„House of Dragon“ Staffel 3: Ein Kammerspiel schlägt jede Drachenschlacht

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Die dritte Staffel von „House of the Dragon“ beginnt mit einem Meer, das in Flammen steht. Eine Seeschlacht eröffnet den Krieg, brennende Segel stürzen auf kämpfende Männer, und Drachen gleiten über Wellen, auf denen kaum mehr zu erkennen ist, welche Seite die Oberhand hat. Der Regisseur Loni Peristere, einer von vier Regisseuren dieser Staffel, inszeniert das Gemetzel als eine der eindrucksvollsten Schlachtsequenzen, die das „Game of Thrones“-Prequel bisher zu bieten hatte. Zugleich fackelt die Auftaktfolge derart viel Feuerwerk auf einmal ab, dass sich der Zuschauer zwei Jahre nach dem Ende der letzten Staffel fragt, wo er gerade hineingeraten ist.

Die neuen Folgen verzichten auf jeden Zeitsprung und knüpfen unmittelbar an das Ende der zweiten Staffel an: Jene heimlich getroffene Übereinkunft, in der Rhaenyra Targaryen (Emma D՚Arcy) und Königin Alicent Hohenturm (Olivia Cooke) einen Ausweg aus dem Krieg ihrer beiden Familien suchten, zerbricht sofort wieder. Seit dem Tod von König Viserys ist das Haus Targaryen in zwei Lager zerfallen. Da sind die Schwarzen, die hinter Rhaenyra stehen, die ihr Vater zur Erbin bestimmt hatte; und die Grünen hinter Alicent und deren Sohn Aegon (Tom Glynn-Carney), den ihre Familie aus dem Haus Hohenturm auf den Eisernen Thron gehoben hat. George R. R. Martins zugrunde liegende Chronik „Fire & Blood“ tauft diesen Bruderkrieg den Tanz der Drachen.

Aufwühlendes Seelenbild einer Königin

Was „House of the Dragon“ im Getöse seiner Schlachten zusammenhält, sind mehr denn je: seine Figuren. Wir sehen ihnen dabei zu, wie sie ihr vorgezeichnetes Schicksal ertragen und schließlich am eigenen Machthunger zerbrechen. Die Ruhe, die der Auftaktfolge fehlt, findet die Serie in den kommenden Episoden, insbesondere im Spiel von Emma D՚Arcy. In diesen Folgen muss Rhaenyra einen ersten großen Verlust hinnehmen, einen Schlag, der die Königin ins Mark trifft.

D՚Arcy spielt in dieser Szene vor allem als Mutter, die das Schicksal ihrer Kinder nicht begreifen kann und will. Voller Verzweiflung stellt sie Fragen nach Antworten, die sie nicht mehr bekommen wird. Der Schmerz darüber spiegelt sich zunächst nur in ihren Augen, bevor er sich Bahn brechen darf. Was D՚Arcy hier leistet, trägt die Szenen allein über die Kunst des richtigen Blickes. Verortete die Regie sie in der zweiten Staffel noch überwiegend im Klein-Klein höfischer Intrigen, überlässt sie D՚Arcy nun ganz allein die schwere emotionale Arbeit. Die zweite Folge zählt auch beim Publikum schon jetzt zu den bestbewerteten Folgen der ganzen Serie.

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Den kühnsten Zug wagt die Regisseurin Clare Kilner in der von ihr inszenierten dritten Folge: Sie verengt den Blick des sonst so breit aufgestellten Familienepos mit seinen Dutzenden Figuren fast vollends auf Rhaenyra und formt aus dröhnendem Sound, dissonanten Klängen und ungewohnten Kameraperspektiven ein aufwühlendes Seelenbild der Königin. Ein bildliches Leitmotiv sind Ratten, die sich zunehmend in den Aufnahmen einnisten. So weicht die monumentale Größe der Schlachten der unbehaglichen Nähe eines Kammerspiels, wie es Serien dieses Formats eher selten wagen.

Ein guter Teil dieser Wirkung steigt aus dem Orchestergraben. Ramin Djawadi färbt als Komponist mit seiner Musik jenen Teil der Inszenierung von Emotion in dunklen Tönen, der über das Visuelle hinausgeht. Auch der Vorspann verwandelt sich, sein gewebtes Wandbild nimmt neue Motive auf, die den Niedergang des Hauses Targaryen Faden für Faden fortschreiben. Djawadis musikalischer Beitrag zählt seit Beginn zu den verlässlichsten Mitteln der Serie. Er hebt die Einsätze, wo die Handlung ins Stocken gerät. Er nimmt sich zurück, wenn ein Blick genügt. Nur im Kammerspiel mit Rhaenyra drängt er sich etwas nach vorn: brüchig, streckenweise unangenehm, das akustische Spiegelbild einer Königin, die den Boden unter sich verliert.

 eindrucksvoll inszeniert, aber überladenSchlacht von Wasser und Feuer: eindrucksvoll inszeniert, aber überladenHBO

Ebenso entschieden formt auch Showrunner Ryan Condal Martins Roman-Vorlage um. „Fire & Blood“ schildert den Tanz der Drachen aus der Distanz eines Historikers, die Serie stellt sich mitten ins Zentrum dieses Konfliktes der Dynastien. Condal begründet seine Abweichung damit, dass sich eine Familiengeschichte natürlich besser erzählen lasse, wenn das Publikum ihre Wendungen zusammen mit den Familienmitgliedern erleben kann. So gerät Rhaena (Phoebe Campbell), die seit der ersten Staffel als das drachenlose Kind des Hauses gilt, in eine Situation, die die Vorlage der Figur Nettles zuschrieb – einer Gestalt, die in der Serie keinen Platz gefunden hat. Condal beschreibt diesen Augenblick als Wunsch nach Art der Affenpfote, bei der die Wunscherfüllung unmittelbar zum Albtraum wird.

Auffällig ist die Lücke, die zwischen der Rezeption von Kritik und Publikum klafft. Bei Rotten Tomatoes erreichen die ersten Folgen der neuen Staffel mit Werten um 95 Prozent den größten Kritikerzuspruch ihrer Geschichte, während die Zuschauerwertung zur Premiere auf derselben Plattform auf rund 70 Prozent fiel. Letztere wurde auch durch die Empörung über besagte Eingriffe in die Vorlage befeuert. Der Zuschnitt der Serie auf Rhaenyra dagegen versöhnt beide Lager.

Die Rechnung der Staffel geht trotzdem auf. Vor allem dort, wo sie dem Spektakel trotzt. Drachen und brennende Flotten liefern Bilder von imposanter Gewalt, doch ihre eigentliche Kraft findet sie im Gesicht von Emma D՚Arcy. In dem Moment, wenn die Kamera ruht und wartet, bis das Herz einer Königin begreift, was ihr Kopf längst gehört hat.

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