Frau Müller, das Wort „abhitlern“ taucht in Ihrem Buch über die Radikalisierung der ostdeutschen Jugend mehrfach auf. Was bedeutet es?
Es ist ein gängiger Begriff unter rechten Jugendlichen. Zum ersten Mal begegnete mir das Wort in Unterlagen des sächsischen Verfassungsschutzes. Später habe ich festgestellt, dass Jugendliche es ganz selbstverständlich benutzen. Wenn einer aus der Freundesgruppe Hitlergruß macht, heißt das „abhitlern“.
„Abhitlern“ ist für Sie auch ein Hinweis darauf, wie selbstverständlich rechtsextreme Begriffe geworden sind. Das trifft auch auf Hakenkreuze im öffentlichen Raum zu. Warum handelt es sich dabei um mehr als vereinzelte Straftaten?
Ich beobachte diese Radikalisierung im Osten seit mehr als zwanzig Jahren. Über Hakenkreuzschmierereien habe ich schon in den Nullerjahren geschrieben. Damals tauchten sie immer wieder in bestimmten Wohngebieten auf. Heute sehe ich Hakenkreuze an Garagen, eingeritzt in Bäume oder irgendwo hingeschmiert. Und die Menschen laufen daran vorbei. Es scheint kaum noch jemanden zu stören. Ich glaube, dass es bis zum Beginn der Corona-Zeit noch eine Schamgrenze gab. Rechtsextreme Einstellungen waren da, aber viele Menschen wollten sich öffentlich nicht damit identifizieren. Nach Corona hatte ich den Eindruck, dass gerade unter Jugendlichen andere Themen verschwunden sind. Klima oder Umwelt spielten kaum noch eine Rolle. Stattdessen ging es immer häufiger um die Frage: Bist du rechts oder links?
Manuela Müller arbeitet für die „Freie Presse“ in Chemnitz.Maximilian GödeckeSie hätten über die Radikalisierung der Jugend auch ein klassisches Sachbuch schreiben können. Doch Sie haben sich Ihre Heimat Sachsen als Untersuchungsgegenstand ausgesucht und erzählen über Freundschaften, Familien und Liebesbeziehungen. Warum?
Weil es über die gesellschaftlichen Zusammenhänge inzwischen viele Analysen gibt. Mich hat etwas anderes interessiert. Ich wollte erzählen, was Radikalisierung mit Beziehungen macht. Mit Freundschaften, Familien, in der Liebe. Ich glaube, dass man diesen Prozess erst versteht, wenn man die Menschen versteht.
Was verraten Beziehungen, was Statistiken nicht zeigen?
Dass Radikalisierung oft gar nicht mit Ideologie beginnt. Da verliebt sich ein Mädchen in einen Jungen. Der Junge ist rechts. Dann ist das Mädchen plötzlich auch rechts, ohne überhaupt zu wissen, worum es politisch eigentlich geht. Oder ein Jugendlicher möchte einfach Teil einer Gruppe sein, weil es in seinem Dorf kaum Alternativen gibt.
Sie spielen auf einen Jungen aus einem Dorf an, der als Einziger links ist. Dennoch hängt er mit den Rechten ab. Sie hören bestimmte Musik nicht, wenn er dabei ist, und nennen ihn die „gute Zecke“.
Ja. Eigentlich würde man sagen: Das geht gar nicht. Aber sie haben sich arrangiert.
Trotzdem geht es um eine menschenverachtende Ideologie. Wie kann man darüber hinwegsehen?
Das habe ich mich auch gefragt. Ich kann das nicht beantworten.
Zum Rechtssein gehört auch ein bestimmter „Lifestyle“. Woran erkennt man ihn?
Das beginnt oft mit Äußerlichkeiten. Die Jugendlichen sehen ältere Jungen oder junge Männer mit einem bestimmten Scheitel, bestimmten Marken oder einem bestimmten Auftreten. Sie wirken geschlossen, selbstbewusst und stark. Für viele Jugendliche sieht das erst einmal cool aus. Sie übernehmen die Kleidung, die Frisur, den Stil, tragen Lonsdale, Fred Perry. Sie wollen dazugehören, Teil einer Gruppe sein. Mit dem Aufstieg der AfD sind weitere Hemmschwellen gefallen.
Das klingt so, als wäre die Jugend in Sachsen verloren.
