Seit den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gehört es zu den Standardformeln der Historiker, auf die unüberschaubare Flut von Büchern über den Spanischen Bürgerkrieg hinzuweisen. Damals war die Rede von 25.000 oder 30.000 Titeln, und wo die Wassermarke heute steht, weiß niemand. Dazu kommen Tagebücher und Memoiren, TV-Dokumentationen, Spielfilme und Graphic Novels.
Dass es sich bei diesem Krieg nicht um irgendeinen handelt, wusste ich, als ich 1998 als Feuilletonkorrespondent der F.A.Z. nach Madrid zog. In jenem Jahr feierte Spanien den 100. Geburtstag des Dichters Federico García Lorca, der im August 1936 von rechten Todesschwadronen erschossen wurde, und mit Verblüffung erlebte ich, wie heftig sich die politischen Parteien darum zankten, wer sich auf Lorca berufen dürfe. Namentlich der konservative Ministerpräsident José María Aznar hängte sich schwer herein, um Lorca zu entpolitisieren. Denn Dichtung, verkündete Aznar, „hat keine Ideologie, sie ist Schönheit und Menschlichkeit“. Tja. Der opportune Universalismus des Regierungschefs gipfelte in den Worten: „Heute nennt Spanien sich Federico.“
Aber so stimmt es natürlich nicht. Der Sieger des Bürgerkriegs, Francisco Franco, baute seine Diktatur auf den Geist der Rache und tat alles dafür, die Spuren liberalen Denkens in Spanien zu tilgen, wozu auch Lorca gehört. Die Gewaltgeschichte des Krieges, an der beide Seiten beteiligt waren, mündete in Repression mit Erschießungen, Arbeitslagern und Umerziehungsanstalten. Diese Erinnerung lebt in einem Teil der spanischen Bevölkerung bis heute fort. Als Korrespondent berichtete ich von den Geschichtsdebatten, die sich um Bürgerkrieg und Diktatur drehten, vom Aufkommen der Exhumierungsbewegung um das Jahr 2000 sowie Gesetzen zur Erinnerungspolitik, die es erlaubten, 2019 den Leichnam des Diktators aus der Weihestätte „Tal der Gefallenen“ zu entfernen.
Das Buch, aus dem hier Auszüge zu lesen sind, erzählt vom Weg spanischer und ausländischer Schriftsteller, Künstler, Reporterinnen, Fotografen und engagierter Zeitgenossen im Spanischen Bürgerkrieg. Viele von ihnen sympathisierten mit der Linken, doch einige – Evelyn Waugh, Georges Bernanos – hatten wenig für die Zweite Spanische Republik übrig. Picassos Engagement dagegen war offensichtlich: „Guernica“ erinnert an den Bombenangriff auf eine baskische Kleinstadt durch die Legion Condor im April 1937 und zieht eine eigene Gedächtnisspur durch das 20. Jahrhundert.
Nicht immer war den Beteiligten klar, worauf sie sich einließen; der Neffe von Virginia Woolf überlebte als Sanitäter keine sechs Wochen. Die Fotografin Gerda Taro starb tragisch kurz vor ihrem 27. Geburtstag – im Glauben, sie habe an jenem Tag die besten Fotos ihres Lebens aufgenommen. Während Ernest Hemingway oder John Dos Passos immerhin die Landessprache beherrschten, musste George Orwell sich das meiste zusammenreimen. Arthur Koestler verbrachte hundert Tage im Gefängnis und dachte jeden Tag, er werde erschossen. Thomas Mann verfolgte den Konflikt durch Zeitungslektüre und machte sich ein ungeschöntes Bild der Lage.
Die Leidenschaft, mit der sich die Intellektuellen für Spaniens Demokratie engagierten, verdient, in Erinnerung zu bleiben.
