Gibt es denn jetzt kein anderes Thema mehr als Wolfram Weimer? Beim kulturellen Teil der diesjährigen Leipziger Buchmesse schien es jedenfalls so. Fast keine Begrüßung, keine Laudatio, keine Dankesrede, keine Begegnung am Verlagsstand oder in der Stadt nach Lesungen, bei der nicht auf die Pannenserie des Kulturstaatsministers Bezug genommen worden wäre.
Schnell war auch dessen Versuch einer Charmeoffensive mit vagen Versprechen bei der Eröffnungsfeier (F.A.Z. vom 20. März) eingeordnet als weitere Panne oder Finte, weil nichts geklärt sei, Weimer inzwischen auch Kollateralschäden anrichte, etwa beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels (F.A.Z. vom 21. März), und er sich zudem ständig selbst widerspreche oder blamiere. Bei einem Empfang des Suhrkamp Verlags drehte sich das Tischgespräch darum, dass Weimer sich im Gewandhaus opportunistisch als Habermasianer geriert habe – dabei habe die Zeitschrift „Cicero“, als Weimer vor zwanzig Jahren ihr Chefredakteur war, eine Kampagne gegen Habermas wegen angeblicher Vertuschung angeblicher jugendlicher NS-Belastung inszeniert. (Zur Wahrheit gehört, dass Habermas seinerzeit äußerte, die „politische Hetze“ gegen ihn habe schon in den Siebziger- und Achtzigerjahren in der F.A.Z. begonnen.)
In Leipzig nun wurde sogar mit dem Gedanken gespielt, Weimer auf den Mond zu schießen – so in einer Laudatio der Literaturkritikerin Mara Delius von der „Welt“, deren Chefredakteur Weimer auch einmal war. Und die in der Sowjetunion geborene Schriftstellerin Katerina Poladjan sagte in ihrer Dankesrede für den Preis der Leipziger Buchmesse: „Ein staatliches Handeln, das sich auf nicht bekannte geheimdienstliche Erkenntnisse beruft, muss bei mir eine Erinnerung hervorrufen.“ Auch dieser Vergleich sorgte für Stand- und Stadtgespräche, und zwar zwischen den Polen „Kirche im Dorf lassen“ und „Dass es so weit kommen musste!“.
In seiner Dankesrede für den Kurt-Wolff-Förderpreis kommentierte der Verleger von Starfruit Publications, Manfred Rothenberger, der nicht zuletzt für die Gestaltung und Haptik der von ihm veröffentlichten Bücher ausgezeichnet wurde, Weimers hoffentlich noch abzuwendenden Plan, die Deutsche Nationalbibliothek solle Bücher teils nur noch digital sammeln: Der klinge ja so, als würde man Nusshörnchen und Pralinen fotografieren, jemandem das Foto geben und sagen: „Guten Appetit!“
Zu wenig kritische Einlassungen
Auch der Empfänger des Hauptpreises der Kurt-Wolff-Stiftung zitierte in seiner Dankesrede genüsslich einige kritische Einlassungen zu Weimer der letzten Wochen. Klaus Bittermann, den Mara Delius zuvor für den über Jahrzehnte gehaltenen Kurs seiner Edition Tiamat gegen den Mainstream und den vorherrschenden Literaturgeschmack gewürdigt hatte, gab seiner Rede dann allerdings noch einen anderen Dreh, indem er dafür plädierte, Weimer doch seinem Schicksal zu überlassen und sich übergeordneten Themen zuzuwenden. Beim Stichwort Buchhandlungspreis erinnerte Bittermann an eine bittere Wahrheit: Dieser sei 2015 ins Leben gerufen worden, weil schon damals klar gewesen sei, „dass weder die kleinen Buchhandlungen noch die kleinen Verlage ohne den Staat noch überleben können“.
Heute stelle sich die Lage des Buchhandels noch schlechter dar, und zwar aufgrund der Anwendung von „Künstlicher Intelligenz“. Der „gesellschaftliche Niedergang eines Gewerbes“, so Bittermann, werde so lange anhalten, „wie die Menschen dazu bereit sind, KI das Denken und Wissen über die Welt zu überlassen“ und anzunehmen, originäre Werke müssten gratis zu haben s
In der Tat hatte man das Gefühl, dass es zu diesem Thema auf der Messe noch bei Weitem zu wenige kritische Einlassungen gab, auch wenn es etwa auf einem Podium mit dem Börsenvereinsvorsteher Sebastian Guggolz angerissen wurde. Er warnte vor geistiger Faulheit im Umgang mit KI und machte sich auch über sie lustig – das war angenehm, nachdem jüngst eine Pressemitteilung des Börsenvereins zur Verwendung von KI in Buchverlagen ziemlich affirmativ geklungen hatte. Was von diesem Podium am stärksten hängen blieb, war die Anekdote über inzwischen berüchtigte, mit KI erstellte Ratgeber zum Pilzesammeln, die sich leider als fehlerhaft herausstellten. Mit Michel Houellebecq könnte man fragen: „Muss man denn wirklich so deutlich werden? Offenbar ja.“ Trotzdem sickert das Gift der generativen KI längst immer weiter ins Herz der Buchproduktion ein, wie man in Leipzig auch von darunter Leidenden hörte: Erst sind es Klappentexte, dann Übersetzungen, dann ganze Buchinhalte, die von Algorithmen erstellt werden.
Darf man sich um die inhaltliche Aushöhlung sorgen?