Nein! Die Tür zurück muss immer offen bleiben, in diesem Alter erst recht. Ich habe Menschen kennengelernt, die ihre Haltung verändert haben. Einer meiner Protagonisten war zunächst in einer rechten Szene. Dann zog er um, lernte andere Menschen kennen und fand Anschluss an eine linke Gruppe. Heute vertritt er völlig andere Positionen. Solche Biographien zeigen mir, dass Entwicklungen nicht zwangsläufig und nicht endgültig sind. Natürlich gibt es auch unter Jugendlichen überzeugte Rechtsextreme.
Diese überzeugten Rechtsextremen trifft man unter anderem beim Simson-Festival auf dem Zwickauer Flugplatz. Warum gerade dort?
Ich hatte das Bild eines typischen Mopedfestivals vor Augen: Jugendliche und junge Menschen, hauptsächlich Männer, die zelten, an ihren Maschinen schrauben, feiern und trinken. Dann kamen die ersten Jugendlichen mit Stahlhelmen. Kurz darauf habe ich gesehen, wie sich junge Leute ganz selbstverständlich mit Hitlergruß begrüßten. Ein Mädchen trug eine neongelbe Warnweste mit Hakenkreuzen. Und niemand hat reagiert.
Sie haben anschließend mit dem Veranstalter gesprochen.
Ja. Er hat überhaupt nichts abgestritten. Er erzählte mir, dass sie schon seit Jahren Probleme mit Hakenkreuztattoos, Fahnen und anderen rechtsextremen Symbolen haben. Er sagte auch, dass andere Festivals in der Region ähnliche Erfahrungen machen. Ein Jahr später war Landtagswahl in Sachsen. Überall in Zwickau, wo das Mopedfestival war, hingen AfD-Wahlplakate mit dem Slogan „Simson statt Lastenrad“. Auch Björn Höcke ließ sich mit Simson fotografieren.
Manuela Müller: „Die Jugend malt wieder Hakenkreuze“Klett-CottaWie konnte ausgerechnet die Simson zu einem politischen Symbol werden?
Zunächst einmal gar nicht. Für Jugendliche auf dem Land bedeutet eine Simson vor allem Freiheit. Sie fährt schneller als viele andere Mopeds. Das macht einen großen Unterschied. Wer auf dem Dorf lebt, weiß, wie wichtig Mobilität ist. Die Simson ließ sich wunderbar mit ostdeutscher Geschichte verbinden. Plötzlich wurde sie zum Symbol für Heimat und Ostidentität.
Junge Männer spielen in Ihrem Buch eine große Rolle. Ist die Radikalisierung der Jugend auch eine Geschichte über Männlichkeit?
Die Jugend ist eine Zeit des Umbruchs und der Suche nach Orientierung. Gerade in diesem Alter suchen viele nach Identität und Zugehörigkeit. Natürlich spielt es eine Rolle, wenn jemand wie Maximilian Krah – der bei uns einen Wahlkreis im Bundestag vertritt – in sozialen Netzwerken Botschaften verbreitet wie: „Echte Männer sind rechts.“ Solche Aussagen bieten jungen Männern ein Rollenbild an. Ob man deshalb aber von einer generellen Krise der Männlichkeit sprechen kann, da wäre ich vorsichtig.
Sie schreiben, dass Sie Angst haben, Ihre Heimat könnte gerade kaputtgehen. Fühlen Sie sich in Zwickau noch zu Hause?
Ich kann diese Frage gar nicht so einfach beantworten. Heute zum Beispiel hatte ich frei. Mein Vater hatte einen Termin im Krankenhaus, und ich habe ihn begleitet. Wir saßen im Wartebereich, als sich zwei ältere Männer über eine muslimische Frau lustig gemacht haben, die verschleiert durch den Flur lief. Wenn ich so etwas höre, muss ich sagen: Nein, in solchen Momenten fühle ich mich überhaupt nicht wohl. Andererseits sind das nicht die Menschen, die mein Umfeld ausmachen. Mein Umfeld sind meine Freunde. Menschen, die ähnliche Werte haben wie ich. Mit ihnen fühle ich mich sehr wohl.
Trotzdem haben Sie in diesem Moment nichts gesagt.
Nein. Mein Vater stand an diesem Tag vor einer Untersuchung. Ich wollte in diesem Moment keinen Konflikt anfangen.
Zu diesem Alltagsrassismus gesellt sich der Rassismus unter Polizisten, die in Whatsapp-Statusmeldungen menschenverachtende Mitteilungen machen.