Der Fotograf Robert Capa und seine Lebensgefährtin, die Fotografin Gerda Taro, 1936 in Paris.Picture AllianceSpanien, Sommer 1936
Seit Monaten liegt etwas in der Luft. „Madrid leidet an einer gespenstischen Nervenkrise“, schreibt die Zeitung „El Heraldo“ am 14. Juli 1936. Eine allgemeine Gewaltstimmung hat Spanien erfasst, links, rechts und in der Mitte. Und es gibt Hinweise auf einen geplanten Putsch der Militärs. Die drückende Atmosphäre hat sich langsam aufgebaut, und jetzt spürt sie jeder.
Das Spanien des Jahres 1936 folgt einer Radikalisierung, die in Europa schon seit mehreren Jahren zu beobachten ist. Aber in Madrid und Sevilla, in Barcelona und Bilbao schleicht sich ein Vokabular der Todfeindschaft, der physischen Vernichtung in die Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner. Nicht nur die jungen Faschisten, die Kommunisten und Anarchisten sprechen so, streifen sich Uniformen über, treffen sich zu Waffenübungen und grüßen einander militärisch. Auch in der Mitte der spanischen Gesellschaft erklingen Appelle, die zur Auslöschung des Widersachers aufrufen. Selbst im Parlament der Republik geht es wüst zu. Die Redner schreien sich an, unterbrechen einander mit wilden Rufen, und einmal wird tatsächlich eine Pistole gezogen. Niemanden hätte es gewundert, wäre sie abgefeuert worden.
Die Gewalt in Spanien geht auf tiefe soziale und kulturelle Konflikte zurück. Für die allermeisten Spanier und besonders die Spanierinnen sind Freiheit und Gleichheit im frühen 20. Jahrhundert unerreichbar. Die Mehrheit der Gesellschaft ist bettelarm, und die Ursachen liegen in einer schreiend ungerechten Verteilung des Ackerbodens und der Fortdauer einer starren Feudalgesellschaft. Dort oben der Adel, das Großbürgertum, die Kirche, das Militär. Hier unten das Land- oder Stadtproletariat. Rund die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung kann weder lesen noch schreiben. Ein Bericht aus dem Jahr 1935 nennt als einzigen Besitz einer Landarbeiterfamilie einen Kochtopf.
Der kleine General
Angesichts der Putschgerüchte beschließt die Regierung, erst dann Gegenmaßnahmen zu ergreifen, wenn die Rebellen ihr Gesicht zeigen. Man wartet also und schaut zu. Was die Regierung der Zweiten Republik unterschätzt, sind die sorgfältige Planung, die breite Unterstützung in den rechten Gruppierungen und die große Entschlossenheit aller, die sich an dem Aufstand beteiligen.
Oder fast aller. Denn einer hat seinen Kollegen Generälen bis wenige Tage vor Beginn der Aktion noch keine klare Antwort gegeben, ob sie mit ihm rechnen können oder nicht. Dieser General ist der diskrete Francisco Franco Bahamonde, geboren 1892, ein Karrieremilitär, der in den spanischen Kolonialtruppen in Nordafrika aufgestiegen ist. Von Franco weiß man, dass er die Republik ablehnt und damit das ganze moderne Zeug: Parlament, Parteien, Gewerkschaften, Liberalismus. In seinen Augen hat all das nichts mit Spaniens imperialer Größe zu tun.
Anders als manche seiner Waffenbrüder lässt Franco sich allerdings nicht politisch vernehmen. Und in der Männergesellschaft des Militärs bleibt er reserviert. Er hat keine Vertrauten, er „öffnet“ sich niemandem. Er trinkt nicht, spielt keine Karten und geht nicht ins Bordell. Äußerlich muss Franco den Respekt seiner Kameraden erst gewinnen, denn mit seiner kleinen Statur, einem markanten Hinterteil, der hohen Stimme und dem Bauchansatz macht er wenig her. Auf Fotos wirkt er selten wie ein Anführer; fast immer ist er der Kleinste in der Gruppe.
