurtovic, einen der Ermordeten von Hanau. „Say their names“ wurde zum Slogan der Hanau-Erinnerungsinitiative. „Say their names“ heißt es in diesem „Tatort“. Almila, deren Mutter beim Brand starb, ist Kulinas Ex-Freundin. Als sie nun vor der Gedenkinstallation mit den Fotos und Namen der Gestorbenen demonstriert, steht auch er dort. Die Akte zu dem Fall ist schmal. Almilas eigener Ordner birst vor Aufzeichnungen. Hamza ist ihre letzte Hoffnung, er beginnt zu ermitteln.

Als Maryam Azadi morgens in den lichtarmen Keller kommt, hat Kulina das Material schon systematisiert. Sie erkennt die Muster der Arbeit, bevor sie den Schlafenden weckt. Es sind nicht viele Worte nötig bei diesem Team, dessen berufliche Motive sich ähneln. Dass sie nicht „die Guten“ sind, wissen wir schon aus den Folgen „Dunkelheit“ und „Licht“. Nun entfalten sie sich mehr und mehr. Während ihre Chefin sich mit Staatssekretären und Druck von oben herumschlägt.

Das sehen wir nicht direkt, genauso wenig, wie wir diejenigen sehen, die bei Hamzas Mutter Emina (Gordana Boban) eine Löschdecke als Warnung abgeben und Maryam eine Patrone in den Briefkasten stecken. Wir sehen, wie Böttchers Frau Simone (Katharina Heyer) ihr Leben auf Heimdeko und ihre Pferde abgestellt hat; wir sehen die Ermittlungen, die zum vermeintlichen Suizid des Materialprüfers liefen; wir sehen den Kripo-Kollegen Christian Möller (Michael Schenk), der seinerzeit einen schlampigen Bericht abgab, und wir sehen, wie die Brandschutzgutachterin Andrea Hofer (Nadja Bobyleva) nervös wird. In diesem „Tatort“ geht es um Opfer, Menschen mit Namen, die man aussprechen soll.

Der Tatort: Fackel läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Gesamten Artikel lesen