Seit etwas mehr als zwanzig Jahren arbeitet der dänische Künstler Jeppe Hein mit einem Konzept, das unter der Bezeichnung „modified social benches“ bekannt wurde. Hein, der in Kopenhagen und an der Frankfurter Städelschule studiert hat, verbiegt Parkbänke auf nahezu jede erdenkliche Weise. Er lässt ihre Sitzflächen Kreise und sogar Loopings beschreiben oder die Rückenlehnen in Wellen verlaufen. Der praktische Nutzen seiner Objekte, die in New York, Singapur, Adelaide und vor dem Kunstmuseum in Mülheim an der Ruhr zu finden sind, ist dementsprechend oft ein wenig eingeschränkt. Die interaktiven Skulpturen, als die Hein seine Kunstwerke begreift, erfüllen zwar überwiegend noch ihre ursprüngliche Funktion, erfordern aber mitunter eine gewisse Körperbeherrschung, um nicht zu sagen: Biegsamkeit ihrer Benutzer.
Hein, Jahrgang 1974, wollte mit seinen Objekten zunächst nur darauf aufmerksam machen, dass Sitzgelegenheiten für jedermann im öffentlichen Raum immer seltener geworden waren. Mittlerweile sind seine Bankobjekte, zu denen später noch deformierte Straßenlaternen hinzukamen, zu einem Markenartikel geworden. Der ehemalige Assistent von Ólafur Elíasson hat seine modifizierten Bänke, die er zum Teil auch in die Vertikale ragen lässt, unter anderem auf der Biennale in Venedig gezeigt und ist international etabliert. In Künstler- und Kuratorenkreisen käme wohl niemand auf die Idee, kunstvoll verbogene Parkbänke auszustellen und zu behaupten, er habe halt zufällig dieselbe Idee gehabt wie Jeppe Hein, von dem er leider, leider noch nie zuvor gehört habe.
Dialog? Leider keine einfache Sache
Kirchenbänke sind keine Parkbänke. Aber auch Kirchenbänke stehen im öffentlichen Raum. Sobald sie hochkant gestellt werden, entfaltet sich ihr skulpturaler Charakter, sie verlieren ihre ursprüngliche Funktion, um eine neue Funktion auszuüben. Die Künstlerin Dorothee Bielfeld hat vor fünfzehn Jahren im Hauptschiff der Christ-König-Kirche in Bochum 29 Kirchenbänke in die Vertikale stemmen lassen. Sie gab ihrer Installation, die im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres 2010 stattfand, den Titel „aufrichten“. Kannte sie damals Jeppe Heins Konzept der „modified social benches“? Das ist gut möglich, denn Kunst entsteht nicht zuletzt aus Kunst, die Rezeption bereits vorhandener Werke führt zur Entstehung von etwas Neuem. So können Künstler über ihre Werke in einen Dialog treten, manchmal über Kontinente und Jahrhunderte hinweg.
Dorothee Bielfeld und Nasan Tur haben dem Vernehmen nach bislang nicht miteinander gesprochen. Tur, wie Jeppe Hein ein ehemaliger Städelschüler, ist einer von etwa hundert Künstlern oder Kollektiven, die eingeladen wurden, ihre Werke in einer der zwölf Kirchen im Ruhrgebiet zu zeigen, in denen zurzeit die Manifesta 16 Ruhr stattfindet. Unter dem Motto „This is not a Church“ will die europäische Wanderbiennale dazu anregen, die bevorstehende Schließung Tausender Kirchen in Deutschland nicht nur als Problem, sondern auch als Chance zu begreifen. Kirchengebäude, die nicht mehr als Gotteshäuser gebraucht werden, sollen als Orte der Begegnung erhalten bleiben und als Stätten des gesellschaftlichen Dialogs das soziale Leben in ihren jeweiligen Vierteln stärken. Aber so ein Dialog ist manchmal keine einfache Sache. Bislang haben Nasan Tur und Dorothee Bielfeld nur übereinander geredet.