Thomas Mann daheim
Am 17. Juli, dem Tag der Erhebung der spanischen Militärs in Nordafrika, unternehmen Thomas Mann, seine Frau Katia und „die Alten“ einen Ausflug nach Luzern. Es ist ein warmer Sommertag. In Luzern trinkt man Tee im Garten des Restaurants am Kunsthaus, von dort macht sich die kleine Gesellschaft zum Wagner-Museum auf, das leider schon geschlossen hat, aber man kann noch in die Zimmer des Komponisten spähen, dem Thomas Mann so viel verdankt. Lange steht er vor dem Haus und liest die Inschrift. Hier, genau an diesem Ort, wurden die „Meistersinger“ und „Siegfried“ vollendet.
Der Tag ist so schön, dass man daheim in Küsnacht, nach der Rückkehr, auch das späte Abendessen auf der Terrasse einnehmen kann. Anschließend wird im Wohnzimmer die „Götterdämmerung“ auf den Plattenteller gelegt. Vom Aufruhr in Spanien schreibt Thomas Mann erst drei Tage darauf, die Zeitungen liegen inzwischen vor. „Wirren und Machtkämpfe zwischen Links und Rechts in Spanien, Militär-Revolte, drohender Bürgerkrieg. Die Niederlage der Idee des Front populaire wäre tief zu beklagen.“
Das große Töten beginnt
Was jetzt beginnt, hat noch niemand zuvor in diesem Land gesehen. Spanien zerfällt in zwei Zonen, zwei eigene Reiche, auch wenn die Grenzen noch unscharf sind und schnell gelernt werden müssen, denn wer zur Unzeit in der falschen Zone angetroffen wird, kann damit rechnen, erschossen zu werden. Der Dichter Antonio Machado befindet sich bei den Republikanern – sein Bruder Manuel, ebenfalls Dichter, wird vom Aufstand in der Zone der Aufständischen überrascht. Wenige Wochen später schreibt er Lobgedichte auf Franco. Die beiden Brüder, getrennt durch verfeindete Ideologien, werden zu kulturellen Aushängeschildern ihrer jeweiligen Lager.
Viele Jahre später wird der Philosoph Julián Marías – 1936 ein junger Mann – in einem Essay schreiben, niemand habe den Bürgerkrieg gewollt. Doch viele hätten gewollt, was ihn ermöglichte: das Land in zwei unversöhnliche politische Lager zu spalten, die andere Seite mit dem Bösen zu identifizieren und den Gegner zu vernichten. So wird auch das Töten leicht. Das Wort fusilado (erschossen, shot, fusillé) wird unzählige Male gesprochen und geschrieben. Leichen werden ein vertrauter Anblick. Manche werden als Klassenfeind erschossen, als Bourgeois, als Unternehmer oder Kapitalist. Andere als Gewerkschaftler, Lehrerinnen oder Bürgermeister. Die Opfer der Repression liegen in den Straßen, hingeworfen wie Puppen – Männer, Frauen, Jugendliche.
Manchmal bleiben sie als Warnung stundenlang in der Hitze liegen. In den Großstädten liegen sie in langen Reihen an Sammelstellen, mit riesigen Blutflecken auf der oft ärmlichen Kleidung, daneben die Särge, die man aus Platzmangel stapeln muss. Es sind viel zu viele Tote für so wenige Särge. Der Schriftsteller Pio Baroja nennt die Gewalt in seinem Land vom Pariser Exil aus „sadistisch, makaber, mittelalterlich“.
C. H. Beck VerlagIn den folgenden Wochen ziehen die Truppen von aufständischen Militärs auf dem Weg nach Norden eine gewaltige Blutspur durchs Land. Die Erschießungen sind so wahllos, dass ein Geistlicher es nicht mehr aushält und Protestbriefe an die Führung schreibt, in denen er indirekt das Recht auf Widerstand der Republikaner verteidigt und die „christlichen Soldaten“ der eigenen Seite auffordert, „ihre Feinde zu lieben“. Vergeblich. Der Protest des Jesuitenpaters Fernando Huidobro wird ignoriert. Wahrscheinlich ist, dass er auch jemanden ziemlich gestört hat. Im Jahr 1937 kommt der lästige Geistliche, der keine Ruhe geben will, unter dubiosen Umständen zu Tode.