Wie eingangs angedeutet, hat die Buchmesse auch einen nichtkulturellen Teil, der längst der größte ist. Soll man jetzt weiter nur dankbar sein, dass nach dem Post-Covid-Zittern, ob diese Messe überhaupt überlebt, sie inzwischen wieder Besucherrekorde verzeichnet – oder darf man sich trotzdem über ihre zunehmende inhaltliche Aushöhlung sorgen?
Viele aus den Massen von Menschen, die jetzt wieder schon seit Donnerstagmorgen in die Messehallen strömten, interessieren sich bestenfalls im weitesten Sinne für Bücher – nämlich etwa für Fanartikel zu Manga-Comics, deren Verkauf in zwei aus allen Nähten platzenden Hallen verrückten Andrang erzeugt. Und viele nutzen die Messe auch weiterhin nur für ihren „Cosplay“-Karneval, wie schon vielfach zuvor berichtet.
Auch Cosplayer brauchen Pausen: Szene von der Leipziger BuchmessedpaIn der Halle 5, wo vor allem kleinere und unabhängige Verlage für Belletristik und Sachbücher ihre Stände haben, hatte man zwar noch immer das Gefühl, dass im Kern alles stimmt – aber trotzdem fiel auf, wie klein manche Stände geworden sind, wer sich welche zu zweit oder zu dritt teilte und dass kuriose, bislang unbekannte (Selbst-)Verlage dort aus dem Boden geschossen sind, die oft nur einen Autor zu haben scheinen.
Abends beim vielfältigen Programm von „Leipzig liest“, das nach der Pandemie ebenfalls stark zurückgekommen ist, fiel glücklicherweise die Wahl wieder so schwer wie einst gewohnt: Tschechische Romane? „Lyrik und Transzendenz“? Lieber die neue „Institutsprosa“ von Absolventen des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig – oder alte deutsche Romantik? In diesem Fall entschieden wir uns für Letzteres und hörten unterm Dach des Mendelssohn-Gartenhauses am Kachelofen einen Bildvortrag über „Die Gräber der deutschen Romantik“ zum gleichnamigen Band im Mitteldeutschen Verlag aus Halle. Der ehemalige baden-württembergische Europaminister Christoph Palmer hat das Buch mit Vignetten, Erklärungen und Gedichten zu Fotografien gefüllt, die Henning Kreitel von 54 schwer zugänglichen oder kaum noch gepflegten Gräbern gemacht hat.
Andauernde Benachteiligung Ostdeutschlands
Auch das ist zum Glück weiterhin typisch für die Leipziger Buchmesse: Wer möchte, kann sich auf ihr und drum herum kulturgeschichtlich wie auch politisch bilden, und im Gegensatz zu anderen Festivals oft kostenlos. Auf einer Bühne der „taz“ sprach am nächsten Tag die Autorin Jana Hensel über die andauernde Benachteiligung Ostdeutschlands in vieler Hinsicht und über die Jahre, die verschlafen wurden, statt dies zu ändern. Am Messestand der Ukraine gab es ein Podium mit dem lakonischen Titel „Notes on Living“. Das gleichnamige Buch von Spector Books ist zwei ukrainischen Künstlern gewidmet, die im Krieg gefallen sind; der Leipziger Künstler und Verfasser Max Eulitz würdigte David Chichkan und Marharyta Polovinko auch im Gespräch. Und auf der „Donaubühne“ in Halle 4 zum diesjährigen Länderschwerpunkt sprach, bald eindringlich mit tief entrücktem Blick und bald hintersinnig grinsend, der ungarische Autor András Visky über die in seinem Vertreibungsroman „Die Aussiedlung“ verarbeitete Familien- und Kulturgeschichte. Welche Beziehung er zur Donau habe, wurde Visky gefragt, und er antwortete: eine ambivalente. Er schilderte Kindheitserinnerungen an Baracken, die mit Schilf vom Donauufer notdürftig abgedichtet waren und doch nicht verhindern konnten, dass im Winter Menschen die Zehen abfroren – und er sprach von einem heutigen Stipendium in Krems, bei dem er auf den Fluss schaue: „Die Donau und ich, wir kennen uns gut.“
Der menschlich eindrucksvollste Termin der Messe war dann ein Podium am Donnerstagabend im Paulinum mit dem schwerkranken algerisch-französischen Schriftsteller Boualem Sansal, der hier erstmals seit seiner Freilassung aus algerischer Haft im vergangenen November öffentlich auftrat. Dabei waren noch die russische Germanistin Irina Scherbakova, die die Menschenrechtsorganisation Memorial mitbegründet und Russland 2022 verlassen hat, ferner die deutsch-iranische Professorin Katajun Amirpur und die Publizistin Thea Dorn, Sprecherin von PEN Berlin. Sowenig man die ganz verschiedenen Einlassungen zum Thema Widerstand gegen repressive Systeme auf einen Nenner bringen konnte, so gebannt folgte man ihnen, darunter sehr aufschlussreichen Ausführungen Amirpurs zur Zerrissenheit der iranischen Diaspora. Als die Moderatorin Natascha Freundel schließlich alle Gäste um ein Fazit bat, erinnerte Scherbakowa an ein Sprichwort der russischen Dichterin Anna Achmatowa: „Trinken wir auf den Erfolg unserer hoffnungslosen Sache!“

vor 7 Stunden
2










English (US) ·