Wer sich für Street-Art, für Pop- und Post-Pop-Kultur interessiert, wird Invader schon 2010 in Banksys Film „Exit through the Gift Shop“ begegnet sein, der 2011 für den Oscar als bester Dokumentarfilm nominiert war (ihn aber nicht bekam). Banksys „Mockumentary“ zeichnet so rasant wie witzig den Weg der einst anarchischen Kunstbewegung in den Kommerz ironisch nach. Dass es in den einschlägigen Kreisen seiner Generation aber einen inneren Zusammenhalt gibt, ließ sich im Frühjahr in Damien Hirsts Londoner Newport Street Gallery betrachten, in der Ausstellung „Triple Trouble“.
Hirsts ältester Sohn Connor, Jahrgang 1995, hatte die Schau kuratiert, in der die Altvorderen – Damien Hirst selbst, Shepard Fairley (der das berühmte „HOPE“-Plakat für Barack Obamas Wahlkampf 2008 schuf) und Invader – keinerlei Berührungsängste zeigten. Vor allem Hirst war bei den Kooperationen mit den Kollegen von der Street-Art schmerzfrei. So tummeln sich auf einem seiner großen „Blossom“-Gemälde Invaders fröhliche Pixel-Kreaturen, oder in einem mit Formaldehyd gefüllten Bassin badet eine solche Figur als „Secret from the Deep“.
Es gibt einen Namen, aber kein Gesicht
Wer also ist dieser Künstler, der sich Invader nennt und dessen Gesicht bis heute der Öffentlichkeit unbekannt ist, stets hinter Masken oder Pixeln verborgen? Hinter dem Pseudonym verbirgt sich wohl, wenngleich von ihm selbst nie bestätigt, Franck Slama. Geboren 1969 in Paris, verfügt er, so heißt es, über Master-Abschlüsse der Sorbonne und der École nationale supérieur des beaux-arts de Paris. Seinen nom de guerre wählte er nach dem japanischen Computerspiel „Space Invaders“, das 1978 erschien und die „Shoot ’em up“-Videospiele maßgeblich prägte.
Invader begann 1998 – etwa zur gleichen Zeit wie Banksy mit seinen Schablonen in Bristol –, Figuren der „Space Invaders“ als zunächst nur kleine Mosaikbilder heimlich an Pariser Wänden zu befestigen. Sein Material dafür sind Keramikkacheln. Invader ist wohl der weltweit bekannteste, unerkannte Mosaizist der Gegenwart. Seine Eingriffe, inzwischen im globalen urbanen Raum, nennt er „Invasionen“, fern jeder bellizistischen Absicht.
Huldigung von Damien Hirst in der Londoner Newport Street Gallery: „Secret of The Deep“ zeigt eine typische Invader-Figur statt einen Hai im Tank.Imago/VG Bild-Kunst, Bonn 2026Mittlerweile gibt es weit über 4000 solcher Interventionen in rund 90 Städten in mehr als 30 Ländern. In Deutschland sind das etwa Berlin, Köln, München, auch Frankfurt; in der Schweiz Basel oder Bern; in Österreich vor allem Wien. Der Wiedererkennungswert ist enorm, entsprechend zahlreich sind die copycats, die Nachahmer also. Vor Diebstahl hat Invader seine Mosaike inzwischen weitgehend gesichert; sie gehen kaputt beim Versuch, sie von ihrem Untergrund abzulösen.
Es gehört zur DNA der Street-Art, dass sie nicht legal ist. Entsprechende Strafverfolgung hat Invader allerdings kaum zu fürchten, weil seine freundlichen Übergriffe in den von ihm heimgesuchten Städten regelrecht willkommen sind. Und natürlich weiß auch er, wie man eine treue Gemeinde zusammenhält. Allein sein Instagram-Account „invaderwashere“ verzeichnet 743.000 Follower.