Das Publikum soll mitreden: in Kirchenholz geschnitzte Stimmen zu Nasan Turs Installation „Elevation“Hubert SpiegelTurs Installation mit dem Titel „Elevation“ wird in einer ehemaligen Kirche am Rande der Essener Innenstadt gezeigt. Es handelt sich dabei um acht Kirchenbänke, die Tur auf dem Sockel des ehemaligen Altarraums nahezu kreisförmig angeordnet hat. Eine neunte Bank hat der Künstler auf dem ehemaligen Altar aufrichten lassen. Seine begehbare Installation ist nicht das einzige Kunstwerk, das zurzeit in St. Gertrud gezeigt wird. Aber sie ist dort das zentrale Objekt. Was zunächst recht banal klingt – denn auch in der Vertikalen bleibt eine Kirchenbank eine Kirchenbank, entfaltet in der unmittelbaren Anschauung eine erstaunliche Wirkung als monumentales Symbol. Aber Dorothee Bielfeld verlangt, dass Turs Arbeit nicht mehr gezeigt wird. Sie hält „Elevation“ in St. Gertrud in Essen für ein Plagiat von „aufrichten“ in Christ-König in Bochum. Zwischen beiden Kunstwerken liegen sechzehn Jahre und siebzehn Kilometer. Sonderlich viel ist das nicht.
Wie die Kuratorin Leonie Herweg, die den deutsch-türkischen Künstler zusammen mit ihrem Kollegen René Block eingeladen hat, sagt Tur, Dorothee Bielfelds Arbeit sei ihm nicht bekannt gewesen, und zu seinem Bedauern sei er bei seinen Recherchen zum Thema auch nicht darauf gestoßen. Besonders gründlich dürften diese Recherchen wohl nicht gewesen sein. Auch Leonie Herweg und ihren Kollegen im achtköpfigen Kuratorenteam der Manifesta waren Bielfeld und ihre Arbeiten offenbar nicht bekannt. Sie selbst, so Leonie Herweg im Gespräch mit dem Deutschlandfunk, sei 2010 allerdings auch erst dreizehn Jahre alt gewesen. Aus dem Mund einer Kuratorin klingt das Argument altersbedingt eingeschränkter Kunstkenntnisse einigermaßen erstaunlich. Kunstgeschichte als Zeitzeugenschaft?
Die Leitung der Manifesta lässt Bielfelds Vorwurf und die damit verbundene Forderung nun rechtlich prüfen. Genießt das künstlerische Konzept, Kirchenbänke in einem ehemaligen Gotteshaus in der Senkrechten zu arrangieren und so eine begehbare Installation zu schaffen, als geistiges Eigentum den Schutz des Urheberrechts? Dann müsste Turs Arbeit in St. Gertrud abgebaut werden.
Tatsächlich sind die Parallelen bemerkenswert: Einmal neun, einmal 29 Kirchenbänke, die in zwei ehemaligen, nun für Kulturveranstaltungen genutzten Kirchen im Ruhrgebiet in die Vertikale gestemmt werden. Beide Künstler verfolgen einen partizipativen Ansatz. Ihre Installationen sind begehbar, und die Besucher werden aufgefordert, ihre Gedanken, Ideen, Hoffnungen und Ängste zu formulieren und zu teilen. Bielfeld hat die Zettel damals in Metallrohren in der Kirchenwand verschlossen. Tur, der in Berlin lebt und als Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig lehrt, macht die ihm überlassenen Gedanken und Wünsche nun öffentlich, in dem er sie in einem transparenten Behälter sammelt und viele Äußerungen in das Holz der Kirchenbänke schnitzt, wo jeder sie lesen kann. „Wer sind meine Freunde und warum?“, steht dort in englischer Sprache. „Alles wird gut“, besagt eine Inschrift, „Können wir einander verzeihen?“, fragt eine andere.
Dorothee Bielfeld will, dass niemand mehr das liest. Die Bochumer Künstlerin hatte sich bei der Manifesta beworben, wurde aber abgelehnt. Neben St. Gertrud gehört auch die Christ-König-Kirche zu den zwölf Ruhrgebietskirchen, in denen die Manifesta stattfindet. Sechzehn Künstler zeigen dort ihre Arbeiten. Dorothee Bielfeld gehört nicht dazu. Wie die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ berichtet, ist ihre Installation „aufrichten“ für die Dauer der Manifesta hinter einer Stellwand verschwunden.

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