Ein Polizist lud das Porträt eines dunkelhäutigen Kindes hoch. Dem kleinen Jungen krabbelten Dutzende Fliegen übers Gesicht, er sah unendlich traurig aus. Über dem Kindergesicht stand ein Spruch: „Hab mir jetzt eins hiervon gekauft. Zwei Euro im Monat und funktioniert besser als die Klebebänder, die man von der Decke hängt.“ Ein hungerndes Kind als lebendige Fliegenfalle. Diese Art von Humor findet sich häufiger.
Warum haben Sie die Polizisten nicht darauf angesprochen?
Mein erster Impuls war natürlich, darauf zu reagieren. Aber ich bin Reporterin. Wenn ich sofort diskutiere, verliere ich den Einblick, weil man mich aus dem Status entfernt und ich nichts mehr sehen kann.
Eine weitere Geschichte des Buchs handelt von einer Siebzehnjährigen, die in die Justizvollzugsanstalt kommt. Plötzlich sitzt sie mit Beate Zschäpe am Basteltisch.
Das Mädchen sollte eigentlich resozialisiert werden. Es war mitten in seiner Entwicklung. Und plötzlich sitzt es regelmäßig mit einer der bekanntesten Rechtsterroristinnen Deutschlands zusammen und puzzelt Minions zusammen.
Wie kann so etwas passieren?
Zunächst einmal muss man sagen: Es gab dafür einen strukturellen Grund. Für männliche Jugendliche gibt es eigene Jugendstrafanstalten. Für Mädchen ist das vielerorts anders geregelt. Sie werden häufig im Frauenvollzug untergebracht. Dort gibt es gemeinsame Angebote, und so begegnet man sich eben.
Trotzdem fragt man sich, warum niemand gesagt hat: Dieser Kontakt ist verheerend.
Ja. Wir sprechen hier über eine Frau, die wegen ihrer Rolle im NSU zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Und daneben sitzt eine Jugendliche, deren Persönlichkeit sich noch entwickelt. Nach meiner Berichterstattung reagierte das Ministerium. Es wurden Regeln geschaffen, damit solche Begegnungen künftig verhindert werden.
Die Schule ist ein Ort, der die Radikalisierung Jugendlicher verstärken oder ihr entgegenwirken kann. Welche Verantwortung tragen Lehrer und Erzieher?
Eine sehr große. Schule ist einer der wenigen Orte, an denen Jugendliche mit sehr unterschiedlichen Lebenswelten zusammentreffen können. Gerade deshalb finde ich unser Schulsystem problematisch, weil Kinder bereits nach der vierten Klasse getrennt werden. Wir sortieren Kinder mit zehn Jahren auf unterschiedliche Schulformen. Dadurch trennen wir auch Lebenswelten. Viele Kinder aus akademisch geprägten Familien gehen aufs Gymnasium. Andere besuchen die Oberschule. Aber wenn sich diese Gruppen kaum noch begegnen, fehlen auch die gegenseitigen Korrektive.
Auch den Geschichtsunterricht sehen Sie kritisch.
Wir unterrichten Geschichte chronologisch. Das ist nachvollziehbar. Aber wenn Radikalisierung bereits mit dreizehn oder vierzehn beginnt, muss man sich fragen, ob Themen wie Nationalsozialismus, Holocaust, Antisemitismus und Demokratiebildung nicht deutlich früher behandelt werden sollten. Wir sollten Geschichte an dieser Stelle anders denken.
In Ihrem Buch erzählen Sie nicht nur von Jugendlichen, sondern auch von ihren Eltern. Zum Beispiel von Judith, deren Sohn immer tiefer in die rechte Szene gerät.
Viele Eltern wissen schlicht nicht, wie sie ihre Kinder noch erreichen sollen. Judith fragt sich: Wie hole ich mein Kind da wieder heraus? Was mache ich, wenn mein Sohn bei der freiwilligen Feuerwehr ist, die von Menschen mit rechter Gesinnung geprägt wird? Oder wenn der gesamte Freundeskreis nach rechts rückt? Wenn das soziale Umfeld fast vollständig von rechten Gruppen geprägt ist, fragen sich Eltern irgendwann, ob sie ihre Kinder dort überhaupt noch erreichen können.
Ihr Buch wird für Aufregung und Ablehnung sorgen. Haben Sie Angst davor, von Rechtsextremen bedroht zu werden?
Warum? Ich schaue den Menschen ins Leben, anstatt sie abzustempeln.
Manuela Müller: „Die Jugend malt wieder Hakenkreuze“. Von der Radikalisierung einer Generation. Tropen Verlag, Stuttgart 2026. 240 S., br., 18,– €.

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