Bausteine aus der Kunstgeschichte
Sicher auch, um den Kunstmarkt bedienen zu können, erweiterte er sein Repertoire mit dem „Rubikcubism“. So heißen sie nach dem seit 1980 weltbekannten Zauberwürfel, den der ungarische Architekt und Designer Ernő Rubik 1974 erfand. Unter Verwendung der farbigen Felder von Rubik-Würfeln schafft Invader berühmte Kunstwerke, Gesichter bekannter Personen, Motive aus Filmen oder Kultur in seiner Pixel-Ästhetik nach. Die unterschiedlichen, miteinander verbundenen Oberflächen bilden großformatige Mosaike.
An passendem Ort in Paris: Invaders Hommage an VermeerRose-Maria GroppSeltene Varianten dieser Technik finden sich seither auch an den Mauern der Städte, eine der charmantesten in seinem heimischen Revier Paris: Im Marais-Viertel freut man sich, um die Ecke vom Picasso-Museum in der Rue de Thorigny, über das Wiedersehen mit Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrring“ – in der Rue de la Perle. Das zierliche Keramikmosaik neben dem Straßenschild erinnert in seiner Wirkung nicht zufällig an den Pointillismus.
Blickt man auf den Kunstmarkt, so sind die Summen, die dieser friedliche Eindringling erzielt, beachtlich. Den bisher höchsten Auktionspreis gab es im November 2019 bei Sotheby’s in New York mit 1,22 Millionen Dollar inklusive Aufgeld (der Zuschlag erging bei einer Million) für das gut ein mal 1,3 Meter messende „Tk_119“ von 2014. Das Kachelbild zeigt den „Astro Boy“ der gleichnamigen japanischen Manga-Serie; das ist Invaders spezielle Form der Appropriation. Eine Version desselben Motivs hatte zuvor die Unterseite einer Eisenbahnbrücke in Tokio geschmückt. Vom vorübergehenden NFT-Boom hielt er sich fern, um weiter auf physische Werke zu setzen. Womöglich hätte die Produktion von NFT seinem konsequenten Strategiekonzept der „Infiltration“ des öffentlichen Raums doch zu sehr widersprochen.
Das teuerste versteigerte Werk Invaders: „Astroboy“ von 2014 kam bei Sotheby’s in New York auf 1,22 Millionen Dollar.Sotheby'sAuf „Astro Boy“ folgen vier Werke der Rubikcubism-Serie, die begehrt und rar sind. Invader produziert solche Arbeiten, die er „tableau-object“ nennt, nicht in vergleichbaren Mengen für den Markt wie seine erfolgreichen Kollegen, zum Beispiel Hirst. Mit dem Endpreis von 492.600 Euro, im Dezember 2020 bei Artcurial in Paris, ist „Rubik Space“ von 2005 am teuersten bezahlt. Das Großformat ist aus 391 Würfelsegmenten zusammengesetzt. Ebenfalls bei Artcurial hatte im Februar 2020 die komplexe Assemblage einer „Rubik Mona Lisa“ 480.200 Euro gekostet. Gleich zweimal ist in Invaders Top Ten dann ein „Rubik-Dalai-Lama“ vertreten, für 468.250 und 375.000 Euro.
Das, für Invader nachgerade klassische, 1,65 mal 2,36 Meter messende Kachelmosaik eines „Space Invader“-Charakters von 2008 erforderte im Mai 2019 starke 356.200 Euro. „Vienna“, der Titel nach der Stadt des ursprünglichen Erscheinens, gehört in die Gruppe der von ihm „Aliases“ genannten Mosaike, weil diese ihre Vorläufer im urbanen Raum haben.
Wie nun seitens der Kunstkritik mit Invader verfahren? Dass er ein wichtiger – neben Banksy vielleicht der wichtigste – Street-Artist ist, wird kaum jemand ernsthaft bestreiten wollen. Anders als Banksy hält er es dabei eher mit der Poesie. Zweifellos handelt es sich um Konzeptkunst, zumal Invader seine Unternehmungen akribisch dokumentiert. Außerdem gehört er in die Kategorie des typischen Flaneurs, in mancher Hinsicht durchaus eine Kunstform. Doch vor allem ist Invader unterwegs als ein Homo ludens. Was mit dem „Space Invaders“-Spiel begann, ist zu einem verfeinerten System geworden. Mit seinen Interventionen überzieht er die Metropolen mit dem Netz seiner zeichenhaften anderen Wegmarken.

vor 3 Stunden
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