Streit in Venedig: Beleidigend und unerfahren

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Die Dirigentin Beatrice Venezi, ein Liebling der Regierung Meloni, wird im Herbst doch nicht die musikalische Leitung des Fenice in Venedig übernehmen. Das wurde am Sonntag überraschend nach monatelangem Streit bekannt gegeben, während in dem Opernhaus gerade „Lohengrin“ gespielt wurde: Die Theaterstiftung habe beschlossen, „alle zukünftigen Kooperationen mit Maestro Beatrice Venezi zu beenden“.

Die Entscheidung sei unter anderem „wegen wiederholter schwerwiegender öffentlicher Äußerungen der Dirigentin“ getroffen worden, „die beleidigend sind und den künstlerischen und beruflichen Wert“ des Fenice beeinträchtigten und unvereinbar seien „mit dem Schutz und dem Respekt, der den Orchestermusikern gebührt“. Die Nachricht wurde im Saal begeistert aufgenommen. Am Ende von „Lohengrin“ brandete tosender Beifall von Zuschauern und Musikern auf. Jemand rief: „Liberazione!“ – „Befreiung!“

Orchestermusiker und Arbeiter des Opernauses La Fenice bei einer Protestaktion gegen die Ernennung von Beatrice Venezi im November 2025Orchestermusiker und Arbeiter des Opernauses La Fenice bei einer Protestaktion gegen die Ernennung von Beatrice Venezi im November 2025AP

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war ein Interview der 36 Jahre alten Musikerin mit der argentinischen Zeitung „La Nación“. Venezi fällt darin ein hartes Urteil über ihre zukünftigen Kollegen. „Ich habe keine Gönner“, sagte sie, „das ist der Unterschied. Ich stamme nicht aus einer Musikerfamilie. Und dies ist ein Orchester, in dem die Positionen praktisch vom Vater an den Sohn weitergegeben werden.“ Der Intendant Nicola Colabianchi hatte in der Vergangenheit sogar Nachsicht gezeigt, als sie die Leitung seines Hauses „anarchisch“ nannte. Der Vorwurf des Nepotismus war jedoch zu viel. Auch Kulturminister Giuli, der Venezi oft in höchsten Tönen gelobt hat, unterstützte die Entscheidung. Er hoffe, dass nun „Spannungen und Instrumentalisierungen jeglicher Art aus dem Weg“ geräumt werden könnten.

Die Geschichte zwischen dem Opernhaus und Venezi war von Anfang an von ihnen geprägt. Die Regierung Meloni hat für Italiens Kultur das Ziel formuliert, die vermeintliche „Hegemonie“ der Linken brechen zu wollen. Deshalb besetzt sie leitende Positionen von Kultur- und Medieninstitutionen mit rechtsnahen Persönlichkeiten, die den fachlichen Anforderungen jedoch oftmals nicht genügen. Für Wirbel hatte zuletzt die Blamage der RAI gesorgt, deren Sportdirektor sich vollkommen unfähig zeigte, die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele zu moderieren.

Vorwurf des Machismo gegenüber den Protestierenden

Auch bei Venezi war schnell klar, dass die Leitung des Fenice in keinem Verhältnis zu ihrer beruflichen und fachlichen Reife steht. Ihr Pluspunkt soll vor allem ihr freundschaftliches Verhältnis zu Giorgia Meloni gewesen sein, deren Parteitag Venezi besuchte, als sich abzeichnete, dass Meloni die Wahlen gewinnen würde. Beatrice Venezi ist jung, ehrgeizig und attraktiv und sollte das Gesicht der neuen kulturellen Vorherrschaft der Rechten werden. Sie ließ sich „Dirigent“ nennen, in der männlichen Form, genau wie Meloni, die sich als Ministerpräsident anreden lässt.

In Venedig hatte sie sofort alle gegen sich: die Techniker, die Künstler, die Chormitglieder, das Orchester. Kritisiert wurde ihr beruflicher Werdegang sowie mangelnde Transparenz bei ihrer Ernennung. Es gab Streiks, Forderungen nach dem Rücktritt von Intendant Colabianchi, die Opernpremiere von „Wozzeck“ fiel dem Protest zum Opfer. Ihre Kritik sei rein technischer Natur, betonten die Streikenden, wurden aber des Machismo und der Unfähigkeit für Veränderungen bezichtigt. Der Streit nahm bald eine ideologische Dimension an: Von rechts wurde Venezi verteidigt, von links angegriffen. Beim Neujahrskonzert, das von der RAI übertragen wurde, trugen die Orchestermusiker Protestnadeln. Anstatt das Gespräch zu suchen, reagierte Venezi sarkastisch: Mit Swarovski-Steinen wären die Nadeln hübscher gewesen, sagte sie.

Am Ende wurde ihr diese verbale Dreistigkeit zum Verhängnis. Oder hat Venezi bewusst provoziert? Manche glauben, sie habe mit ihrer Äußerung gegenüber der argentinischen Zeitung eine Angelegenheit beenden wollen, die für sie selbst beruflich immer komplizierter wurde. Dass sie das kommende Neujahrskonzert, ein musikalischer Höhepunkt in der Lagune, wegen „anderer Verpflichtungen“ nicht dirigieren werde, hatte sie schon angekündigt. Vielleicht fühlte sie sich der Herausforderung auch nicht gewachsen. Man darf nun gespannt sein, wen das Kulturministerium als Nächstes in die Lagune schickt. Kulturelle Exzellenz ist nichts, das man in wenigen Jahren improvisieren kann.

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