Syrien-Pavillon in Venedig: Auftragsarbeiten für Diktatoren

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Sara Shamma, die den ersten Biennale-Pavillon Syriens seit dem Sturz des Langzeitdiktators Assad bespielen soll, ist weder in Syrien noch im Ausland eine Unbekannte. Shamma, 1975 in Damaskus geboren, studierte Kunst, stellte aus, auch international, gewann Preise, wurde Mitglied in Jurys, unterrichtete.

2011, in dem Jahr, als die Menschen in Syrien gegen das Regime auf die Straße gingen, malte sie ein Porträt Asma al-Assads, eine Auftragsarbeit, die fortan im Büro der Diktatorengattin hing. Das Regime ging mit äußerster Brutalität gegen die Demonstranten vor. Zehntausende verschwanden in den Foltergefängnissen. Das Regime zerbombte ganze Städte. Viele Künstler verließen Syrien. Shamma blieb bis 2014, zog dann nach Libanon und 2016 nach London, ohne jedoch ihr Atelier in Damaskus aufzugeben.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Eine exilierte Künstlerin, wie es in westlichen Medien manchmal hieß, war Shamma nicht. Sie kehrte regelmäßig zurück, ihr Mann war in Syrien weiter als Unternehmer tätig. Shamma stellte aus, nahm an Veranstaltungen teil. 2021 wurde sie vom syrischen Kulturministerium im Opernhaus in Damaskus geehrt. Sie teilte auf Facebook ein Video von der Zeremonie, schrieb „Danke Syrien“ und verlinkte das Kulturministerium – ein Assad-Ministerium im Assad-Syrien. Die Kulturministerin Lubanah Mshaweh war zu diesem Zeitpunkt persönlich mit international sanktioniert.

Schon wieder Palmyra

Im November 2024 eröffnete sie ihre Retrospektive „Echoes of 12 years“ im Nationalmuseum Damaskus. Anwesend war wieder Mshaweh, ihre ebenfalls sanktionierte Nachfolgerin, der sanktionierte Elektrizitätsminister und eine Reihe weiterer honoriger Persönlichkeiten. Fotos zeigen Shamma mit einem Glas Wein, strahlend die Hand der Ministerin ergreifend, dazu ein Streicher-Trio.

Zwei Wochen später ist Assad Geschichte. Der neue, selbst ernannte syrische Präsident ist ein Islamist; er schloss sich einst Al-Qaida an, kommandierte Al-Nusra, dann HTS und ist für zahlreiche Kriegsverbrechen verantwortlich. Auch nach seiner Machtübernahme kehrt in Syrien keine Ruhe ein. Einheiten unter seinem Befehl begingen Massaker an Minderheiten. Niemand spricht von Demokratie. Manche verlieren in diesem neuen Syrien ihre Posten, andere setzen ihre Karrieren fort.

Syrien, Palmyra, 2019Syrien, Palmyra, 2019dpa

Einer, der seine Karriere fortsetzte, ist Waseem Abd Alhameed, Leiter der Abteilung Bildende Kunst, schon seit 2016 im Kulturministerium tätig, erst unter den Assad-Ministern und jetzt unter Mohammed Yassin Saleh – ein in London studierter ehemaliger Al-Jazeera-Journalist, der schon mit antialawitischer Hetze aufgefallen ist. Alhameed kennt Shamma vermutlich schon lange. Er war auch auf den Fotos der Eröffnung ihrer Retrospektive kurz vor dem Sturz Assads zu sehen. Und er ist es, der sie nun nach Venedig eingeladen hat.

Shamma betonte in der Vergangenheit oft, eine unpolitische Künstlerin zu sein, eine, die keine Seite einnehmen will. Wenn Kunst politisch sei, sei sie wie eine Zeitung, heute nützlich, aber morgen wertlos, sagte sie 2016.

Auch im Gespräch mit der F.A.S. gibt sie sich unpolitisch. Auf die Frage, ob sie sich nicht von den Islamisten benutzen lasse, um deren Image aufzupolieren, sagt sie, sie sei keine Politikerin, sie gehe nicht nach Venedig, um irgendeine Regierung zu verteidigen, sie repräsentiere Syrien in einem tieferen Sinne, seine Menschen, seine Geschichte, seine Kultur und seine Fähigkeit, nach Zerstörung Neues zu schaffen.

In Venedig wird Shamma, die bisher vor allem figurativ malte, nun eine Arbeit über die vom IS zerstörten Turmgräber von Palmyra zeigen. Der ehemalige IS-Chef Al-Baghdadi und der heutige syrische Präsident waren einst Waffenbrüder, später Rivalen, doch sie kommen von derselben islamistischen Ideologie. Gegenüber der F.A.S. spricht Shamma von Palmyra als Symbol für Verlust. Es gehe ihr um die Frage, was geschehe, wenn Erinnerung, Kulturerbe und Menschenwürde von allen Seiten angegriffen werden. Nicht nur Shamma knüpft mit dieser vagen Perspektive an Vergangenes an, auch ihre Arbeit tut dies. 2017 wurde im syrischen Pavillon schon einmal eine Arbeit über Palmyra gezeigt, ebenfalls auf Einladung des Kulturministeriums, damals noch unter Assad.

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