Eine frische Brise weht mir um die Nase, ich ziehe den Kragen meiner Jacke hoch. Da sehe ich zwei große Scheinwerfer in der Dunkelheit aufleuchten. Die Türen öffnen sich und ich steige nach dem Feierabend in den Bus. »Hallo«, sagt der Fahrer. Und als ich ihm in die Augen schaue, bilde ich mir ein, dass dieser Moment für ihn so magisch ist wie für mich. Es ist unsere letzte Fahrt.
Also unsere letzte Fahrt für die kommenden zwei Tage. Denn von Hamburg bis München streiken heute Zehntausende ÖPNV-Beschäftigte für bessere Arbeitsbedingungen, die meisten Busse und Bahnen stehen still. Und wie das so ist: Erst wenn etwas verloren geht, spürt man wieder, wie sehr man es vermisst.
Wie Millionen Pendlerinnen und Pendler in Deutschland wäre ich heute beseelt vom warmen und hellen Frühlingsmorgen zur U-Bahn gelaufen. Ich hätte mich zwischen fremde Menschen gequetscht, wäre zwei Stationen weiter in den Bus umgestiegen und hätte wie immer vergeblich gehofft, dass dieses Mal ein Sitzplatz frei ist. Ich hätte darüber nachgedacht, ob ich mein »Die Schatzinsel«-Hörbuch zu Ende hören will oder ob ich die Kopfhörer in der Tasche lasse, in der Hoffnung, dass ich Gespräche über Nagellack, »Marty Supreme« oder die Telefonverhandlungen eines Managerheinis belauschen könnte.
In Bussen und Bahnen eröffnen sich neue Welten. Ich bleibe heute in meinen eigenen vier Wänden.
Sonnenaufgang in einer Straßenbahn: Wo ist der Morgen schöner?
Foto: Julian Stratenschulte / dpa / picture allianceAndere sind auf das Auto umgestiegen oder auf das Fahrrad, irgendwie muss man ja zur Arbeit oder zur Schule. Aber sie alle werden festgestellt haben, dass der Zauber fehlt.
Auf dem Fahrrad kann man ganz schlecht Hausaufgaben abschreiben. Wie viele Schülerinnen und Schüler bekommen deswegen heute einen Strich im Klassenbuch? Vom Fünf-Minuten-Nickerchen in der letzten Reihe will ich gar nicht anfangen. Lehrer sollten heute besonders nachsichtig sein.
Und das Auto? Die wichtigsten Menschen der Welt sitzen nicht selbst am Steuer, sondern lassen sich fahren. Busse und Bahnen sind die Limousinen des kleinen Mannes und der kleinen Frau. Mit Panoramafenstern. Man sollte sich nicht mit weniger zufriedengeben.
U-Bahn in Berlin: ÖPNV-Spaceshuttle
Foto: Carsten Koall / dpa / picture allianceAber natürlich brauchen wir Busse und Bahnen nicht nur für die Arbeit. Nein, sie sind unser Spaceshuttle, unsere »Discovery«, unsere »Endeavour«. Sie bringen uns an abgelegene Orte, die danach schreien, entdeckt zu werden. Mit der 686 erreicht man in Solingen zum Beispiel das Jammertal, mit der Linie 3 kann man im Ilm-Kreis die Neudietendorfer Feuerwehr besuchen und dank der 105 von Schwandorf aus losfahren, um über den Wackersdorfer Marktplatz zu schlendern.
Am Wochenende wollen wir Ausflüge machen, die Welt sehen. Zehntausende Fußballfans fahren quer durch Deutschland, um ihr Team zu unterstützen, andere wollen vielleicht Tennis spielen, ins Kino, ins Theater, einfach mal wieder essen gehen in der Stadt. Und wie kommen wir dahin?
Wie wichtig der Nahverkehr für uns ist, merken wir heute. Ohne Busse und Bahnen geht uns ein großes Stück Freiheit verloren.
Am Sonntag werde ich mich wieder in einen Bus setzen, an einen Fensterplatz. Ich werde hinausschauen und an Ampeln auf die angespannten Gesichter der ewigen Autofahrer schauen. Eines Tages werden sie vielleicht auch verstehen, was es heißt, in einer Kurve im Faltenbalg eines Gelenkbusses zu stehen.

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