Getreu der Forderung des Generals Emilio Mola, die „Aktion“ solle „extrem gewalttätig“ sein, morden die Aufständischen, als müssten sie Quoten erfüllen. Durch die Enthemmung entsteht eine Komplizenschaft des Tötens zwischen Militär, Todesschwadronen und der sich spontan beteiligenden Bevölkerung.
In der Weite der Mancha wiederum, 200 Kilometer südlich von Madrid, haben die linken Milizen das Kommando übernommen. Aufgestachelt durch den Putsch, setzen sie revolutionäre Kräfte frei. Sofort beginnen sie mit der Repression gegen den politischen Gegner, und innerhalb weniger Tage ist das soziale Gewebe der Ortschaften zerstört. Kirchen brennen, Geistliche werden ermordet. Jetzt gedeihen Karrieren wie die des sozialistischen Warlords Felix Torres, dessen brutales Regiment erst achtzig Jahre später in der Geschichtsschreibung auftaucht.
Simone Weil mit Gewehr
Zu den ersten europäischen Intellektuellen, die zum Kämpfen nach Spanien fahren, gehört Simone Weil. Sie wartet nicht, spekuliert nicht und sichert sich nicht ab. Früh politisiert und in der anarchistischen Bewegung Frankreichs engagiert, Fabrikarbeiterin bei Renault, anspruchslos wie eine Bettlerin, hat die 1909 geborene Tochter großbürgerlicher jüdischer Eltern durch Besuche in Deutschland früher als andere die Gefahr des Faschismus erkannt. Durch einen Kontakt zu den spanischen Anarchisten schafft sie es, sich zur Kolonne des legendären Buenaventura Durruti an die Front von Aragonien vermitteln zu lassen. Wann immer sie kann, schickt sie ihren Eltern beschwichtigende Postkarten. „Liebe Eltern, bitte seid vollständig beruhigt“, schreibt sie am 10. August 1936. Am 11. August: „Liebe Familie, es läuft. Alles ist überaus ruhig.“ Die Gefahr sei „wirklich gleich null“.
Simone Weilpicture alliance / Everett ColleDas ändert sich, als sie zur Durruti-Kolonne stößt. Simone Weil erfährt von Erschießungen, die sie verstören. Von dem jedoch, was der Krieg konkret von ihr fordert, ist sie gelangweilt. Die Gruppe von Milizionären, zu der sie gehört, sichert das Gelände, ohne dass der Feind überhaupt zu sehen wäre. Setzt über den Ebro. Befragt in einer einsamen Gegend eine eingeschüchterte Bauernfamilie.
Am 18. August erhält sie endlich ein Gewehr. Später wird sie erklären, sie habe auf niemanden damit geschossen, und hätte sie es tun müssen, dann hätte sie wegen ihrer starken Kurzsichtigkeit wohl niemanden getroffen.
Am 19. August, immer noch auf dem rechten Ebro-Ufer, bringen die Küchenkräfte in einer riesigen Bratpfanne Speiseöl zum Sieden. Die Pfanne auf der Glut ruht in einem Erdloch, damit der Lichtschein nicht zu sehen ist. In diese große Pfanne mit heißem Öl tritt versehentlich die kurzsichtige Simone Weil. Sie erleidet schwere Verbrennungen am Spann und am Unterschenkel. Man bringt sie fort, doch am Abend ist sie wieder da, mit höllischen Schmerzen. Ihr klappern die Zähne.
Damit ist der Krieg für sie zu Ende. Sie war keine zehn Tage bei den Milizen. Bis sie ihre Eltern aufspürt, zieht sie von einem Krankenhaus zum anderen und läuft Gefahr, ihr Bein zu verlieren. In Barcelona treffen sie und die Eltern sich schließlich wieder. Ihr Vater, ein Internist, sieht sich ihr Bein an und sagt: Bloß weg hier. Am 25. September überqueren Dr. Weil, seine Frau und ihre Tochter Simone die spanisch-französische Grenze.

vor 2 Stunden
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